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15.09.2015

16:17 Uhr

Panikverkäufe an der Börse

Neuer Tag des Grauens für Eon und RWE

Panikverkäufe bei deutschen Versorgern: Anleger laufen in Scharen davon, die Aktienkurse brechen zeitweise um bis zu 13 Prozent ein. Eine Nachricht lässt die Investoren verzweifeln.

Vorstandsvorsitzender Peter Terium hat es derzeit nicht leicht. Neue Gesetze und schrumpfende Gewinne machen dem Konzern zu schaffen. dpa

RWE

Vorstandsvorsitzender Peter Terium hat es derzeit nicht leicht. Neue Gesetze und schrumpfende Gewinne machen dem Konzern zu schaffen.

Düsseldorf/BerlinDen Atomkraftwerk-Betreibern Eon und RWE laufen angesichts neuer Spekulationen über zusätzliche Milliardenlasten durch den Atomausstieg die Anleger in Scharen davon. Die ohnehin stark gebeutelten Aktienkurse brachen am Dienstag um bis zu 13 Prozent ein, nachdem unter anderem das Handelsblatt am Montagabend berichtet hatte, dass die AKW-Rückstellungen der vier deutschen Atomkraftkonzerne um bis zu 30 Milliarden Euro zu niedrig seien. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sprach von „unverantwortlichen Spekulationen“. Es gebe weder ein Ergebnis des Stresstests der AKW-Rückstellungen noch einen Entwurf davon. „Die aktuellen Zahlenspiele sind keine Grundlage für unser konkretes politisches Handeln.“

Atomausstieg: Energiekonzernen fehlen bis zu 30 Milliarden Euro

Atomausstieg

Energiekonzernen fehlen bis zu 30 Milliarden Euro

Den vier großen Energieversorgern Eon, RWE, Vattenfall und EnBW fehlen Rückstellungen von bis zu 30 Milliarden Euro. Ein Stresstest offenbart große Lücken bei den Kostenkalkulationen für die Atomlasten der Konzerne.

Die vom Bundeswirtschaftsministerium beauftragte Prüfungsgesellschaft Warth & Klein Grant Thornton soll prüfen, ob die Rückstellungen der Versorger für den Abriss der Meiler und die Müllbeseitigung ausreichen. Kritiker von Eon & Co. bezweifeln das seit Jahren. Zudem seien die in laufenden Geschäften gebundenen Mittel im Fall einer Pleite der Versorger nicht sicher. Sie sollten daher in einen Fonds eingebracht werden. Die Bundesregierung will das prüfen.

Die „Rheinische Post“ berichtete unter Berufung auf Berliner Kreise, das dem Stresstest zufolge Eon neun bis zwölf Milliarden Euro fehlten und RWE 7,5 bis zehn Milliarden Euro. Eon hat bislang 16,6 Milliarden Euro zurückgelegt, RWE 10,4 Milliarden. Zusammen mit EnBW und Vattenfall sind es 38,6 Milliarden Euro. Eon, RWE und EnBW bekräftigten, dass ihre Rückstellungen ausreichend seien. Ein Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums bezeichnete die angebliche Lücke von 30 Milliarden Euro als „völlig unrealistisch“.

An der Börse warfen Anleger die Aktien der Versorger dennoch in hohem Bogen aus ihren Depots. Eon und RWE verloren zeitweise soviel wie seit Jahrzehnten nicht. RWE-Papiere fielen auf 10,18 Euro - den niedrigsten Stand seit über einem Vierteljahrhundert. Eon-Aktien waren mit 7,46 Euro so billig wie nie. Damit waren die beiden Stromerzeuger sowohl im Dax als auch im EuroStoxx50 die größten Verlierer. Durch den Ausverkauf bei den beiden Dax-Konzernen wurde innerhalb weniger Stunden ein Börsenwert von insgesamt 1,3 Milliarden Euro vernichtet. Seit Jahresbeginn schmolz die Marktkapitalisierung um rund 22 Milliarden Euro zusammen.

Das Handelsblatt hatte bereits in der vergangenen Woche berichtet, die Prüfer seien auf den Fehlbetrag gekommen, da die Versorger bei ihren Rückstellungen mit zu positiven Zinserträgen rechneten. Auch dagegen verwahrten sich die Konzerne. „Der Entwurf enthält offenbar ein Szenario, bei dem mit einem negativen Realzins gerechnet wird und das so zu einer nicht realistischen Rückstellungssumme kommt“, erklärte Eon. Eine solche Annahme habe keinerlei Grundlage und sei nicht einmal vor dem Hintergrund des aktuellen Niedrigzinsniveaus plausibel. „In anderen europäischen Ländern werden Realzinsen von mehr als zwei Prozent bei den Kernenergie-Rückstellungen zu Grunde gelegt.“ Das bei Eon angesetzte Zinsniveau von real einem Prozent sei „sehr konservativ“.

Die Analysten von Bernstein erklärten ebenfalls, dass in dem Bericht offenbar der extremste Fall angenommen wurde. Dieser sei aus makro-ökonomischer Sicht unhaltbar. Auch RWE geht von einem Realzins von einem Prozent aus. Der Konzern berücksichtigt dabei nach eigener Aussage den Durchschnitt der Marktzinsen der vergangenen rund 25 Jahre und zieht davon die Inflationsrate ab. Die anhaltende Niedrigzinsphase der vergangenen Jahre dürfte danach aber künftig immer stärker ins Gewicht fallen.

Energiekonzerne im Umbruch

Zwei Wege, ein Ziel

Der Strom- und Gasversorger Eon, der einst seine Stärke aus Kohle, Gas und Atomkraft bezog, mutiert nach seinem eigenen Bestreben zu einem lupenreinen „grünen Versorger“. Und verheißen die Pläne zur Abspaltung des konventionellen Kraftwerksgeschäfts in den Eon-Mutanten Uniper einen Ausweg aus der Krise? Oder führt am Ende doch der Weg, den die Essener Konkurrenten RWE einschlagen wollen, indem sie den Konzern radikal vereinfachen und mehr Macht in der Zentrale konzentrieren, am schnellsten raus aus der Krise?

Was ist der Grund für die Zerschlagung von Eon?

Der Branchenprimus auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt war wie alle großen Mitspieler durch die Energiewende in die Bredouille geraten. Zuvor waren Eon & Co durch die Ausweitung des Wettbewerbs auf den Märkten bereits Macht genommen worden. Unter anderem trennten sie sich von den Höchstspannungsnetzen. Mit der Entscheidung zum Ausstieg aus der Atomenergie aber erfolgte der entscheidende Schnitt – das Ende für die herkömmlichen Kohle- und Atomriesen war eingeläutet. Strom aus Wind und Sonne erhielt Vorfahrt.

Was erhofft sich Eon von der Abspaltung?

Jahrelang hatte der Konzern enorme Gewinne aus dem Strom- und Gasgeschäft gescheffelt und Aktionäre mit steigenden Dividenden verwöhnt. Das ist seit ein paar Jahren vorbei. Dabei steht der Konzern unter einem hohen Druck durch die Kapitalmärkte. Durch die Abtrennung erhofft sich die neue Eon, die sich künftig ganz auf Ökostrom, Energienetze und Kundenlösungen konzentriert, Rückenwind: Das Unternehmen ist frei von Altlasten - nur noch der Name erinnert an seine Herkunft.

Warum entschied sich RWE gegen die Aufspaltung?

Bei dem Konkurrenten aus Essen sind die Eigentümerverhältnisse anders gelagert. Während Eon eine börsennotierte Publikumsgesellschaft mit zahlreichen Anlegern ist, haben bei RWE die Kommunen noch ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Auch die waren jahrelang durch üppige Dividenden verwöhnt worden. Eine Zerschlagung des Konzerns in zwei Teile wäre vor dem Hintergrund kaum durchsetzbar gewesen. RWE-Chef Peter Terium bezeichnete einen solchen Schritt auch als nicht „wünschenswert“. Hinzu kommt, dass bei RWE das Geschäft mit regenerativen Energien noch nicht so weit entwickelt ist wie bei Eon.

Was bedeutet die Abspaltung bei Eon für die Atomrückstellungen?

Darüber ist in den vergangenen Monaten viel berichtet und spekuliert worden. Eon-Chef Johannes Teyssen nannte diese Rückstellungen, die für den Rückbau der Atomanlagen vorgesehen sind und in der Eon-Bilanz 2014 eine Summe von mehr als 16 Milliarden Euro ausmachten, bei der Vorlage der Halbjahreszahlen als „sicher“. Die Summe wird vollständig Uniper zugeschlagen. Und Teyssen beteuert, dass das Unternehmen seinen Verpflichtungen voll und ganz nachkommen werde. Kritik kommt von Tobias Riedl von der Umweltschutzorganisation Greenpeace: „Die geplante Aufspaltung von Eon in eine „Good“ und eine „Bad Bank“ ist der dreiste Versuch des Konzerns, sich der Haftung für den selbst produzierten Atommüll zu entziehen.“ Eon strebe an, dass künftige Milliardenkosten für die Entsorgung des verstrahlten Abfalls möglichst die Bürger tragen sollten, sagt Riedl.

Welche Perspektiven hat Uniper?

Auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt wird es Uniper schwer haben. Auch wenn Eon den Bereich heute als einen für Jahrzehnte wichtigen Baustein beim Umbau des Energiesystems sieht - nämlich durch seine absichernde Funktion für die erneuerbaren Energien - wird das Unternehmen nach Ansicht von Branchenbeobachtern noch lange an seinem Image als Auslaufmodell zu tragen haben.

Welche Lichtblicke sind beim Umbau der Konzerne zu erkennen?

Mit dem massiven Ausbau der Erzeugung von Windkraft und Solarenergien und dem Anschluss der Parks an die Stromnetze ernten die Unternehmen allmählich die ersten Früchte ihrer Investitionen. Mittlerweile ist Eon an 10 Windparks auf See in Europa beteiligt und kommt weltweit auf eine Kapazität von 4000 Megawatt. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung liegt derzeit bei rund 14 Prozent, bei RWE sind es mit 5 Prozent deutlich weniger.

Quelle: dpa

Von

rtr

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