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30.01.2012

17:20 Uhr

Jahr der Börsengänge

Das Parkett erwacht zu neuem Leben

VonRobert Landgraf

Groß war 2011 die Angst vor den Kapriolen der Finanzmärkte. Viele Unternehmen wagten sich vor diesem Hintergrund lieber nicht an die Börse. Doch nun holen viele von ihnen die alten Pläne aus den Schubladen.

Figur des Bullen steht vor dem Gebäude der Börse in Frankfurt. dpa

Figur des Bullen steht vor dem Gebäude der Börse in Frankfurt.

FrankfurtAus meteorologischer Sicht gibt es keine Zweifel: Der Winter hat Deutschland bis auf weiteres fest im Griff. Optimistischer sind da schon die Börsianer, denn auf dem Parkett wehte in den vergangenen Wochen ein mildes Frühlingslüftchen. Vorbei sind die Zeiten, als sich zum Jahreswechsel Fondsmanager und Hedge-Fonds-Profis genauso wie Vermögensverwalter und Privatanleger in ihrem Pessimismus übertrafen; vorbei sind auch die Zeiten, als Unternehmen angesichts der Schuldenkrise und der Probleme, die sich in Europa auftürmten, ihre Vorhaben erst einmal auf Eis legten. Nun erwacht die Börse zu neuem Leben: Seit Anfang des Jahres stieg das Stimmungsbarometer Deutscher Aktienindex um fast zehn Prozent, beste Voraussetzungen also für ein Jahr der Börsengänge.

In vielen Unternehmen werden denn auch alte Pläne aus den Schubläden geholt. Allein die vier Konzerne Talanx, Evonik, Osram und HC Starck stehen mit ihren geplanten Debüts für ein Volumen von mindestens 4,2 Milliarden Euro.

Für den jüngsten Hoffnungsschub sorgte Mitte vergangener Woche Ben Bernanke – Hubschrauber-Ben, wie der Chef der US-Notenbank Fed süffisant genannt wird. Nach der jüngsten Sitzung der Notenbank hatte er verdeutlicht, dass die Fed für weitere drei Jahre an ihrer Nullzinspolitik festhalten werde. Ziel ist es, die Märkte anzukurbeln und die Attraktivität von Aktien zu stärken. „Ich bin noch nicht bereit zu erklären, dass wir in eine Phase stärkeren Wachstums einmünden“, sagte Bernanke in seiner etwas gestelzten Notenbanker-Sprache und sorgte damit für Jubel unter den Anlegern.

Christoph Stanger drückt sich einfacher aus. Der Leiter des Bereichs Aktienemissionen im deutschsprachigen Raum bei Goldman Sachs sagt: „Das Glas ist halb voll und nicht halb leer.“ Er spricht davon, dass das extrem negative Bild an den Märkten, das in den vergangenen Monaten dominierte, wohl restlos überzogen war. Etwa 80 Prozent der üblichen Fonds, in denen Otto Normalverbraucher sein Geld anlegt, hinken mit ihrer Ertragsentwicklung dem Markt hinterher, wie Goldman Sachs ausgerechnet hat.

Die heißesten Börsenkandidaten

Evonik

Schon länger liebäugelt Evonik-Chef Klaus Engel mit der Börse. Bereits im vergangenen Jahr hätte den Chef des Spezialchemiekonzerns eine Milliardenemission gefreut. Doch der Markt machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Im September gab Evonik auf. Doch jetzt kann der Konzern, an dem der Finanzinvestor CVC mit gut 25 Prozent beteiligt ist, einen neuen Anlauf unternehmen, da sich die Märkte stabilisieren. Ein Problem ist allerdings der Machtkampf beim Mehrheitseigner RAG-Stiftung. Im Streit über den Chefposten der Stiftung zeichnet sich keine Einigung ab.

Mindesemissionsvolumen: 2 Mrd. Euro


Osram

Beste Chancen für ein neues Licht an der Börse bestehen auch bei der Siemens-Tochter Osram. Im Herbst vergangenen Jahres wurde der Börsengang des Leuchtmittelherstellers verschoben – zu groß war die Unsicherheit auf den Finanzmärkten. Inzwischen steht der Spezialist im Münchener Technologiekonzern auf eigenen Füßen. Allerdings befindet sich die Branche im Wandel: Die Zeiten der Glühbirne sind vorbei, es geht in Richtung LED-Leuchten. Mit einem Stellenabbau macht sich die Firma fit. Bei guten Preisen können die Münchener jederzeit verkaufen.

Mindestemissionsvolumen: 1 Mrd. Euro

HC Starck

Angesichts der Konkurrenten um einen Sonnenplatz an der Börse muss der Spezialchemiekonzern HC Starck darauf achten, dass er nicht zu spät kommt und andere Kandidaten zu viel Geld und Aufmerksamkeit von Investoren binden. 2010 erzielte die ehemalige Tochter des Pharmakonzerns Bayer mit ihren zwölf Standorten weltweit rund 689 Millionen Euro Umsatz. Die beiden Finanzinvestoren Advent und Carlyle hatten HC Starck Anfang 2007 für 1,2 Milliarden Euro gekauft. Sie wollen nach fünf Jahren zumindest einen Teil ihres investierten Geldes wiedersehen – mit Gewinn.

Mindestemissionsvolumen: 400 Mio. Euro

Talanx

Für den Versicherungskonzern Talanx ermöglicht der Kauf des zweitgrößten polnischen Versicherers Warta den Börsengang, denn die 770 Millionen Euro teure Übernahme liefert das notwendige Wachstum für den Börsengang. Warta passt genau ins Anforderungsprofil des drittgrößten deutschen Versicherers. Er will in Osteuropa und Lateinamerika wachsen und die Hälfte der Prämien in der Erstversicherung im Ausland erzielen. Außerdem hat Talanx nach dem Kauf von Warta eine schlagkräftige Begründung, warum der Konzern frisches Geld von der Börse benötigt.

Mindestemissionsvolumen: 750 Mio. Euro

Die Fondsmanager haben sich lange Zeit nicht getraut, nun haben sie ein gravierendes Problem: Sie laufen Gefahr, die Marktentwicklung der Gegenwart zu verschlafen und weitere Kurssprünge zu verpassen. Das können sie sich nicht leisten, zumal viele Amerikaner, die sich in den vergangenen sechs Monaten verabschiedet hatten, nach Europa zurückkehren. Nach der Beobachtung von Goldman Sachs gewinnen sie nun aber wieder Vertrauen, ihre Risikobereitschaft wächst wahrnehmbar. Davon profitieren vor allem deutsche Aktien, denn diese stehen für Wachstum und Solidität. In Deutschland könnte es schneller bergauf gehen als erwartet – selbst wenn die meisten europäischen Länder im Frühjahr kurzfristig in eine Rezession abgleiten sollten.

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