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23.09.2015

16:45 Uhr

Dank Zinspolitik der Fed

So viel Geld für Aktienrückkäufe wie nie zuvor

Der zögerliche Kurs der Fed beim Thema Zinswende hat in den USA viele Analysten verärgert. Doch am Ende könnten die Anleger sich freuen: Es wird erwartet, dass Unternehmen Rekordsummen bei Aktienrückkäufen investieren.

Den US-Unternehmen steht 2015 für Aktienrückkäufe soviel Geld zur Verfügung wie nie zuvor. ap

Wall Street

Den US-Unternehmen steht 2015 für Aktienrückkäufe soviel Geld zur Verfügung wie nie zuvor.

New YorkFür Anleger am amerikanischen Aktienmarkt könnte sich Janet Yellens Zögern bei der US-Zinswende auszahlen. Denn dass die Chefin der Notenbank Fed bislang höhere Zinsen scheut, treibt Anlagestrategen zufolge den Boom bei Aktienrückkäufen und Sonderdividenden kräftig an. Der Grund ist eine einfache Rechnung für die US-Konzerne: Die auf Pump finanzierten Ausschüttungen sind billiger als klassische Dividendenzahlungen. In diesem Jahr haben US-Firmen auf diesem Weg bereits Milliardensummen an ihre Anteilseigner ausgezahlt.

Nun hat die US-Notenbank dafür gesorgt, dass geliehenes Geld vorerst billig bleibt: Aus Rücksicht auf den schwächelnden Wirtschaftsriesen China und die unsicheren Aussichten für die globale Konjunktur hatte die Fed vergangenen Donnerstag auf die erste Erhöhung der Zinsen seit fast zehn Jahren verzichtet und sie auf dem Rekordtief von null bis 0,25 Prozent belassen. Die meisten Experten rechnen nun erst für Dezember mit einer strafferen Geldpolitik.

Unternehmen seien derzeit deswegen in einer Art „Nirwana“ was die Aufnahme von Fremdkapital angehe, sagt ein Anleihespezialist aus den USA. Insgesamt könnten die im US-Index S&P 500 gelisteten Firmen in diesem Jahr rund 897 Milliarden Dollar für den Kauf eigener Papiere bereitstellen, rechnet Analyst Robert Leiphard vom Analysehaus Birinyi Associates vor. Das würde den bisherigen Rekordwert von 863 Milliarden aus dem Jahr 2007 toppen. Einige Analysten rechnen wegen der verschobenen Zinswende sogar mit noch höheren Summen.

Dem Portfolio-Strategen Scott Kimball vom Vermögensverwalter Taplin, Canida und Habacht zufolge haben sich für diejenigen, die in Erwartung höherer Zinsen ihre Aktienrückkäufe zurückfahren wollten, nun wieder Spielräume eröffnet. Gleichzeitig bleibe die Nachfrage nach Unternehmensanleihen hoch, betont Bond-Analyst Hans Mikkelsen von Bank of America Merrill Lynch. Anleger gingen zunehmend davon aus, dass die Fed die Zinswende sogar länger als bis Dezember hinauszögern werde. Damit schwinde die Aussicht, dass Staatspapiere auf absehbare Zeit eine erkleckliche Rendite abwerfen.

Firmen wie Apple oder MetLife, die auf hohen Bargeld-Reserven sitzen, nehmen deshalb lieber weitere Schulden auf, um eigene Aktien zurückzukaufen. Trotz der Zinsbelastung geht die Rechnung für diese Unternehmen derzeit auf: Bond-Analysten zufolge zahlt ein Mitglied der ersten Börsenliga derzeit rund 2,2 Prozent Zinsen für eine Anleihe mit fünf Jahren Laufzeit, hingegen kosteten Dividendenzahlungen rund drei Prozent jährlich.

Wie es nach dem Fed-Entscheid weitergeht

Zinswende bleibt vorerst aus

Noch scheuen sich die Geldpolitiker um Fed-Chefin Janet Yellen, erstmals seit Jahren wieder am Geldhahn zu drehen. Allerdings könnte die US-Notenbank noch in diesem Jahr handeln – und damit auch die Konjunktur im Euroraum anschieben. Seit Ende 2008 liegen die Zinsen in den USA, zu dem Banken Zentralbankgeld leihen können, auf dem Tief zwischen null und 0,25 Prozent.

Warum hat die Fed die Zinsen diesmal nicht angehoben?

Ein Hauptgrund sind die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten. Im August hatte ein Kurssturz in China Europas Börsen in einen Abwärtsstrudel gezogen und an der Wall Street für massive Verluste gesorgt. „Wir achten insbesondere auf China und aufstrebende Märkte“, sagt Yellen. Die Fed spricht von „globalen wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen“, die den Aufschwung gefährden könnten.

Spielt das die Hauptrolle für die Entscheidung der Notenbanker?

Nein. Am wichtigsten sind hohe Beschäftigung und ein stabiles Preisniveau. Die Inflation liegt aber noch deutlich unter dem Zielwert von zwei Prozent, und vom Arbeitsmarkt kommen trotz hoffnungsvoller Zeichen zwiespältige Signale. Aus Sicht von Ökonomen wie Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau ist eine Zinserhöhung angesichts der US-Konjunktur aber schon lange überfällig: „Die US-Wirtschaft dürfte weiter kräftig wachsen, es herrscht praktisch Vollbeschäftigung und die Inflation, obwohl auf niedrigem Niveau, sollte sich in Richtung Zielwert der Fed von zwei Prozent bewegen.“ Die aktuelle US-Konjunkturlage verlange eine Bewegung hin zu Leitzinsen zwischen 2 und 3 Prozent.

Also geht die Spekulation um die Zinswende weiter?

Die Mehrzahl der Notenbanker ist nach wie vor der Meinung, dass die Fed das Ende ihre Nullzinspolitik noch dieses Jahr einläuten sollte. Der Offenmarktausschuss tagt bis Jahresende nur noch zweimal: Ende Oktober und am 16. Dezember. Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, erwartet spätestens im Dezember die Zinswende: „Reagieren Janet Yellen und ihre Kollegen auch nicht zum Jahresende, verspielen die Notenbanker ihre Glaubwürdigkeit.“

Ist die Fed zu zaghaft?

Nach Einschätzung vieler Beobachter schon. „Einen Zeitpunkt, zu dem eine Zinserhöhung in einer völlig stabilen weltwirtschaftlichen Situation erfolgt und keine Risiken birgt, wird es kaum geben“, warnt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Das Problem ist, dass der Druck mit jedem Aufschub zunimmt. Schließlich soll beim ersten Zinsschritt nicht der Eindruck entstehen, dass die Ära des ultrabilligen Geldes schlagartig vorüber ist. „Die Haltung der Geldpolitik wird vermutlich noch für einige Zeit nach der anfänglichen Erhöhung der Leitzinsrate hochexpansiv bleiben“, versichert Yellen deshalb.

Warum sind die Zinsen überhaupt auf dem Rekordtief?

Mit den Mini-Zinsen hatte die Fed auf die Finanzkrise von 2008 und die folgende Rezession reagiert. Bei niedrigen Zinsen investieren Unternehmen tendenziell mehr, Verbraucher geben mehr Geld aus. Das schiebt die Konjunktur an.

Welche Folgen hätte eine Zinserhöhung?

Höhere Zinsen verhindern Blasen etwa an Immobilien- und Aktienmärkten sowie eine zu hohe Inflation. Banken verleihen mehr Geld, statt es zu parken. Für viele Sparer sind Zinserträge auch eine wichtige Einnahmequelle. Allerdings würde der Dollar an Wert gewinnen, wenn gleichzeitig andere Notenbanken auf Null-Zins-Kurs bleiben. Das hätte zwei Konsequenzen, betont Targobank-Chefvolkswirt Otmar Lang: „Zum einen brächen die US-Exporte weg, zum anderen würden aus den Schwellenländern sehr hohe Geldbeträge abfließen und dort einen dramatischen konjunkturellen Einbruch herbeiführen. Und das könnte die gesamte Weltwirtschaft schwer in Mitleidenschaft ziehen.“

Wird die EZB die Zügel im Euroraum bald anziehen?

Nein. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Geldschleusen noch lange weit geöffnet und den Zins nahe der Nulllinie lassen. EZB-Präsident Mario Draghi hat sogar weitere Lockerungen in Aussicht gestellt. Liane Buchholz vom Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) rechnet frühestens 2017 mit einem ersten Zinsschritt: „Die extreme Niedrigzinsphase in Europa wird uns noch länger begleiten.“ Das ist gut für Häuslebauer, die ihre Immobilie extrem günstig finanzieren können. Aber es ist schlecht für Sparer, weil vermeintlich sichere Anlagen kaum Geld abwerfen.

Was würde eine frühere Zinserhöhung in den USA für Europa bedeuten?

Steigen die Zinsen in den USA, aber nicht in Europa, gewinnt der Dollar gegenüber dem Euro an Wert. In Dollar gehandelte Importe wie Rohstoffe werden so im Euroraum teurer. Das stärkt den mickrigen Preisauftrieb. Gleichzeitig werden hiesige Produkte auf dem Weltmarkt günstiger. Das befeuert den Export und die Konjunktur im Euroraum.

Zudem sind Gehalt und Bonuszahlungen bei den Managern oft an die Entwicklung des Aktienkurses gebunden. "Kurzfristig erzeugt der Rückkauf eine höhere Nachfrage, auch wenn die Aktie an sich überhaupt nicht attraktiv ist", sagt Index-Analyst Howard Silverblatt von S&P Dow Jones. Denn kauft ein Unternehmen an der Börse eigene Aktien zurück, wird die Anzahl der umlaufenden Stücke verringert. Würden die Papiere komplett aus dem Verkehr gezogen, hübsche dies Kennzahlen wie das Ergebnis je Aktie auf, erläutert Silverblatt.

Auf längere Sicht haben sich die Aktien der Firmen mit den meisten Rückkäufen jedoch nicht besser entwickelt als der Gesamtmarkt. Betrachtet man den S&P Buyback-Index, in dem die 100 Unternehmen mit den höchsten Rückkaufraten vertreten sind, hat dieser seit Jahresbeginn 6,8 Prozent verloren. Der Hauptindex S&P 500 büßte dagegen nur 5,6 Prozent ein.

Von

rtr

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