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18.04.2016

13:51 Uhr

Trotz Doha

Ölaktien schlagen sich wacker

Beim Treffen von Doha konnten sich die Erdölförderstaaten nicht auf eine Produktionsobergrenze verständigen. Den Aktien der Ölkonzerne macht das wenig aus. Ein Unternehmen gewinnt sogar deutlich.

Claudia Kemfert

Expertin zum Öl-Preis: „Es wird Unternehmenspleiten geben“

Claudia Kemfert: Expertin zum Öl-Preis: „Es wird Unternehmenspleiten geben“

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DüsseldorfDer gescheiterte Doha-Deal hat an den internationalen Märkten am Montag für Aufruhr gesorgt. Die richtungsweisende Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um bis zu sieben Prozent auf 40,10 Dollar je Barrel. Für die Texas-Sorte WTI ging es zeitweise um bis zu fünf Prozent nach unten. Auch die Börsen in den Ölförderstaaten haben reagiert: Die Börse in Saudi-Arabien verlor rund 1,6 Prozent, für die Moskauer Börse ging es zeitweise um bis zu vier Prozent bergab.

Die Papiere der einzelnen Ölfirmen kamen dagegen erstaunlich glimpflich davon. Der Europe-600-Oil-&-Gas-Index erholte sich nach einem leichten Kurseinbruch am Morgen und stand gegen Mittag gerade einmal 1,3 Prozent niedriger als am Vortag. Der Index listet die 20 wichtigsten Öl- und Gasförderer in Europa. Auch die Aktien der einzelnen Firmen verloren nur leicht. Die Papiere von Total büßten 1,4 Prozent ein. Shell-Aktien verloren rund 1,5 Prozent. British Petroleum (BP) verloren 1,4 Prozent. Etwas stärker traf es die russischen Firmen. Die Aktien des Mineralöl-Förderers Rosneft verloren an der Moskauer Börse rund zwei Prozent. 2,1 Prozent nach unten ging es für Lukoil.

Treffen in Doha: Öl-Nationen bekommen Fördermenge nicht gedeckelt

Treffen in Doha

Öl-Nationen bekommen Fördermenge nicht gedeckelt

Der Öl-Preis soll durch die Deckelung der Fördermenge nach oben getrieben werden. Doch bei den Verhandlungen der Ölförderer in Doha kam es am Sonntag zu keiner Einigung. Die Märkte reagierten am Morgen prompt.

Die gescheiterten Doha-Gespräche treffen die Papiere der Ölproduzenten auch deshalb nicht so hart, weil sich diese bereits seit Längerem mit einem fallenden Ölpreis arrangieren, ihre Kosten zurückfahren und die Investitionen reduzieren. Bei manchen Analysten zählen Aktien der Ölproduzenten sogar wieder zu den „Top Picks”.

Die Aktie des britischen Ölförderers BP sei ihr neuer Favorit, schrieb Beispielsweise Analystin Lydia Rainforth in einer Studie Ende März. Das Potenzial für Investitionen und Kostensenkungen sei derzeit nicht angemessen im Aktienkurs des britischen Ölkonzerns eingepreist. Auch bei Exxon und Shell raten viele Analysten zum Kauf.

Selbst russische Öl-Hersteller können bei den Anlegern noch punkten. Der Chef von Rosneft zum Beispiel beruhigte die Märkte Anfang des Jahres, indem er sagte, dass der Konzern selbst bei einem Ölpreis von rund 25 US-Dollar je Barrel noch mit Gewinn produzieren könnte.

Was den Anlegern wesentlich mehr Sorgen bereitet, sind die Staatshaushalte der Erdöl-Förderländer. „Offen ist jetzt die Frage, wie die Erdöl exportierenden Länder ihre Haushaltsdefizite in den Griff bekommen wollen”, schrieben die Analysten der Essener National-Bank in einem Kommentar. Es sei zu erwarten, dass deren Staatsfonds Wertpapiere verkaufen, um die Löcher zu stopfen. Die Förderländer sind zudem wichtige Handelspartner Deutschlands. Vor diesem Hintergrund kann es auch für die Dax-Anleger nochmal gefährlich werden: „Die jüngste Erholungsrally an den weltweiten Aktienmärkten basierte zu einem Großteil auf der Erholung der Ölpreise nach der monatelangen Talfahrt”, sagte Analyst Andreas Paciorek vom Brokerhaus CMC Markets. „So besteht nun das Risiko eines erneuten Kippens der Stimmung an der Börse.”

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Die Reaktion auf das Doha-Treffen zeigt: Der Ölpreis allein vermag die Aktien der Ölhersteller nicht zum Absturz zu bringen. Viel wichtiger sind die Rahmenbedingungen für die Wirtschaften der Ölförderstaaten. Vor diesem Hintergrund ist es auch wenig überraschend, dass ein Erdölhersteller trotz des gescheiterten Doha-Treffens deutlich zugelegt hat: der brasilianische Ölkonzern Petroleo Brasileiro. Die Petroleo-Papiere stiegen um 1,8 Prozent. Sie profitierten von der politischen Situation des südamerikanischen Staates: Im brasilianischen Parlament votierten am Montag zwei Drittel der Abgeordneten für eine Amtsenthebung der Staatspräsidentin Dilma Rousseff. Kritiker werfen ihr vor, den Staatshaushalt manipuliert zu haben, um ihre Wiederwahl 2014 zu sichern, und für die schlimmste Rezession in Brasilien seit Jahrzehnten verantwortlich zu sein. Nach dem Votum haben die Anleger bei Brasilien-Aktien zugegriffen.

Dass in Doha weiterhin Niedrigstpreise für Öl besiegelt wurden, scheint für ihre Entscheidung für oder gegen Petroleos zweitrangig zu sein.

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