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29.04.2015

13:43 Uhr

Twitter-Kurssturz

„Es war kein Leak, es war kein Hacking“

VonKatharina Slodczyk

Mit einer einfachen und legalen Methode hat das kleine, unbekannte Unternehmen Selerity dem Twitter-Konzern massiven Ärger beschert. Nach dieser Aktion hat Selerity nun deutlich mehr Twitter-Follower.

Nach der frühzeitigen Veröffentlichung der Quartalszahlen fiel die Twitter-Aktie deutlich und musste zeitweise sogar vom Handel ausgesetzt werden. Reuters

Twitter

Nach der frühzeitigen Veröffentlichung der Quartalszahlen fiel die Twitter-Aktie deutlich und musste zeitweise sogar vom Handel ausgesetzt werden.

London Der US-Informationsdienstleister Selerity hat Zahlen des Kurznachrichtendienstes Twitter vorab veröffentlicht. Die Methode war offenbar sehr simpel und unaufwendig. Der Wirbel und Ärger, der dann folgte, allerdings umso größer. Der US-Informationsdienstleister Selerity Corp. hat am Montagabend die Quartalszahlen des Kurznachrichtendienstes Twitter eher veröffentlicht, als vom Unternehmen geplant. Der Aktienkurs brach ein, die Papiere mussten zeitweise vom Handel ausgesetzt werden, weil Aktionäre mit so enttäuschenden Ergebnissen nicht gerechnet hatten.

Selerity hat sich diese Zahlen weder auf illegale Art und Weise beschafft, noch hatte die Firma Zugang zu exklusiven Quellen, die die vertraulichen Informationen vorab geliefert hätten. „Es war kein Leak, es war kein Hacking“, teilten Selerity per Twitter mit. Man habe die Ergebnisse einfach vorab auf der Investor-Relations-Website des Unternehmens gefunden.

Selerity ist ein bisher eher unbekannter Informationsdienstleister mit Sitz in New York, der sich auf das Aufspüren von Informationen im weltweiten Datennetz spezialisiert. Zu den Kunden gehören offenbar vor allem Unternehmen aus der Finanzbranche, darunter Hedge-Fonds und Banken.

Etwas Ähnliches wie jetzt bei Twitter ist der Firma auch schon 2011 mit Zahlen von Microsoft gelungen. Der Software-Konzern hatte sie ebenfalls zu früh ins Netz gestellt.

Die Twitter-Informationen seien definitiv öffentlich verfügbar gewesen, sagte Selerity-Chef Ryan Terpstra dem Nachrichtendienst „Business Insider“ in einem Telefoninterview. „Wir versuchen, wichtige Nachrichten frühzeitig ausfindig zu machen.“ Man suche entweder direkt auf den Investor-Relations-Seiten von Unternehmen oder mit Hilfe eines Webbrowsers. Da man in dem Fall auf der Internetseite von Twitter fündig geworden sei, habe man keine Bedenken gehabt, die Informationen zu veröffentlichen.

Auch die Ergebnisse vieler anderer Unternehmen, darunter Google und Intel, Citigroup und Disney, sind in der Vergangenheit eher an die Öffentlichkeit gekommen, als den Konzernen lieb war. Journalisten der Nachrichtenagentur Bloomberg suchen nach Angaben der US-Wirtschaftszeitung „Wall Street Journal“ ebenfalls regelmäßig die Internetseiten von Konzernen ab – in der Hoffnung, möglichst frühzeitig auf Quartalsergebnisse zu stoßen.

Zahlen und Fakten zu Twitter

Nebenprodukt mit Erfolg

Twitter war zunächst nicht mehr als ein Nebenprodukt der Firma Odeo, die eine (allerdings wenig erfolgreiche) Podcasting-Plattform entwickelte. Die Macher suchten 2006 nach Alternativen – und entwickelten den Dienst mit seinen 140 Zeichen kurzen Texthäppchen. In den ersten Monaten gewann er zwar kaum Nutzer, doch nach einem erfolgreichen Auftritt auf der Technologiekonferenz SXSW hob Twitter ab.

Idee von vier Freunden

Anfangs standen vier Freunde hinter Twitter: Evan Williams, der dank des Verkaufs seiner Plattform Blogger.com an Google auch Geldgeber war; außerdem Jack Dorsey, Biz Stone sowie Noah Glass. Letzterer wurde allerdings wegen seiner schwierigen Art schon bald aus der Firma gedrängt.

Intrigen und Machtkämpfe

Die kurze Geschichte der Firma ist geprägt von Machtkämpfen zwischen den einstigen Freunden. Der erste Chef Jack Dorsey musste auf Veranlassung des Mitgründers Evan Williams sowie des Verwaltungsrates seinen Posten verlassen. Williams selbst hielt sich auch nicht dauerhaft an der Spitze – bei seiner Entmachtung im Oktober 2010 hatte Dorsey seine Finger im Spiel. Auf ihn folgte Dick Costolo, zuvor bei Google tätig. Der wiederum verließ das Unternehmen im Juli 2015. Jack Dorsey kehrte als Interimschef zurück.

Durchweg in den Miesen

Bislang hat Twitter die Erwartungen der Börse noch nicht erfüllt. Das Unternehmen hat trotz steigender Umsätze noch nie Gewinn gemacht.

Zaghaft im Werbegeschäft

Die Gründer verzichteten in der Anfangszeit bewusst auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Im Frühjahr 2010 starteten erste Versuche mit bezahlten Tweets. Inzwischen ist das Geschäft beträchtlich angewachsen, im zweiten Quartal 2015 auf 452 Millionen Dollar .

304 Millionen Nutzer

Twitter ist für die mobile Ära gerüstet. Ein Großteil der Werbeerlöse wird auf Smartphones und Tablet-Computern erwirtschaftet. Insgesamt hat Twitter im zweiten Quartal 2015 rund 304 Millionen Nutzer pro Monat.

Twitter-Aktionäre sind gleichberechtigt

Twitter versucht nicht, den Einfluss der Gründer durch eine Aktienstruktur mit zwei Klassen zu sichern. Andere Internet-Unternehmen wie Google oder Facebook haben bei ihren Börsengängen den Investoren Papiere angeboten, die weniger Stimmrechte haben als die Aktien von Gründern und Spitzen-Managern. Bei Twitter sind alle Anteilseigner gleich, die Ausgabe von Vorzugsaktien ist nur als Möglichkeit für die Zukunft vorgesehen.

Eine der angeblich verbreiteten Methoden dafür: Man nehme beispielsweise die Web-Adresse der bereits veröffentlichten Zahlen für das erste Quartal, veränderte darin eine Zahl, die für das jeweilige Quartal steht und stoße dann manchmal auf die Ergebnisse der folgenden Quartale, bevor die Unternehmen sie offiziell an die Journalisten verschicken. Eine einfache Methode manchmal mit großer Wirkung.

Dass die Twitter-Zahlen offenbar eher als geplant im Internet verfügbar waren, dürfte der Firma, die die Investor-Relations-Seiten des Unternehmens im Internet pflegt, noch massiven Ärger einbringen. Selerity dagegen hat es deutlich mehr Anhänger auf dem Kurznachrichtendienst Twitter beschert. Es sind Medienberichten zufolge gleich ein paar Tausend neue Follower hinzugekommen, die sich jetzt regelmäßig Selerity-Nachrichten anzeigen lassen.

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