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02.12.2013

15:21 Uhr

Stahlkonzern

Thyssen-Krupp-Aktie geht auf Tauchfahrt

Neue Hiobsbotschaften statt Befreiungsschlag bei Thyssen-Krupp: Der Stahlkonzern wird zwar einen Verlustbringer los, doch alte Probleme holen den Konzern ein. Eine Kapitalerhöhung soll es nun richten. Die Aktie sackt ab.

Schwere Zeiten

Thyssen-Krupp in der Krise

Schwere Zeiten: Thyssen-Krupp in der Krise

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DüsseldorfErneut fährt der angeschlagene Stahlkonzern Thyssen-Krupp einen Milliardenverlust ein. Vorstandschef Heinrich Hiesinger bringt auf der Bilanzpressekonfernz am Samstag eine Kapitalerhöhung ins Spiel. Auch die Aufnahme neuer Schulden über eine Anleihe steht im Raum. Zudem muss Thyssen-Krupp seine Edelstahlsparte von Outokumpu zurückkaufen. Die Anleger quittieren das mit Missmut: Bis zum Nachmittag sackt die Thyssen-Aktie zeitweilig um neun Prozent ab. Die einzig positive Nachricht, die Hiesinger am Samstag in einer eilends einberufenen Pressekonferenz verkündete, geht in der Serie der Hiobsbotschaften um den Essener Konzern fast unter: Das Verlustwerk im US-Bundesstaat Alabama ist verkauft.

Doch während die US-Fabrik für rund 1,1 Milliarden Euro an Arcelor-Mittal und Nippon Steel geht, bleibt der deutsche Traditionskonzern auf dem zweiten Verlustbringer sitzen, dem Rohstahlwerk in Brasilien. Die Kosten für die Anlagen waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert. Mehr als acht Milliarden entfielen auf das Werk im Bundesstaat Rio de Janeiro, für das sich auch nur wenige interessiert hatten.

Die Werke hatten im abgelaufenen Geschäftsjahr erneut maßgeblich dazu beigetragen, dass Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust einfuhr. Dieser war mit einem Fehlbetrag von rund 1,5 Milliarden Euro zwar deutlich niedriger als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor.

Die Lage etwas entspannen sollen nun weitere Einsparungen und eine Kapitalerhöhung. Wann diese kommen wird, ließ Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger offen. Mit der geplanten Erhöhung von bis zu zehn Prozent könnte der Konzern rund eine Milliarde Euro einnehmen. Angesichts der Schulden von fünf Milliarden Euro und einer Eigenkapitalquote von 7,1 Prozent – der mit Abstand niedrigsten eines Dax-Konzerns – könnten weitere folgen. Auch Hybrid- und Wandelanleihen gehörten zum Werkzeugkasten des Konzerns, sagte Finanzvorstand Guido Kerkhoff.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hält eine Kapitalerhöhung bei Thyssen-Krupp für sinnvoll. Die Banken hielten derzeit nur still, weil sie um ihre Kredite fürchteten, begründete dies DSW-Geschäftsführer Thomas Hechtfischer gegenüber Handelsblatt Online. Der Anlegerschutzverein gibt keine Empfehlung für eine Kapitalerhöhung ab. Letztlich komme es auf den Kurs an. Anleger müssten sich dabei entscheiden, ob sie an die Zukunft des Konzerns glauben.

Grundsätzlich sei der Konzern auf dem Weg der Besserung, urteilte Hechtfischer. Zuletzt hätten sich bei Thyssen-Krupp die guten und die schlechten Nachrichten die Waage gehalten. Entscheidend sei, ob Thyssen-Krupp vor einer Kapitalerhöhung das Risiko in Brasilien in den Griff bekomme und das dortige Rohstahlwerk verkaufen könne. Bislang gibt es für die Hochöfen aber noch keinen Käufer. Eine Anleihe als Alternative für eine Kapitalerhöhung hält Hechtfischer für unwahrscheinlich, weil diese Variante für Thyssen-Krupp deutlich teurer werden dürfte.

Skeptischer zeigen sich eine Reihe von Aktienanalysten. Sie haben umgehend reagiert und die Bewertung für die Thyssen-Papiere gesenkt. So rät ESN/Equinet Bank nun, die Thyssen-Krupp-Aktien zu verkaufen. Das sei ein Drama ohne Happy End, urteilte Equinet-Analyst Stefan Freudenreich. Vorher lautete die Empfehlung „reduzieren“. Auch Nomura-Analyst Neil Sampat senkte seine Empfehlung von „neutral“ auf „reduzieren“. Er bezweifele, dass die bisher bekannt gegebenen Maßnahmen das seien, was Thyssen-Krupp-Aktionäre sich unter einer strategischen Kehrtwende im Geschäftsjahr 2013/14 vorstellten.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

02.12.2013, 13:51 Uhr

Der Hiesinger kann es offenkundig auch nicht. US-Werk zu verschenken, sich von den Finnen übers Ohr hauen lassen und die größte Qual - sprich Brasilien nicht loszuwerden - das hätte auch ein dressierter Affe geschafft.

kuac

02.12.2013, 13:53 Uhr

Wie konnte das passieren mit Topmanagern, die viel Boni kassieren?

Krabak

02.12.2013, 15:48 Uhr

Es ist schon beeindruckend, wie tief und lang andauernd die Folgewirkungen der geistig-moralischen Wende von 1982 sind. Aber es verwundert nicht. Immerhin hat ja die mindestens seit 1985 verkündete Karriererezeptur der Kohl-Genscher-Truppe genau beschrieben, was kommen würde: "Können? Können muss nicht sein. Kennen! Kennen muss sein!".

Und so ist sie denn entstanden. Eine hybride Elite von größenwahnsinningen, schizioid-narzistischen Leistungsträgern, die heute noch immer als "Manager" tituliert werden, obwohl sie, vom Standpunkt der Praxis aus betrachtet, als neufeudalistischen Erbbesitzfeudalhöflinge und Cretins beschrieben werden müssten, wenn man denn deren Realleistungsfähigkeit zugrunde legen würde.
Es wird wohl mit dem Neuen Deutschland und dessen Neuer Sozialen Marktwirtschaft in dem gesamtgesellschaftlichen Bankrott enden, in dem alle realleistungsunfähigen Feudalgesellschaften verenden. Bleibt zu hoffen, dass wir das in diesem Falle einmal ohne einen großen Krieg abarbeiten und die bedingungslose Kapitulation dieser Finanzspekulations-, -anlagenbetrugs-, Steuergestaltungs-, -vermeidungs- und -hinterziehungskriminalitätswirtschaft auf kalter Basis abwickeln können.

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