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15.01.2017

15:49 Uhr

Ölpreisverfall und seine Folgen

Saudi Aramco tüftelt am größten Börsengang weltweit

VonMatthias Streit

In einem Jahr will der saudische Staatskonzern einen kleinen Teil seines Unternehmens privatisieren. Investmentbanken drängeln sich um ein Mandat. Doch bis zum Börsengang gilt es noch einige Hindernisse zu überwinden.

Saudi-Arabien schätzt seine Ölreserven auf 261 Milliarden Barrel. Dazu gehört das Ölfeld Shaybah, das unter der Rub' Al-Khali liegt, der größten Sandwüste der Welt. AFP; Files; Francois Guillot

Ölproduktion in der Wüste

Saudi-Arabien schätzt seine Ölreserven auf 261 Milliarden Barrel. Dazu gehört das Ölfeld Shaybah, das unter der Rub' Al-Khali liegt, der größten Sandwüste der Welt.

FrankfurtDer saudische Ölminister und zugleich Aufsichtsratsvorsitzende von Saudi Aramco Khalid Al-Falih will keinen Zweifel aufkommen lassen. Am Donnerstag betonte er in Abu Dhabi erneut: Der staatliche Ölkonzern Saudi Aramco soll 2018 an die Börse gehen. Punkt.

Genauer genommen geht es nur um fünf Prozent des Konzerns. Klingt erst einmal wenig. Doch schon jetzt ist klar: Das reicht mit Abstand für den größten Börsengang in der Geschichte aus. Der Wert des Unternehmens wird auf zwei bis drei Billionen Dollar geschätzt. Veräußert Saudi Aramco also einen Anteil von fünf Prozent an Investoren, beläuft sich die Summe schon auf 100 Milliarden Dollar und mehr. Zum Vergleich: Den bislang größten Börsengang der Geschichte legte Alibaba 2014 hin – mit 25 Milliarden Euro.

Entsprechend reiben sich Investmentbanken schon die Hände – und hoffen auf ein gewinnbringendes Mandat. Bis zu eine Milliarde Dollar könnten die Gebühren für die Ausgabe der Papiere betragen, berichtet das Wall Street Journal unter Berufung auf Insider. Doch bis es soweit kommt, gilt es für den verschwiegenen Konzern einige Hürden zu überwinden.

Wie und wo die Preise für Ressourcen entstehen

Welche sind die wichtigsten Handelsplätze?

Das Herz der globalen Rohstoffmärkte schlägt in London, Paris und Chicago. Hier läuft ein großer Teil des Handels mit denjenigen natürlichen Ressourcen ab, die für die Ernährung und Energieversorgung von Milliarden Menschen sowie Herstellung zahlloser Produkte unentbehrlich sind. Den sogenannten Termingeschäften schlägt jedoch regelmäßig auch viel Kritik entgegen.

Wie funktionieren Termingeschäfte?

Wir sind es meist gewohnt, nach Kauf oder Bestellung eines Produkts direkt zu zahlen. An den Finanzmärkten ist das oft nicht so. Hier gibt es neben sofort ausgeführten Geschäften („Spot“/„Kassa“) auch viele Deals, bei denen die Abwicklung in der Zukunft liegt - aber zu schon heute vereinbarten Konditionen. Käufer und Verkäufer einigen sich dann auf eine Umsetzung per Termin („Future“). Ein Stahlkonzern kann etwa Monate im Voraus Eisenerz ordern und weiß genau, was ihn das später kostet.

Warum sind solche Geschäfte wichtig?

Generell soll der Terminhandel die Märkte stabilisieren. Im Einkauf großer Öl-, Rohstoff- oder Chemiekonzerne ist eine langfristige Planung ohne teilweise abgesicherte Preise und Mengen nicht denkbar. Grundsätzlich gilt: Wenn die für einen späteren Zeitpunkt erwarteten Preise von den aktuellen abweichen, kann es sich lohnen, auf künftige Preise zu spekulieren. Ziel ist es, beim Liefertermin keinen Verlust zu machen, falls das Preisniveau in der Zwischenzeit in den Keller geht.

Wo gibt es Terminmärkte?

Bekannte Beispiele sind der Handel mit Metallen, Kohle oder Erdöl. Dafür gibt es Börsen, an denen täglich Milliarden umgesetzt werden. Bei Metallen wie Kupfer und Zink läuft das etwa über die London Metal Exchange. Relativ rohstoffarme Länder wie Deutschland sind darauf angewiesen: Laut der Bundesbehörde BGR fiel der Wert der heimischen Rohstoffproduktion 2015 um 100 Millionen auf 13,4 Milliarden Euro. Agrargüter wie Getreide, Soja oder Zucker werden vor allem in Chicago und Paris ge- und verkauft.

Wo lauern Gefahren?

Geht ein Termingeschäft auf, wird die Risikobereitschaft der Akteure belohnt. Probleme können entstehen, wenn die Spekulation von reiner Finanz-Zockerei angetrieben ist. Solche Spekulanten wollen oft gar nicht in reale Güter investieren. Sie setzen auf Preisanstiege etwa von Agrar-„Futures“, um diese mit hohem Gewinn weiterzuverkaufen. Etliche Termingeschäfte sind stark kreditfinanziert und brauchen nur wenig Eigenmittel des Spekulanten. Und Skeptiker weisen auf möglichen Missbrauch durch Insider-Spekulation (Wetten „gegen den Markt“) oder Leerverkäufe (Spekulation mit bloß geliehenen Zertifikaten) hin.

Sind die Geschäfte also schlecht?

Das lässt sich pauschal keinesfalls sagen. Bei realen Gütern kann sie stabilisierend wirken, wenn etwa nach der Ernte Teile des Angebots durch Lagerung verknappt und die Erzeugerpreise so gefestigt werden. Turbulenzen können spekulative Geschäfte aus Sicht vieler Ökonomen dagegen vor allem bei Finanzprodukten auslösen. Einige Banken haben das Geschäft mit Agrarzertifikaten unabhängig davon eingestellt.

Obwohl der saudische Vizekronprinz Muhammad bin Salman den Plan bereits vor knapp einem Jahr ankündigte, sind bis heute viele Fragen offen. Besonders eine steht im Fokus: Die nach der Transparenz. Denn viele Börsen verlangen größte Einsicht ins Innerste der Konzerne. Die hat Saudi Aramco bislang immer geblockt. Was also bringt die Saudis dazu, umzudenken?

Wie so vieles am Ölmarkt hängt die Entscheidung mit den seit Mitte 2014 stark gefallenen Ölpreisen zusammen. Seit seinem Zwölfjahrestief im vergangenen Jahr bei knapp 27 Dollar hat sich der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl zwar wieder verdoppelt. Damit liegt er aber immer noch weit unter seinem Ausgangsniveau von über 110 Dollar. „Durch den gesunkenen Ölpreis stehen die großen Ölnationen unter Druck, auch Saudi-Arabien. Und die Preise werden, wenn nicht noch Wunder wie ein plötzlicher Wachstumsschub für die Weltwirtschaft passieren, für längere Zeit niedrig bleiben“, erklärt Walter Pfeiffer, Partner und Energieexperte von der Unternehmensberatung Roland Berger.

Was die Einigung des Ölkartells nach sich zieht

Ist der Ölpreis-Anstieg nachhaltig?

Zumindest für die kommenden Monate sagen die meisten Analysten einen höheren Preis voraus. Die Nordea-Bank etwa rechnet für 2017 mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 57 Dollar je Fass - das wäre gut ein Viertel mehr als im ablaufenden Jahr. Allerdings erwarten etwa die Experten von Barclays für die zweite Jahreshälfte 2017 wieder fallende Preise. Ein Grund dafür: Die Produzenten von Schieferöl, das mit Hilfe des technisch aufwendigen und teuren Fracking-Verfahrens gewonnen wird, dürften ihre Produktion hochfahren, weil sich dies für sie ab einem bestimmten Preisniveau wieder lohnt. Experten wie Eugen Weinberg von der Commerzbank zweifeln zudem, ob die Förderländer ihre Vereinbarung vollständig umsetzen werden.

Zieht die Inflation in Europa wieder an?

Nein. Die Teuerungsrate in der Euro-Zone dürfte nach Prognose von Sal.-Oppenheim-Chefvolkswirt Martin Moryson ihren Zenit überschritten haben. Im ersten Quartal war die Inflationsrate wegen des starken Ölpreisanstiegs zeitweise an die Marke von 2,0 Prozent herangereicht. Dieser Effekt läuft nun aus. Ölprodukte wie Benzin, Diesel und Heizöl haben einen hohen Anteil am Warenkorb, mit dessen Hilfe die Inflation berechnet wird. Deshalb schlagen höhere Ölpreise auf die Teuerungsrate durch.

Welche Folgen hat das für die Wirtschaft?

Wegen steigender Preise an den Zapfsäulen und für Heizöl bleibt den Verbrauchern weniger Geld im Portemonnaie. „Mit anziehender Inflation wird der Kaufkraftgewinn durch Lohnsteigerungen geringer“, sagt BayernLB-Ökonom Stefan Kipar. „Auch steigen die Produktionskosten vieler Unternehmen, wenn Rohstoffe teurer werden.“ Das sieht Nordea-Europachefvolkswirt Holger Sandte ähnlich. „Zwar wird sich die Importnachfrage Russlands und anderer Ölexportländer erhöhen und damit die Nachfrage nach europäischen Exporten gestützt“, erläutert der Ökonom. „Aber der Schwung beim privaten Verbrauch dürfte nachlassen.“ Das sei einer der Gründe, warum die Wirtschaft in der Währungsunion 2017 nur um 1,3 Prozent wachsen dürfte.

Was heißt das für Anleger?

An den Anleihenmärkten wird es im kommenden Jahr kaum etwas zu verdienen geben, erwartet Sal.-Oppenheim-Anlagestratege Lars Edler. Denn die steigende Inflation zehrt massiv an den ohnehin niedrigen Renditen. So dürfte etwa die zehnjährige Bundesanleihe sogar eine negative Gesamtrendite von etwa einem Prozent abwerfen, wenn man die Teuerung einrechnet. Auch am Devisenmarkt könnten viele Anleger umdenken: Die Währungen von Ölförderländern wie Norwegen und Russland legten wegen der höheren Ölpreise bereits merklich zu.

Wie reagiert der Aktienmarkt?

Hier gibt es viele Gewinner, aber ebenso viele Verlierer. Papiere von Öl- und Gasförderern wie der italienischen Eni waren nach der Einigung auf eine Förderbremse gefragt. Auf der anderen Seite leiden Fluggesellschaften wie die Lufthansa, weil der Kerosinpreis ein großer Kostenfaktor ist. Üblicherweise werden auch energieintensive Unternehmen und Konsumgüterhersteller besonders belastet, wenn die Ölpreise anziehen.

Seit die Einnahmen aus dem Ölverkauf fielen klaffen milliardenschwere Löcher im saudischen Staatshaushalt. Spätestens dies war Grund genug, die Umstellung der Wirtschaft voranzutreiben. Der Börsengang Saudi Aramcos ist Teil der Vision 2030 des Kronprinzen Muhammad bin Salman, der die saudische Wirtschaft nun unabhängiger vom Öl machen möchte.

Doch dafür sind Zugeständnisse nötig – etwa bei der Transparenz des Konzerns. „Für Investoren werden die Fragen nach den Ölreserven und den Steuern, die das Unternehmen zahlt, entscheidend sein“, erklärt Robin Mills, Leiter des Think Tanks Qamar Energy aus Dubai.

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