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18.09.2015

13:05 Uhr

Hedgefonds

Mehr Post für den Vorstand

VonPeter Köhler

Aktivistische Hedgefonds treten immer mehr Kampagnen los. In den USA ist das Phänomen schon weit verbreitet, jetzt geraten auch Dax-Unternehmen ins Visier.

In vielen Unternehmen muss sich der Vorstand auf mehr böse Briefe von aktivistischen Aktionären einstellen.

Briefkasten quillt über

In vielen Unternehmen muss sich der Vorstand auf mehr böse Briefe von aktivistischen Aktionären einstellen.

FrankfurtDie Vorstände in den börsennotierten Unternehmen in Deutschland müssen sich darauf einstellen, dass in den kommenden Monaten verstärkt aktivistische Aktionäre an die Tür klopfen. „Seit rund einem Jahr gibt es ein Umdenken beim Thema ‚Shareholder Activism‘, sowohl in Europa, als auch in Deutschland. Die Vorstände wissen, dass die Zahl der öffentlichen Kampagnen seit Jahren stetig zunimmt“, sagt Jan Weber, Managing Director bei der US-Großbank Morgan Stanley, gegenüber dem Handelsblatt.

Laut einer Studie von „Activist Insight“ werden für dieses Jahr in Europa über 70 öffentliche Kampagnen von Aktivisten erwartet. Üblicherweise sind das milliardenschwere Hedgefonds, die das Geld dafür von institutionellen Investoren wie beispielsweise Pensionskassen bekommen. 2014 waren es bereits 51 Aktionen, im Jahr davor erst 36.

Ins Visier geraten Unternehmen, die – gemessen an Konkurrenten oder dem Aktienindex – schlechter abschneiden. Konglomerate sind besonders anfällig und gelten als „low hanging fruits‘“. Während sich Aktivisten in den USA meistens aggressiver verhalten und bis zu 15 Prozent der Aktien kaufen, um Sitze im Aufsichtsrat zu erhalten, ist die Gangart in Europa gemäßigter. „In Europa kaufen sich die Aktivisten mit geringen Quoten ein und suchen den Dialog mit dem Vorstandschef. Viele Vorstände in Deutschland oder der Schweiz werden mit solchen Briefen konfrontiert“, sagt Weber.

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

Eigene Strategie festlegen

Gegen die größer werdenden Unwägbarkeiten sollte man sich zuallererst mit einer Strategie wappnen: Wer an kräftiges Wachstum in Deutschland glaubt, an einen anhaltenden Boom der Schwellenländer und hohen privaten Konsum, kann weiter am Aktienmarkt investieren. Wer skeptisch ist, sollte seine Bestände hingegen nicht aufstocken.

Widerstandskraft zeigen

Eng verbunden mit der ersten Regel: Immer wieder kommt es vor, dass sich Dinge anders entwickeln, als man erwartet hat. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und nicht jeder Entwicklung hinterherzulaufen. Eine solche Reaktion zeugt nicht von einem geringen Vertrauen in die eigene Strategie. Es kostet meist auch Geld, weil die Masse schon vorher diese Richtung eingeschlagen und das Gros an Rendite eingefahren hat.

Richtig mischen

Groß oder klein, spekulativ oder konservativ, liquide oder illiquide, dividendenstark oder dividendenschwach, Substanz oder Wachstum: Bei Aktien ist die Auswahl riesig. Der richtige Mix aus spekulativen und konservativen Titeln hilft, Schwankungen zwischen guten und schlechten Zeiten auszugleichen. Nicht zu unterschätzen sind starke Dividendenzahler, die Jahr für Jahr den Grundstock für eine solide Rendite legen.

Barrieren einbauen

Keine Frage, die Börsen haben in den vergangenen zehn Jahren stärker geschwankt als in allen Dekaden zuvor. Das wird so bleiben, mit wachsendem Computerhandel sogar noch zunehmen. Wer sein Risiko minimieren will, baut Barrieren ein – sogenannte Stopps. Gerne werden Stopps bei 20 Prozent über und unterhalb des aktuellen Kurses gewählt. Dann wird automatisch verkauft, wenn diese Grenzen erreicht sind. Kommt eine Phase überraschend steigender Kurse mit anhaltendem Aufwärtstrend, lässt sich die Barriere leicht nach oben verschieben. Wichtig ist dann, auch die Barriere am unteren Ende nachzuziehen.

Herdentrieb beobachten

Wichtig in Phasen überraschender Kurssteigerungen oder -stürze ist es, das Verhalten der Masse zu beobachten. Ist es noch nachvollziehbar oder völlig irrational? Häufig ist es irrational. Dann hilft meist die zweite Regel: Widerstandskraft zeigen. Nach einigen Monaten kehrt die Rationalität von ganz allein zurück. Der Kurssturz aus dem vergangenen Jahr und die jüngste Entwicklung beweisen das gerade wieder.

Risiko rausnehmen

Sind Aktien wie seit Jahresbeginn schon um 30, 40 oder gar 50 Prozent gestiegen, dann sind Anschlussgewinne in der Regel nur noch schwer zu erzielen. Phrasenverdächtig ist zwar die alte Weisheit: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand zugrunde gegangen.“ Richtig ist sie trotzdem.

Insidern folgen

Firmenchefs haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber normalen Aktionären. Sie wissen weit mehr als jeder Analyst oder Kommentator, wie es in ihrem Unternehmen aussieht. Insider nennt man sie deshalb. Sie melden ihre Orders innerhalb von fünf Handelstagen an die Börsenaufsicht Bafin. Das Handelsblatt veröffentlicht alle zwei Wochen das sogenannte Insider-Barometer, das aus der Summe aller Kauf- und Verkaufsorders Schlüsse für den weiteren Verlauf in Dax & Co. zieht. Jüngste Tendenz: Vorstände und Aufsichtsräte verkaufen mehr als sie kaufen. Vorsicht also!

Geopolitische Ereignisse beachten

Terroranschläge und Naturkatastrophen kommen unerwartet. Politische Konflikte wie zwischen Israel und dem Iran schwelen meist länger. Auch entscheidende Wahlen sind vorhersehbar und haben immer Einfluss auf die Börse. Dabei gilt generell: Wahljahre sind gute Börsenjahre.

Auf reale Werte setzen

Mit Optionsscheinen oder Bonus-Zertifikaten lässt sich zwar aus einem Aufwärtstrend ein noch größerer Profit schlagen. Dies sind jedoch in der Regel Wetten ohne realen Hintergrund. Aktien sind reale Werte.

Moden misstrauen

Vor allem Aktien einzelner Branchen unterliegen immer wieder gewissen Moden. Doch die wechseln wie im realen Leben, und manchmal geht das schneller, als man denkt. Das bekommt gerade die einst angesehene Solarenergie-Branche bitter zu spüren.

„In Deutschland bauen sie meist kleinere Beteiligungen unter drei Prozent auf und legen dann dem Vorstand mit 30– oder 40-seitigen Power-Point-Präsentationen dar, was er anders machen sollte. Das gelangt kaum in die Öffentlichkeit“, weiß Dirk Albersmeier, Co-Chef für das M&A-Geschäft in Europa der US-Investmentbank JP Morgan. Wer glaubt, dass eine hohe Marktkapitalisierung allein vor unbequemen Aktionären schützt, der täuscht sich, denn die rund 50 Spezialfonds managen heute mindestens 100 Milliarden Dollar - Tendenz steigend.

Die Top-Manager in den Vorstandsetagen wären schlecht beraten, wenn Sie den Kopf in den Sand stecken und darauf hoffen, dass Sie unbequeme Anfragen einfach aussitzen können. „Vorstände sollten offen sein für alle Ideen der aktivistischen Aktionäre, Tabus sind fehl am Platz. Schlechte Ideen muss man mit Argumenten entkräften, die man bereits im Vorfeld durchgespielt hat“, sagt Morgan-Stanley-Manager Weber. Er ist sich sicher: „Im Dax wird es aktuell und zukünftig immer eine Handvoll Situationen geben, bei denen Aktivisten eine Rolle spielen.“

Für die Anleger ist der Einstieg eines Hedgefonds bei einem Konzern meistens positiv, stiegen doch die Kurse im Schnitt um bis zu zehn Prozent. Allerdings kann das Kursfeuerwerk auch schnell abbrennen, deshalb empfiehlt es sich, mit dem Ausstieg der Aktivisten ebenfalls Kasse zu machen.

In 2015 machten bereits Vivendi, Conwert, Rolls-Royce sowie die UBS mit den Aktivisten Bekanntschaft, in den vergangenen Jahren waren laut „Activist Insight“ prominente Namen wie Celesio, Nokia, adidas und EADS auf dem Radarschirm der Hedgefonds.

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