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27.02.2017

15:36 Uhr

Deutsche-Börse-Aktionäre

Keine Börsenhochzeit? Kein Problem!

VonJulia Rotenberger

Der Traum von der europäischen Megabörse ist so gut wie ausgeträumt. LSE und Deutsche Börse werden wohl nicht fusionieren. Doch wer glaubt, dass heute ein schwarzer Tag für die Deutsche-Börse-Aktionäre ist, der irrt.

Die geplante Hochzeit von Frankfurter und Londoner Börse wird aller Voraussicht scheitern. Nach Ansicht von Analysten besitzt die Deutsche Börse dennoch ausreichend Wachstumspotenzial. dpa

Aus der Traum?

Die geplante Hochzeit von Frankfurter und Londoner Börse wird aller Voraussicht scheitern. Nach Ansicht von Analysten besitzt die Deutsche Börse dennoch ausreichend Wachstumspotenzial.

DüsseldorfAls LSE und Deutsche Börse ihre Hochzeitspläne im Februar des vergangenen Jahres verkündeten, durften die Aktionäre noch träumen. Eine Megabörse, die New York Konkurrenz macht, sollte aus der Fusion der beiden Betreiber hervorgehen. Seit Sonntagabend steht fest: Die Traumhochzeit bleibt vorerst ein Traum. So teilte die London Stock Exchange (LSE) mit, dass sie die Fusion mit der Deutschen Börse für unwahrscheinlich halte. Man wolle die italienische Handelsplattform MTS nicht, wie von EU-Wettbewerbsaufsehern gefordert, verkaufen. Doch ohne den Verkauf wird die EU-Kommission wohl kaum grünes Licht für die Börsenhochzeit geben.

Diese Ansage aus London schickte den Aktienkurs der Deutschen Börse auf Talfahrt. Gegen Nachmittag notierten die Papiere gut vier Prozent tiefer bei 80,6 Euro und waren damit größter Verlierer im Dax. Die LSE-Anteilsscheine rutschten um bis zu 3,2 Prozent ab und zählten am Montag zu den unbeliebtesten Werten im britischen FTSE-Index.

Diese Fusionspläne der Deutschen Börse sind gescheitert

17. Juli 2000

Die Deutsche Börse präsentiert einen Plan für die Gründung de iX international exchange zusammen mit der Londoner LSE. Die beiden Partner hoffen, mit der paneuropäischen Handelsplattform weitere Börsenbetreiber mit ins Boot zu holen. Das Projekt scheitert allerdings an mangelnder Unterstützung.

Sommer 2003

Der damalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, trifft sich mit Euronext-Chef Francois Theodore. Die Gespräche über eine Fusion werden allerdings beendet, nachdem sich beide Seiten nicht über die Bewertung ihrer Häuser einig werden.

Frühling 2004

Seifert und Theodore nehmen ein weiteres Mal Kontakt auf. Ein Zwist über die Besetzung der Führungspositionen lässt sie abermals ergebnislos auseinandergehen.

August 2004

Die Schweizer Börse SWX lehnt Pläne der Deutschen Börse für eine Fusion, faktisch eine Übernahme, ab.

13. Dezember 2004

Die Deutsche Börse veröffentlicht ein Übernahmeangebot für die LSE über knapp zwei Milliarden Euro, das 2005 am Widerstand des Hedgefonds und Deutsche-Börse-Aktionärs TCI scheitert.

21. Februar 2006

Der neue Börsenchef Reto Francioni legt ein vorläufiges Fusionsangebot für die Pariser Euronext vor und facht damit ein Konsolidierungsfieber in der Branche an.

19. Mai 2006

Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

Juni 2006

Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

Dezember 2008

Deutsche Börse und NYSE Euronext loten eine Fusion aus. Die Pläne werden vorzeitig bekannt und scheitern.

April 2011

Die Börse wagt einen weiteren Versuch, mit der Nyse Euronext als Partner eine neue Größenordnung zu erreichen. Die US-Börsen Nasdaq OMX und ICE wollen die Fusion mit einer Gegenofferte für die Nyse torpedieren.

Februar 2012

Der Traum Francionis platzt erneut. Die EU-Kommission untersagt die Milliardenfusion mit der Nyse Euronext aus schwerwiegenden wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Die EU fürchtet vor allem ein weltweites Monopol im Handel mit europäischen Finanzderivaten.

Februar 2016

Die Deutsche Börse und die Londoner Börse machen nach Marktgerüchten Pläne für einen Zusammenschluss öffentlich.

März 2016

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) sind handelseinig und streben eine Fusion auf Augenhöhe an.

März 2017

Die EU-Kommission untersagt den milliardenschweren Deal, weil er auf dem Markt zur Abwicklung festverzinslicher Finanzinstrumente „ein De-Facto-Monopol“ geschaffen hätte.

Doch wer glaubt, dass heute ein schwarzer Tag für die Aktionäre der Deutschen Börse ist, der irrt. Analysten sind angesichts der voraussichtlich geplatzten Börsenhochzeit keineswegs beunruhigt – auch wenn das Scheitern der Fusion auf EU-Ebene einige Marktteilnehmer überrascht hat. „Die erhofften hohen Kosten- und Umsatzsynergien können damit natürlich nicht gehoben werden“, kommentiert DZ-Bank-Analyst Thorsten Wenzel. „Allerdings hätten aufgrund des vereinbarten Austauschverhältnisses nach unserer Einschätzung die Aktionäre der LSE hiervon ohnehin stärker profitiert, als die der Deutschen Börse.“ Wenzel geht davon aus, dass die Deutsche Börse auch ohne die Fusion Wachstumschancen hat und rät Anlegern dazu, die Aktie zu halten. Ähnlich sieht das auch Independent-Research-Analyst Markus Rießelmann: Sollte es nicht zu einer Fusion kommen, werde sich die Deutsche Börse zukünftig wieder auf das organische Wachstum und die Umsetzung der Strategie 'Accelerate' fokussieren, schreibt er in einem Kommentar. Das Unternehmen würde auch als eigenständiger Börsenbetreiber weiter wachsen.

Kommentar zur Börsenfusion: Ein unrühmliches Ende

Kommentar zur Börsenfusion

Ein unrühmliches Ende

Die London Stock Exchange will die Börsenfusion scheitern lassen – und überrascht damit ihren Fusionspartner. Es ist das unrühmliche Ende einer geplanten Hochzeit, die von Anfang an unter einem schlechten Stern stand.

Die Geschäftszahlen sprechen für diese Einschätzung: Am 16. Februar präsentierte Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter die jüngste Bilanz des Börsenbetreibers. So wuchsen die Nettoerlöse 2016 um acht Prozent auf rund 2,4 Milliarden Euro, unterm Strich blieben 722 Millionen Euro. Davon profitieren auch die Aktionäre: Die Dividende soll für das abgelaufene Geschäftsjahr auf 2,35 Euro pro Anteilsschein angehoben werden und steigt damit um 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings gerieten die guten Zahlen angesichts der Fusionspläne in den Hintergrund: Die Debatte um den Standort der neuen Börse und die Ermittlungen gegen Kengeter wegen Insiderhandels stahlen ihnen die Show.

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