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21.01.2005

10:18 Uhr

Echo der Experten zwiespältig

Premiere geht in Umbruchzeiten an die Börse

Der Bezahlsender Premiere hat sich unruhige Zeiten für seinen Sprung an die Börse ausgesucht. Deutschlands TV-Markt steht nach Einschätzung von Analysten vor einem tief greifenden Umbruch.

dpa-afx MÜNCHEN. Werbeeinnahmen bröckeln, Lizenzen für Spielfilme und Sportereignisse sind teuer und die Konkurrenz ist hart. Zahlreiche technische Neuerungen wie DVB-T, DVD oder Video-on-demand erleichtern den Zugang zu Filmen und Fernsehprogrammen sowie ihre Aufzeichnung und Wiedergabe. Die Sender müssen ihre Angebotspalette und ihre Vertriebskanäle überarbeiten. Während Premiere-Chef Georg Kofler ungebremsten Optimismus versprüht, fällt das Echo der Experten auf den für März geplanten Börsengang daher zwiespältig aus.

Eine genauere Einschätzung sei erst möglich, wenn die Zahl der angebotenen Aktien und ein genauer Preis genannt würden, sagte Christoph Schlienkamp vom Bankhaus Lampe. Die Zahl der Abonnenten sei in den vergangenen Jahren zwar gestiegen, allerdings müsse Premiere noch genauer aufschlüsseln, welche Kunden welches Angebotspaket zu welchem Preis nutzen. Nur so ließen sich vernünftige Aussagen zur Ertragskraft des Unternehmens machen.

Die Zielmarke von vier Millionen Kunden werfe die Frage auf, "was Premiere dafür zu tun gedenkt", sagte Schlienkamp. Die Situation fürs Bezahlfernsehen habe sich in den vergangenen Jahren nämlich kaum verbessert. Zum einen seien viele Filme mittlerweile sehr kurz nach der Vorführung im Kino als DVD im Verkauf und im Verleih zu haben. Jüngstes Beispiel sei "(T)raumschiff Surprise". "Warum soll ich mir Premiere für 30 Euro im Monat abonnieren, wenn ich mir den Film kurz nach dem Ende der Kinozeit für 3 Euro in der Videothek holen oder gleich kaufen kann?" Hinzu kämen die neuen digitalen Möglichkeiten der Aufzeichnung und Weitergabe von Filmen.

Hier sieht Harald Wölfle von der Baden-Württembergischen Bank aber auch Chancen für Premiere. Neue Verfahren wie Video-on-demand beispielsweise, der gezielte Abruf einzelner Filme gegen eine einmalige, niedrige Gebühr, sei ein vielversprechender Markt. Grundsätzlich beurteilt er die Aussichten fürs Bezahlfernsehen in Deutschland positiv.

"Das Problem war bisher das große Angebot an frei empfangbaren Kanälen in Deutschland", sagt Wölfle. Diese hätten sich bislang über die Werbepausen finanziert. Zum einen aber schwächele der Werbemarkt wegen der Flaute der Binnenkonjunktur. Zum anderen böten neue digitale Aufzeichnungsverfahren die Möglichkeit, Werbepausen einfach zu schneiden. Die Attraktivität der Werbeplätze sinke damit für die Unternehmen.

Die Fernsehsender müssten sich also nach Alternativen umsehen, sagt Wölfle. Prosiebensat.1 zum Beispiel will seine Umsätze außerhalb der Werbung zum Beispiel mit Merchandising in den kommenden Jahren deutlich erhöhen. Um den Einkauf teurer Blockbuster zu refinanzieren, ist Bezahlfernsehen aber eine weitere, attraktive Möglichkeit. Der Prosiebensat.1 -Besitzer, der US-Milliardär Haim Saban, hat das Pay-TV als mögliche Alternative zum werbefinanzierten Fernsehen bereits ins Auge gefasst. Vorstandschef Guillaume de Posch hat diese Option zuletzt ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

Das wiederum könnte Premiere, bislang einziger Anbieter von Bezahlfernsehen in Deutschland, unter Druck bringen. Preiskämpfe kämen für das mit mehreren hundert Mill. Euro verschuldete Unternehmen zur Unzeit. Mit den Erlösen aus dem Börsengang will Premiere seine Schuldenlast abbauen, um wieder frei durchatmen zu können. Die meisten Experten begrüßen diesen Plan auch und halten die Aktie für einen sicheren MDax-Kandidaten, mahnen aber operative Verbesserungen an. Ein anderer Analyst reagierte skeptischer: "Ich finde das fragwürdig. Es sieht so aus, als wollten die Eigner ihr Engagement zurückfahren und die Banken ihre Kredite zurückhaben."

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