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04.02.2014

08:26 Uhr

Depot-Contest

„Langfristig nicht mehr als eine Episode“

VonJessica Schwarzer

Die Schwellenländer-Börsen sind zuletzt kräftig unter Druck geraten. Vermögensverwalter raten zur Vorsicht. Der Zeitpunkt für den Einstieg ist noch nicht gekommen. Abschreiben wollen sie die Emerging Markets aber nicht.

Blick von der Galatabrücke in Istanbul auf den Bosporus: Die Finanzmärkte in der Türkei sind in heftige Turbulenzen geraten. dpa

Blick von der Galatabrücke in Istanbul auf den Bosporus: Die Finanzmärkte in der Türkei sind in heftige Turbulenzen geraten.

DüsseldorfSie gelten als kraftvolle Weltwirtschafts-Lokomotive der Zukunft, doch das Image der Schwellenländer hat Kratzer bekommen. Anleger haben im Januar in großem Stil Geld aus den aufstrebenden Nationen abgezogen. Aufgeschreckt worden waren sie von massiven Wirtschaftsproblemen in Ländern wie der Türkei oder Argentinien. Es wächst die Angst, die Hoffnung von gestern könnte schon morgen der nächste globale Krisenherd sein.

Experten vom Kieler Institut für Weltwirtschaft und auch der Internationale Währungsfonds (IWF) halten diese Befürchtungen zwar für übertrieben. Trotzdem müssen Investoren mit Blick auf die Wirtschaftserwartungen für die Schwellenländer wohl bescheidener sein.

Währungsturbulenzen in Schwellenländern

Türkei

Mit einer drastischen Zinserhöhung hat sich die türkische Notenbank gegen den Kursverfall der heimischen Währung Lira gestemmt. Der Satz, zu dem sich die Banken über Nacht Geld bei der Zentralbank leihen können, wurde am Dienstagabend von 7,75 auf 12,0 Prozent angehoben. Der eigentliche Leitzins wurde auf 10 Prozent angehoben von zuvor 4,5 Prozent. Damit soll der Abfluss an ausländischem Kapital gestoppt werden, der die Lira auf ein Rekordtief zum Dollar gedrückt hatte.

Südafrika

Die Zentralbank hob ihren Leitzins wenige Stunden nach der türkischen Entscheidung überraschend auf 5,50 Prozent an, nachdem er lange Zeit auf dem 40-Jahres-Tief von 5,0 Prozent verharrt hatte. An den Märkten wird davon ausgegangen, dass er in den kommenden Monaten weiter steigen wird. „Wir werden die Entwicklung genau verfolgen und nicht zögern zu handeln, sollte dies erforderlich sein", sagte Notenbankchefin Gill Marcus. Der Rand war zuletzt so billig wie seit über fünf Jahren nicht mehr. Höhere Zinsen könnten aber der erlahmenden Konjunktur weiter zusetzen.

Brasilien

Die Notenbank hat ihren Leitzins seit April 2013 bereits von 7,25 auf aktuell 10,0 Prozent angehoben. Der jüngste Schritt folgte in diesem Monat, als es von 9,5 Prozent nach oben ging. Die Zentralbank signalisierte dabei aber, das Tempo nun etwas zu drosseln. Mit höheren Zinsen soll die Inflation in Schach gehalten werden. Die Teuerungsrate liegt derzeit bei 5,7 Prozent.

Indonesien

Keine andere asiatische Währung ist 2013 auf so steile Talfahrt gegangen wie die Rupie: Sie büßte ein Fünftel ihres Wertes im Vergleich zum Dollar ein. Das macht Importe teurer, was die Inflation ebenso nach oben zu treiben droht wie das Handelsdefizit. Zu Jahresbeginn hielt die Zentralbank ihren Leitzins unverändert bei 7,50 Prozent. Sie versprach aber, "wachsam" zu bleiben, was den Märkten die Bereitschaft zu Zinserhöhungen signalisiert.

Indien

Die indische Zentralbank hob erst in dieser Woche ihren Leitzins überraschend von 7,75 auf 8,0 Prozent an. Eine weitere Erhöhung ist vorerst nicht geplant. Grund für den Schritt sind kräftig steigende Preise. Höhere Zinsen machen Kredite teurer, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen kann. Vom Inflationsziel sei Indien derzeit "sehr weit entfernt", sagte Notenbankchef Raghuram Rajan. Zuletzt lag die Teuerungsrate bei 9,87 Prozent. Die Zentralbank will sie bis Januar 2015 auf acht Prozent und ein Jahr später auf sechs Prozent drücken.

Thailand

In dem von politischen Unruhen erschütterten Land hat die Zentralbank im November die Zinsen gesenkt. Sie schreckte im Januar aber vor einer weiteren Kappung zurück. Als Grund für die Zurückhaltung gilt die Furcht, dass die politische Instabilität die Kapitalflucht verstärken könnte.

Ungarn

Notenbankchef György Matolcsy und sein Team haben den Leitzins im Januar auf das Rekordtief von 2,85 Prozent gesenkt. Obwohl die Währungshüter Spielraum für eine weitere Kappung signalisierten, dürften sie laut Experten vom Schwächeanfall des Forint zu einer Zinswende gezwungen werden.

Russland

Der Außenwert der Landeswährung hat dieses Jahr bereits fünf Prozent eingebüßt. Die Notenbank musste schätzungsweise zehn Milliarden Dollar zur Stützung des Rubels aufwenden. Notenbankchefin Elvira Nabiullina ist gewillt, den Kurs notfalls mit allen Mitteln zu stabilisieren. Denn Russland gilt als gebranntes Kind: In der durch massive Kapitalflucht ausgelösten Rubel-Krise von 1998 hatten die Bürger ihre Konten massenweise geräumt.

Und sie werden sich auch an die heftigen Turbulenzen an den dortigen Börsen gewöhnen müssen. Schon im vergangenen Jahr rutschten die Märkte teils empfindlich ab. Immer wieder zeigt sich: Schwellenland bleibt Schwellenland. Egal, wie stark sich aufstrebende Volkswirtschaften verändert und entwickelt haben – wenn es hart auf hart kommt, werfen Finanzinvestoren Argentinien, die Türkei, Brasilien oder Russland nach wie vor in einen Topf. Eine Art Sippenhaft.

Der aktuelle Ausverkauf von Währungen, Aktien und Anleihen der Schwellenländer erinnert stark an die 1990er-Jahre: Hat ein Land ein Problem, haben die anderen auch bald eins. Vorangeschrittene Industrialisierung, verbesserte Infrastruktur, höhere Kreditwürdigkeit, unter Kontrolle gebrachte Bilanzen - das alles hat die Länder nicht widerstandsfähiger gemacht gegen die Willkür von Investoren. Fast sechs Milliarden Dollar haben diese allein seit Jahresanfang nur aus Schwellenländer-Aktien abgezogen.

Experten wollen nicht ausschließen, dass diese Kapitalflucht anhält. Auch Patrick Laireiter, Vorstand der Opemo Aktiengesellschaft befürchtet, dass der Kursrutsch weitergeht. „Die Stimmungslage hat sich grundsätzlich verändert. Investoren blicken kritischer auf diese Märkte“, sagt der Vermögensverwalter. „Probleme, die es immer schon gab, werden nun intensiv besprochen.“ Sein Kollege Friedemann Wagner von PEH Vermögensmanagement erwartet, dass die Schwellenländer-Börsen bis auf ihre Tiefststände von Sommer 2012 und Sommer 2013 fallen. „Voraussichtlich werden die Emerging Markets schwächeln, solange die US-Notenbank Fed das Tapering zurücknimmt“, sagt er.

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