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14.06.2012

14:55 Uhr

Facebook-Börsengang

„Die Wall Street wurde an der Nase herumgeführt“

VonAstrid Dörner, Axel Postinett

Der Börsengang von Facebook war ein Schock für alle Beteiligten. Fast vier Wochen nach dem Handelsbeginn hat sich die Aktie immer noch nicht von ihrem holprigen Start erholt. Und die Banker zetern.

Die Facebook-Aktie hat bisher die Investoren enttäuscht. dapd

Die Facebook-Aktie hat bisher die Investoren enttäuscht.

New York, San FranciscoDie Aufarbeitung des missratenen Facebook-Börsengangs hat gerade erst begonnen. 30 Prozent hat die Aktie des Internetkonzerns bisher verloren. Zahlreiche Start-Ups sagten bereits ihre Börsengänge ab, weil die verärgerten Investoren erst einmal keine Lust mehr aus diese Art von Investments haben.

Das Fiasko wirft ein Schlaglicht auf das Zusammenprallen zweier Kulturen, die sich eigentlich noch nie verstanden haben. Auf der einen Seite stehen die jungen, wilden Visionäre von morgen, die mit Internetseiten und Apps zu Multimillionären oder – wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg - zu Milliardären werden. Auf der anderen Seite stehen die konservativen Banker der Wall Street, hungrig nach Boni und daran gewöhnt, dass sie die Regeln diktieren.

Diese Stimmen hatten den Facebook-Börsengang begleitet

Warren Buffett

Warren Buffett (Star-Investor)

„Die Idee, dass eine frisch an den Markt gebrachte Firma unter tausenden und abertausenden Firmen weltweit die günstigste Gelegenheit ist, ist einfach dümmlich."

Michael Pachter

Michael Pachter (Analyst bei Wedbush)

„Die platzierenden Banken haben es völlig vergeigt.“

Phillip Goldberg

Phillip Goldberg (Investor)

"Orders von Investoren, die am ersten Handelstag Facebook- Aktien kaufen wollten, wurden häufig erst Stunden später ausgeführt. In der Zwischenzeit hatten die Investoren, die diese Aktien kaufen wollten, keine Ahnung, ob ihre Geschäfte ausgeführt worden waren und daher keine Ahnung, ob sie überhaupt Facebook-Aktien hielten."

Goldberg hat Klage gegen den Börsenbetreiber Nasdaq eingereicht.

Mary Schapiro

Mary Schapiro (SEC-Chefin)

„Es gibt einige Probleme, die wir uns anschauen müssen, vor allem im Zusammenhang mit Facebook.“

Robert Greifeld

Robert Greifeld (Nasdaq-Chef)

„Es hat ganz klar Fehler gegeben.“

Jim Cramer

Jim Cramer (Ex-Börsenhändler und TV-Moderator)

„Es ist unbestritten, dass (Facebook) ein schnell wachsendes und gut geführtes Unternehmen ist und es könnte ein guter Deal sein (…) Nur nicht am Eröffnungstag“.

Henry Blodget

Henry Blodget (Chef der Analyseplattform “Business Insider”)

“Wenn sich das Wachstum nicht wieder zulegt, ist es schwer zu sehen, wie die Aktie groß zulegen soll“

David Rolfe

David Rolfe (Investmentchef von Wedgewood Partners)

„Die Wall Street ist ein strenger Lehrmeister. Nun wird von Facebook erwartet, dass das Unternehmen regelmäßig seine Ziele anhebt, um sie dann zu übertreffen.“

Simon Lee

Simon Lee (Analyst bei der Navy Federal Credit Union)

„Für Facebook ist immer noch eine Menge mehr Platz, und es wird weiterhin mehr Nachfrage nach der Aktie als Angebot geben 

Yves Maillot

Yves Maillot (Head of Investments von Robeco Gestions)

„Facebooks Preisgestaltung erscheint recht teuer zu sein" Der Börsengang dränge darüber hinaus in ein „sehr schwieriges Umfeld für den US-Aktienmarkt."

Tom Taulli

Tom Taulli (IPO-Experte für Tech-Aktien)

„Banker werden das Beispiel als Erinnerung für Firmen nutzen, dass sie beim Preis nicht zu hoch greifen sollten. Die Devise 'der Himmel ist die Grenze' gilt nicht mehr.“

John Scandalios

John Scandalios (Leiter Franklin Templeton Technologiefonds)

„Bei den Geschäftsmodellen gibt es noch viele offene Fragen"

Nick Einhorn

Nick Einhorn (Analyst der Beratungsfirma Renaissance Capital)

"Es war nicht so aufregend, wie es hätte sein können. Aber ich denke nicht, dass wir den Börsengang als Misserfolg werten sollten."

Larry Page

Larry Page (Gründer und Konzernchef von Google)

„Wir haben versucht, mehr einfache Leute teilhaben zu lassen.

In einer Talkshow äußerte sich Page über die Unterschiede zwischen den Börsengängen von Google und Facebook.

Doch der Fall Facebook zeigt, dass das Spiel mit den Größen aus der Internet-Welt nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Beide Seiten müssen lernen, miteinander umzugehen. Vor allem die Wall Street, kritisieren Beobachter, muss zur nüchternen Realität zurück finden. „Die Wall Street wurde komplett an der Nase herumgeführt“, äzt Jeff Sica, IPO-Experte und Gründer der Vermögensverwaltung Sica Wealth Management. Er kann kaum verstehen, was da passiert ist. „Die Wall Street hat mit ihrem Verhalten gezeigt, dass sie genauso anfällig für den Hype war wie alle anderen auch. Aber die Banker hätten es besser wissen müssen.“

Doch sie wussten es nicht besser. Im Gegenteil: Sie erlagen dem charismatischen Charme eines 28-jährigen Selfmade-Man mit dem Selbstbewusstsein einer Dampfwalze, der ihnen bewaffnet mit Hoodie und Blue Jeans den Schneid abgekauft hat. Sie akzeptierten bereitwillig Bewertungskennzahlen jenseits aller Relationen, zuckten nicht einmal bei einem Kursgewinnverhältnis von fast 100 zusammen, ertrugen substanzielle Änderungen am Börsenprospekt nur wenige Tage vor der Erstnotiz. Als sie aus dem kollektiven Rausch erwachten, war es schon zu spät.

 

Kommentare (9)

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MrX

14.06.2012, 16:27 Uhr

Mit gesundem Menschenverstand war das doch vorhersebar.
Wenn ein Konzern nichts herstellt und nur durch Datenklau bzw Werbung Geld verdient (und das auch erst seit kurzem), kann er an der Börse nicht mehr Wert sein, als VW, Daimler und Siemens zusammen. Die völlige Internetblase, an der sich die amerikanischen Investmentbanken, die am Börsengang beteiligt waren, eine Goldene Nase verdient haben.

Account gelöscht!

14.06.2012, 16:28 Uhr

Schönes Artikel. Kurze Anmerkung: Das Mode Start-Up aus San Francisco heißt Betabrand, nicht Beatband.

Account gelöscht!

14.06.2012, 17:05 Uhr

"Auf der anderen Seite stehen die konservativen Banker der Wall Street, hungrig nach Boni und daran gewöhnt, dass sie die Regeln diktieren."

Tja, hätten sie mal ihre Ratingagenturen gefragt.

Die Internet-Werbewirtschaft ist ein sabbernder Haufen, der Blut bei jedem Klick riecht. Für Klicks wird alles getan, sogar die eigene Großmutter verschachert. Alle vereint mit großen Medienzentralen, inkl. der öffentlich rechtlichen Anstalten, die ebenfalls das große Zuschauerwunder erwartet haben, Klick me, Like me, Liebe mich, jede Stimme zählt. Sie sind so liebeshungrig das die Endorphine der Banker Purzelbäume vor lauter Glück geschlagen haben, endlich wieder in Milliardärchen machen, endlich wieder Adrenalin. Endlich wieder aus einem Schein 100 Scheine gemacht, man liebt wieder. Da lohnt es sich doch wieder ins Büro zu gehen.
Und nun wirds Zeit, sich die Gesichter mal für die echten Umsätze zu schaffen, Meier für Shampoo, Lieschen für Antiaging, Molly für Dünnpillen, Versicherungen gegen Akne, eigenes Müsli. Klick dich schlank, nein fett.
Insgesamt sagt das mehr aus, als ganze Finanzmärkte das vermögen, diese handeln tatsächlich genauso, FB ist ein Symptom für eine Krankheit, eine Suchtkrankheit. Einen Ismus, Dollarismus? Mit einem geheimnisvollen Glitzern in den Augen sitzt man vor der Schlange mit drehenden Augen, Geld, Geld, Geld! Bis das Hirn aufgefressen ist und man sich in öffentliche Einrichtungen begeben muß. Entzug ist eine schwere Sache.

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