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09.09.2015

11:38 Uhr

S&P 500

Wie Amazon die Apple-Aktie in den Schatten stellt

Am Abend stellt Apple-Vorstandschef Tim Cook in San Francisco neue iPhone-Modelle vor – der zuletzt unter Druck geratenen Aktie könnte es helfen. Doch derzeit glänzt unter Technologie-Aktien Amazon. Die Gründe.

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New YorkIm letzten Jahr war ein nicht getätigtes Investment in Apple-Aktien der größte Fehler, den ein auf US-Aktien spezialisierter Investor begehen konnte. In diesem Jahr hat die Aktie des Internethändlers Amazon diese Rolle übernommen.

Seit Jahresbeginn kommt sie auf ein Plus von 67 Prozent und hat den Verlust im Standard & Poor's 500 am stärksten von allen Titeln im Index gedämpft. Dabei profitierte sie nicht nur von den Problemen beim Vorjahressieger Apple, sondern auch davon, dass sie als sicherer Hafen angesehen wird, wenn Anleger mit Schwellenmärkten nichts zu tun haben wollen. Amazon erzielt 57 Prozent seines Umsatzes in Nordamerika und hängt damit weniger als andere Unternehmen vom weltweiten Wachstum ab.

„Nervöse Investoren wollen Geld bei Apple abziehen, und weil ihnen nichts Neues einfällt, drängen sie zu Amazon“, konstatiert Hugh Grieves, Fondsmanager bei Miton Group in London. „Fondsmanager, die den S&P 500 als Benchmark haben, denken, dass sie diese Aktien halten müssen, um nicht auf längere Sicht ein schlechteres Abschneiden als die Benchmark zu riskieren.“

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Schadet der Shitstorm?

Amazon selbst äußerte sich auf Nachfrage bisher nicht dazu, ob seit der Ausstrahlung der ARD-Doku weniger bestellt wurde. Doch ein Vergleich legt nahe: Zu große Sorgen muss sich Amazon wohl nicht machen. Auch über den deutschen Rivalen Zalando tobte bereits ein - wenn auch kleinerer - Sturm der Aufregung nach Berichten über schlechte Arbeitsbedingungen. Am rasanten Umsatzwachstum änderte das nichts. Von 2011 auf 2012 verdoppelte Zalando seine Erlöse von 510 Millionen auf 1,15 Milliarden Euro.

Folgen des Leiharbeiterskandals

Das ist schwer abzuschätzen. Die Empörung hat auch die Politik erreicht und es ist Wahlkampf. Die Vorwürfe wegen der schlechten Behandlung von Leih- und Zeitarbeitern richten sich aber primär gegen die Leiharbeitsfirmen. Denen droht das Bundesarbeitsministerium inzwischen mit einer Sonderprüfung. Die Firmen selbst äußern sich nicht. Die Bezahlung bei Amazon entspricht aber wohl den gültigen Standards. Mit einem Bruttostundenlohn von mindestens 9,55 Euro zahlt Amazon mehr als den gesetzlichen Mindestlohn für Zeitarbeiter, der derzeit im Westen bei 8,19 Euro und im Osten bei 7,50 Euro liegt.

Wo Amazon noch Ärger hat

In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr eine Debatte darüber, wie sich Amazon und andere US-Konzerne mit legalen Tricks vor dem Steuerzahlen drückten. Ein Amazon-Vertreter musste vor einem Ausschuss des Parlaments erscheinen und wurde dort von den Parlamentariern vor laufenden Kameras in die Mangel genommen. In den USA hatten sich Mitarbeiter darüber beschwert, dass sie im heißen Sommer in unklimatisierten Lagerhallen schuften mussten. Nach US-Medienberichten erlitten mehrere Beschäftigte Schwächeanfälle. Amazon reagierte und rüstete Klimaanlagen nach.

Der S&P 500 hat seinen Stand in den vergangenen sechs Jahren mehr als verdoppelt. Apple war dabei in fünf Jahren der wichtigste Treiber des Index. Inzwischen aber hat die Aktie den größten Teil ihrer Gewinne in diesem Jahr wieder abgegeben und verzeichnet nur noch ein Plus von etwa 1,8 Prozent. Dazu kommen massive Verluste bei den Energietiteln Exxon Mobil und Chevron, die 18 Prozent zum Minus im S&P 500 beigetragen haben. Insgesamt kommt der Index unter 24 Börsenbarometern in Industrieländern auf einen der hintersten Ränge.

Unter den Investmentfonds, die ihre Wertentwicklung gegen den S&P 500 messen und mindestens 500 Mio. Dollar verwalten, kommen diejenigen, die Amazon übergewichten – also in ihrem Portfolio einen höheren Anteil von Amazon-Aktien haben, als ihrem Gewicht im Index von 1,1 Prozent entspricht – im Schnitt auf ein Minus von 2,2 Prozent für dieses Jahr. Dagegen haben Fonds, bei denen Amazon-Titel einen geringeren Anteil am Portfolio haben als im Index, einen durchschnittlichen Verlust von 4,5 Prozent verzeichnet, wie aus Pflichtmitteilungen hervorgeht.

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