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04.10.2017

00:37 Uhr

Pirelli-Börsengang

Ein 145 Jahre altes Start-up

VonRegina Krieger

Als das chinesische Staatsunternehmen Chem China die Mehrheit bei Pirelli übernommen hatte, nahm es die italienische Firma von der Börse. An diesem Mittwoch kehrt der Reifenhersteller an die Mailänder Börse zurück.

Der Motorsport ist für den Reifenhersteller wie ein Labor unter offenem Himmel. dpa

Formel 1-Reifen von Pirelli

Der Motorsport ist für den Reifenhersteller wie ein Labor unter offenem Himmel.

MailandEin Foto, auf dem drei Reifen vor dynamischen Farbklecksen in den italienischen Nationalfarben zu sehen sind. Dazu der Slogan: „Investiere in ein Start-up, das 145 Jahre alt ist!“ An dieser Botschaft kam in Italien seit Wochen keiner vorbei. Sie war in jeder Zeitung zu sehen, sie lief in TV und Radio. An diesem Mittwochmorgen ist es soweit: Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera läutet die Glocke, und der fünftgrößte Reifenhersteller der Welt geht an die Börse.

Inszeniert wird die Zeremonie im Palazzo Mezzanotte, dem Sitz der Mailänder Börse im Herzen der Stadt, mit den Produkten des Hauses: Aufgefahren werden auf dem Parkett ein Formel-1-Rennwagen, ein Motorrad, zwei Fahrräder und natürlich jede Menge Reifen. Der Rennwagen ist ohne Logo und gehört Pirelli, dem einzigen Ausrüster für alle Formel-1-Teams. Der Vertrag läuft bis 2019.

Doch eigentlich ist es kein Debüt. Es ist eine Rückkehr an die Börse. Vor zwei Jahren hatte das chinesische Staatsunternehmen Chem China die Mehrheit bei Pirelli übernommen und das Unternehmen von der Börse genommen. 65 Prozent zu einem Preis von 7,1 Milliarden Euro waren damals der größte Firmenkauf von Chinesen in Italien. Das Geschäft mit Lkw-Reifen wurde an eine Tochter des chinesischen Chemiekonzerns abgegeben.

Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera: „Wir gewinnen immer“

Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera

Premium „Wir gewinnen immer“

Pirelli, das ist noch immer „made in Italy“ – auch unter chinesischer Führung. Im Interview spricht Chef Marco Tronchetti Provera über die Konservierung eines Mythos, sein Formel-1-Faible und den weltberühmten Kalender.

CEO Tronchetti Provera, seit 1992 an der Spitze des Unternehmens, richtete die Strategie auf das „High-Value-Geschäft“ aus. „Wir schaffen ein reines Consumer-Unternehmen, das auf Reifen für Autos und Motorräder fokussiert ist“, sagte er dem Handelsblatt. Mit den Chinesen habe sich nichts geändert, die Wurzel des Unternehmens sei und bleibe Italien.

Die Rechnung des Managers scheint aufzugehen: Pirelli ist mit einer operativen Umsatzrendite von 20 Prozent profitabler als die Konkurrenten Michelin und Continental. Im ersten Halbjahr machte Pirelli einen Gewinn von 67,6 Millionen Euro und strebt bis 2020 ein jährliches Umsatzplus von durchschnittlich neun Prozent an. Erst vor kurzem wurde der 69-jährige Provera vom Verwaltungsrat in seinem Amt bis 2021 bestätigt.

Jetzt gehen die Chinesen auf unter 50 Prozent. Der Pirelli-CEO und die Großbanken Unicredit und Intesa bauen von zusammen 22 Prozent der Anteile auf etwa die Hälfte davon ab. Und auch die Beteiligungen der italienischen Holding Camfin sowie des russischen Fonds LTI schrumpfen. Rosneft, der russische Energieriese, war 2014 bei Pirelli eingestiegen. 

Der Reifenhersteller aus Mailand, der nach Umsatz fünftgrößte der Welt nach Bridgestone, Michelin, Goodyear und Continental, bringt 40 Prozent des Kapitals an die Börse. Die Marktkapitalisierung zum Verkaufspreis von 6,50 Euro pro Aktie liegt bei 6,5 Milliarden Euro. Der Preis liegt damit am unteren Ende der ursprünglichen Skala, die von 6,50 bis 8,30 Euro reichte. Als Gründe nennen Analysten die hohe Verschuldung und die Sorge vor einem weiterhin großen Einflusses der Chinesen. In einer Tranche für italienische Privatanleger wurden 35 Millionen Aktien platziert, 90 Prozent entfallen auf institutionelle Investoren.

Marco Tronchetti Provera – zur Person

Der Manager

Der Mailänder ist mit Pirelli eng verbunden. Seit 1992 steht der 69-Jährige als CEO an der Spitze des Reifenherstellers. Von 1969 bis zum Einstieg der Chinesen 2015 war er Verwaltungsratsvorsitzender. In erster Ehe war er mit der Urenkelin des Firmengründers verheiratet. Trochetti Povera entscheidet, wer den berühmten Kalender fotografiert und wer ein Exemplar bekommt, denn käuflich ist er nicht. Aus einer alten Pirelli-Fabrik in Mailand schuf er den Hangar Bicocca, eine Halle für zeitgenössische Kunst.

Das Unternehmen

Der Hersteller von Reifen für Autos, Motorräder und Fahrräder ist das fünftgrößte Reifenunternehmen weltweit mit einem Nettoumsatz von 6,06 Milliarden Euro, einem Gewinn vor Steuern (Ebit) von 724 Millionen und 37.000 Mitarbeitern (2016). Pirelli ist der einzige Ausrüster für alle Teams der Formel1. Der Vertrag läuft bis 2019.

Pirelli ist stolz auf seine Geschichte. Giovanni Battista Pirelli gründete 1872 eine Gummiwarenfabrik, die schnell wuchs. 1922 ging das Unternehmen erstmals an die Börse. „Unser Produkt ist zwar auf den ersten Blick einfach, nämlich rund und schwarz“, so Tronchetti Provera im Handelsblatt-Interview, „aber Innovation ist das Herz unseres Unternehmens.“

Entwickelt werden Breitreifen, farbige Flanken und eine Sensorik an der Innenseite eines Reifens, die Druck und Temperatur misst und an den Bordcomputer oder auf das Handy des Fahrers schickt. Das Engagement im Motorsport gehe über die Formel 1 hinaus, so der CEO, bis hin zu Motorrad- und Radrennen. „Für uns ist der Motorsport wie ein Labor unter offenem Himmel.“

Sehr viele Börsengänge gibt es nicht im Mailand. Aber alle erinnern sich noch an den spektakulären  Börsengang  von Ferrari zu Beginn des Jahres 2016. Vor der Börse standen in einer langen Reihe rote Sportwagen des Hauses, und neben Verwaltungsratspräsident John Elkann  und CEO Sergio Marchionne war sogar der damalige Ministerpräsident Matteo Renzi aus Rom angereist. Doch der Start auf dem Parkett war holprig. Wegen unruhiger Märkte in China lief der erste Börsentag gar nicht gut. Ab heute kann es Pirelli besser machen.

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