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25.08.2015

16:13 Uhr

Hochfrequenzhandel beim China-Crash

Die Maschine und der Markt

VonIngo Narat

Computer ersetzen immer mehr den Menschen – auch beim Wertpapierhandel und der Verwaltung von Geld. Am „Schwarzen Montag“ haben Maschinen die Börsenturbulenzen noch verstärkt. Was da passiert ist.

Hochfrequenzhändler können Kurse kurzfristig stark schwanken lassen. Imago

Aktienhandel

Hochfrequenzhändler können Kurse kurzfristig stark schwanken lassen.

FrankfurtSorgen münden in eine Panik. Maschinen helfen dabei. So lässt sich das Geschehen an den Börsen zum Wochenauftakt beschreiben – auch wenn es etwas überspitzt formuliert ist. Am „Schwarzen Montag“ war jedenfalls erst einmal mit sechs Jahren Aktienhausse. Vor allem die Wall Street bebte so stark wie seit dem Finanzkrisenjahr 2008 nicht. Abzulesen war es am sogenannte Angstbarometer, dass die Stärke der erwarteten Kursschwankungen für den US-Aktienindex S&P 500 misst.

„Pure Panik“ herrschte, wie Analyst Dwight Bolden von Metzler Capital Markets beobachtete. „Grund für die hohen Tagesschwankungen an vielen Märkten war ein Vertrauensverlust mit Blick auf China in Verbindung mit sinkendem Risikoappetit“, nennt William de Viljder, Chef-Volkswirt bei BNP Paribas, die Auslöser der Misere. Unsicherheiten über die weitere Entwicklung der US-Zinsen kamen hinzu.

Die Panik war kein reines Aktienphänomen. Bei Währungen und Rohstoffen hatten sich schon vorher Turbulenzen angedeutet. Doch bei den Aktien konzentrierten sich die Ausschläge am Montag. Ein gutes Beispiel liefert der Titel des Autobauers Ford. Die Aktie eröffnete zum Wochenauftakt 16 Prozent tiefer als am Freitag, fiel auf ein Minus von 25 Prozent, schloss nach einer furiosen Umkehr mit einem Abschlag von nur fünf Prozent. Ein normaler Tag sieht anders aus. Finanzprofessor Lutz Johanning weiß, wer dahinter steckt: „Das waren Investoren, die Direktbestände, Fonds oder Indexfonds verkauft haben.“

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Der Dax rasselt kurzzeitig auf ein Jahrestief – die Talfahrt an den Börsen erinnert an den Crash in der Finanzkrise 2008. Doch es gibt auch Unterschiede, die Hoffnung machen.

Eine wichtige Rolle spielen institutionelle Großanleger. „Die haben Risikobudgets, die sie einhalten müssen. Wenn Märkte fallen, müssen sie verkaufen“, erklärt Finanzprofessor Alexander Kempf.
Besonders spannend war die Eröffnung der Wall Street.

Normalerweise starten die US-Märkte mit geringeren Abschlägen als die europäischen Plätze, wenn die bereits ins Minus gerauscht sind. Das beobachtet de Viljder. „Aber die Eröffnung in USA war desolat, es gab einen regelrechten Ausverkauf“, sagt der Mann aus Paris, „das hat manche Akteure wie Hedgefonds und Vermögensverwalter überrascht, die dann gezwungen waren zu verkaufen.“ So beschleunigte sich die Talfahrt noch.

Die größten Börsenpannen

Nasdaq lahmgelegt

Ein Softwarefehler führt dazu, dass die US-Börse Nasdaq im August 2013 einige Stunden den Handel komplett einstellen muss. Nach der Wiederaufnahme des Handels steigt der Markt – die Aktie des Börsenbetreibers aber verliert.

Dow Jones (2013)

Am 23. April 2013 meldete der Twitter-Account der US-Nachrichtenagentur eine Explosion im Weißen Haus. Die Meldung war jedoch falsch – Hacker hatten das Nutzerkonto übernommen. Dennoch brach die Börse innerhalb von Sekunden um mehr als ein Prozent ein. Möglicher Grund: Computer werteten die Meldung als wahr und lösten Verkaufssignale aus.

Kraft-Aktie (2012)

4. Oktober 2012: Die Nasdaq und mehrere andere Börsen haben nach einem ungewöhnlichen Kurssprung von Kraft Foods einen Teil des Handels mit der Aktie annulliert. Grund für den plötzlichen Anstieg der Papiere von 45,55 auf 58,54 Dollar war nach Angaben der US-Technologiebörse der Fehler eines Börsenmaklers. Nähere Angaben machte sie nicht. „Die Systeme von Nasdaq haben normal funktioniert und der Prozess der Industrie zum Umgang mit solchen Angelegenheiten verlief wie geplant“, hieß es in einer Erklärung.

Software-Panne bei Knight Capital (2012)

Durch einen Fehler hatte die Knight-Software enorm viele Orders platziert, die heftige Kursschwankungen auslösten. Dem Treiben konnte erst nach einer Dreiviertelstunde ein Ende gesetzt werden. In dieser Zeit hatten sich bereits 440 Millionen Dollar Verlust angehäuft, die das US-Brokerhaus fast zum Zusammenbruch brachten.

Das Facebook-Desaster (2012)

Die Erfolgsstory von Facebook bekam an der Börse einen starken Dämpfer. Nach gravierenden Pannen im Handelssystem der Technologiebörse Nasdaq in New York stürzte der Kurs des Börsenneulings rapide in die Tiefe. Beteiligte Firmen erlitten Millionen-Verluste. Die Schweizer Großbank UBS, die 290 Millionen Euro verlor, drohte sogar mit einer Klage gegen die Börse.

Pannen-Start für BATS (2012)

Die Erstnotiz der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets im März 2012 endete mit einem Totalschaden. Die neuen BATS-Aktien sackten innerhalb weniger Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent. Schuld daran war eine neue Software. BATS musste die falschen Transaktionen zurücknehmen - und nahm dabei die eigenen Aktien gleich mit von der Börse

Fünf-Minuten-Chaos bei der Citigroup durch Kursrutsch

Die Aktien der Citigroup fielen im Juni 2010 nach Massenverkäufen durch elektronische Handelssysteme zeitweise um 17 Prozent. Doch da die Börsenaufsicht SEC nach dem „Flash Crash“ bereits zuvor beschlossen hatte, Aktien aus dem Index S&P 500 vom Handel auszusetzen, falls diese innerhalb von fünf Minuten mehr als zehn Prozent steigen oder fallen, stoppte das Sicherungssystem den Kursrutsch. Der Handel stand fünf Minuten lang still. Am Ende des Tages lag die Citigroup-Aktie sieben Prozent im Minus.

Flash Crash, 2010

Der „Flash Crash“ wurde im Mai 2010 durch den Hochfrequenzhandel ausgelöst: Durch einen blitzartigen Kurseinbruch lösten sich innerhalb weniger Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Der Kurs des Dow Jones fiel um rund 1.000 Punkte. Einige Aktien verloren in der Zeit rund die Hälfte ihres Wertes. Der Spuk dauerte eine halbe Stunde lang an. Der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst werden, stand schon vorher in der Kritik.

Strafe für Morgan Stanley (2007)

Morgan Stanley musste im Februar 2007 für den Fehler eines Händlers 300.000 Dollar Strafe an die Börse New York zahlen. Der Banker wollte einen Order über 100.000 Wertpapiere abgeben, übersah aber automatischen Multiplikator von 1000. Dementsprechend hatte seine Order einen Wert von 10,8 Milliarden Dollar statt der gewünschten 10,8 Millionen Dollar. Erst nachdem Aktien im Wert von 875,3 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatten, wurde der Fehler bemerkt. Die Bank hat die Handelsvorschriften am Desk seitdem deutlich verschärft.

Football vermasselt 50 Millionen Dollar Deal

Ein äußerst ungewöhnliches Missgeschick passierte einem Händler der Bank of America im September 2006. Er wartete auf die Anordnung seines Vorgesetzten, um einen fertig vorbereiteten Deal über 50 Millionen Dollar abzuschließen. Es fehlte nur noch der Druck auf die Enter-Taste. Während er wartete, warf ein Trainee einen Football durch den Raum und traf die Tastatur, inklusive der Enter-Taste.

Milliarden statt Millionen, 2002

Ein Händler von Bear Stearns verzählte sich im Oktober 2002 beim Verkauf von Aktien bei den Nullen und handelte sie für vier Milliarden Dollar anstelle von vier Millionen. Bevor der Vertipper auffiel, gingen bereits Wertpapiere im Wert von 600 Millionen Dollar an neue Besitzer. Dadurch sank der Leitindex Dow Jones um 2,3 Prozent.

100 Millionen für Verdreher

Im Dezember 2001 begleitete UBS Warburg den Verkauf neuer Aktien des japanischen Unternehmens Dentsu. Ein Händler vertippte sich und verkaufte statt 16 Dentsu-Aktien zu 600.000 Yen 610.000 Aktien zu je 6 Yen. Innerhalb kürzester Zeit verkaufte die USB dadurch 61.915 Aktien, was etwa der Hälfte des Emissionsvolumens entspricht. Die UBS verlor durch die Panne 100 Millionen Dollar, weil sie die Aktien zum Marktpreis zurückkaufen musste.

Lehman Banker verkauft zu viel (2001)

Ein Händler der Investmentbank Lehman Brothers verkaufte 2001 aus Versehen hundertmal mehr Aktien als er wollte. Darunter waren auch Schwergewichte wie AstraZeneca und BP. Der Banker vernichtete damit zeitweise 30 Milliarden Pfund an Börsenwert.

Tippfehler mit Folgen (1999)

Ein Aktienhändler der UBS gab im Januar 1999 zu viele Nullen in seinen Rechner ein und handelte damit innerhalb von nur zwei Minuten zehn Millionen Aktien des Pharmakonzerns Roche, obwohl nur sieben Millionen Stück existierten. Das Handelsvolumen überstieg die Marktkapitalisierung von Roche um knapp die Hälfte.

Der Schwarze Montag (1987)

Am 19. Oktober 1987 bricht der Dow Jones um fast 23 Prozent auf 1.728 Punkte ein, der größte prozentuale Tagesverlust in der Geschichte des Index. Der seinerzeit beliebte Programmhandel - eine Art Vorläufer des heutigen Algo-Tradings - hat den Absturz noch verschlimmert.

Börsentendenzen hat es immer gegeben. Ungewohnt sind allerdings die hohen Ausschläge der jüngeren Vergangenheit in sehr kurzer Zeit. Ein Warnschuss war der sogenannte Flash Crash vor fünf Jahren, als die Kurse an Wall Street innerhalb von Minuten extrem gefallen, sich ebenso wieder erholt hatten. Am Montag gingen die hohen Abschläge aus technischer Sicht vor allem auf das Konto von Stop-Loss-Orders, automatischen Oderausführungen, wenn bei Kursen vorgegebene Schwellen unterschritten werden.

Kommentare (3)

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Juan Garcias

25.08.2015, 16:40 Uhr

So sieht es aus. Legale Manipulation. Fällt es zu stark, wie gestern, wird der Handel ausgesetzt. Steigt es zu stark, dann nicht. Das hat mit Börse und Anlage nichts mehr zu tun. Rational oder fundamental kann man die heftigen Bewegungen von gestern und heute nicht erklären. China ist Nonsens, genau wie Griechenland. Eigentlich ist es nur noch zum kotzen.

Herr Karsten Schiefelbein

25.08.2015, 16:49 Uhr

Wasch mir den Pelz, aber mach micht nass...

Das ist heute die weit verbreitete Einstellung von privaten und institutionellen Investoren. An der Börse heißt das: Ich will dabei sein, wenn es steigt, aber bloß keine Verluste, wenn's bergab geht.

Immer wieder tauchen am Markt irgendwelche Produkte auf, die diesen Widerspruch scheinbar tatsächlich umsetzen, also die schönste aller Welten.

Verlustbegrenzung ist das Zauberwort, und auch Handelsblatt und Wirtschaftswoche täuschen regelmäßig ihre Leser mit angeblichen Sicherungsinstrumenten oder Stop-Loss-Kursen.

So aber wird es nix an der Börse.

Besser, man legt fest, welchen prozentualen Anteil man wirklich in einen volatilen Markt investieren will und geht damit dann auch ohne alberne Stop-Loss-Oders oder Absicherungsinstrumenten in den Markt. An so turbulenten Tagen ist derjenige gut beraten, der mal die ein oder andere Kauforder 5% unter den aktuellen Kursniveau platziert. Da würde sich heute der ein oder andere Wert zu einem attraktiven Kurs im Depot wiederfinden.

Ich wüsste gerne mal, wer gestern beim DAX von 9.340 Punkten so verkauft hat, da wird so mancher Schaden in institutionellen Vermögen entstanden sein.

Herr Peter Spiegel

25.08.2015, 17:27 Uhr

Auf dem Bild, ist der Herr Schneider schon zur Maschine geworden ?

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