Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.12.2013

17:54 Uhr

Kursexplosion

Twitter-Aktie geht durch die Decke

VonAxel Postinett

Allein in diesem Monat hat die Aktie des Kurznachrichtendiensts Twitter fast 80 Prozent zugelegt. Blinder Optimismus treibt den Kurs in immer neue Höhen. Bei Analysten wächst zunehmend das Unbehagen.

Twitter-Logo an der New Yorker Börse: Die Aktie kennt keine Bremse auf dem Weg nach oben. Reuters

Twitter-Logo an der New Yorker Börse: Die Aktie kennt keine Bremse auf dem Weg nach oben.

San FranciscoWas für ein Weihnachtsgeschenk: Am Donnerstag lag die Börsenbewertung des Kurznachrichtendiensts Twitter bei gewaltigen 40 Milliarden Dollar, der Kurs bei 74 Dollar und damit sechs Prozent höher als vor Weihnachten. Seit der Erstnotiz am 7. November ist der Kurs damit um bald 60 Prozent gegenüber dem ersten Schlusskurs gestiegen und hat sich fast verdreifacht gegenüber dem Ausgabekurs von 26 Dollar.

Die surreale Kursrally lässt Beobachter ratlos zurück. Selbst Twitter-Optimisten sehen kaum noch einen erkennbaren Zusammenhang mit irgendwelchen realistischen Einschätzungen oder Geschehnissen der vergangenen Wochen. Mehrere potenzielle Auslöser für das Kursfeuerwerk werden an der Börse gehandelt: Da wäre zum einen ein hoher Bestand an „Short-Positionen“ in der Aktie. Hält sich Twitter oberhalb von 61 Dollar müssten viele Short-Seller, die auf fallende Kurse setzen, um Gewinne machen zu können, ihre Positionen mit hohen Verlusten auflösen bzw. wertlos verfallen lassen. Das bedeutet: Die Bullen kämpfen gegen die Bären – und wenn die Schlacht entschieden ist, wäre die Luft dann raus.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Zum anderen wird Bilanzkosmetik zum Stichtag 31. Dezember für möglich gehalten. Bei Kursen um 70 Dollar sähen alle Investoren, die den Mut hatten, Twitter zum IPO zu zeichnen, zum für die Abrechnung gegenüber den Kunden wichtigen Stichtag einfach nur glänzend aus. Nach gezielten Käufen in einen weihnachtlich ruhigen Markt hinein könnte demnach dann die Korrektur Anfang Januar einsetzen.

Öl ins Börsenfeuer könnte ein aktueller Bericht des Online-Dienstleisters eMarketer gegossen haben. Demnach besetzt der Social-Media-Service aus San Francisco in 2015 rund 2,2 Prozent des dann 53,4 Milliarden Dollar großen Online-Anzeigenmarktes in den USA. 2012 waren es lediglich 0,6 Prozent. Imposant, aber nicht ansatzweise ausreichend, um den Bewertungsschub zu rechtfertigen.

Die 2,2 Prozent würden für den fünften Platz ausreichen hinter Google, Facebook und Microsoft. Selbst Yahoo wäre dann mit fünf Prozent noch mehr als doppelt so groß wie Twitter. Die Nummer eins, Google, wächst dabei über den gleichen Zeitraum mit 1,3 Prozentpunkten auf satte 42,3 Prozent.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×