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01.04.2016

13:50 Uhr

Volkswagen-Aktie unter der Lupe

Aktionäre müssen Dividendenkürzung fürchten

Es kursieren Gerüchte, Volkswagen würde wegen der Belastungen durch die Abgasaffäre dieses Jahr die Dividende komplett streichen. Analysten gehen davon aus, dass sie zumindest auf gut die Hälfte gekürzt wird.

Die Aktionäre klagen schon seit langem über zu niedrige Ausschüttungen. dpa

Volkswagen

Die Aktionäre klagen schon seit langem über zu niedrige Ausschüttungen.

Bei der möglicherweise bevorstehenden ersten Dividendenkürzung seit sechs Jahren muss Volkswagen einen Ausgleich finden zwischen den Interessen der Arbeitnehmer, des Staats und der mächtigen Eigentümerfamilien einerseits und den Investoren, die sich seit Jahren zu kurz gekommen fühlen, andererseits.

Die beiden größten Aktionäre, der Porsche-Piëch-Clan und das Land Niedersachsen, haben erklärt, dass sie Arbeitsplätze erhalten wollen. Das deckt sich mit dem Interesse von Betriebsratschef Bernd Osterloh, der auch im VW-Aufsichtsrat sitzt. Inhaber der nicht-stimmberechtigten Aktien beklagen sich allerdings seit Jahren, dass die Dividende von Volkswagen hinter der vergleichbarer deutscher Konzerne zurückblieb. Letztes Jahr schüttete das Unternehmen 21 Prozent des Gewinns an die Aktionäre aus, weniger als halb so viel wie die Dax-Firmen im Durchschnitt.

Die juristischen Baustellen von VW

Aktionäre fordern Entschädigung

Die VW-Aktie stürzte nach dem Ausbruch der Abgas-Affäre ab, viele Anleger wollen sich ihre Verluste vom Unternehmen erstatten lassen. Ihr Argument: VW hätte deutlich früher über die Probleme informieren müssen, weil Kursabschläge drohten. Mittlerweile haben auch Großanleger entsprechende Klagen lanciert, darunter der größte US-Pensionsfonds Calpers und die Sparkassen-Fondstochter Deka. Der Vermögensverwalter AGI – eine Allianz-Tochter – erwägt die Teilnahme an einer Sammelklage. VW bekräftigte seine Auffassung, alle Pflichten befolgt zu haben.

Klagen einzelner VW-Besitzer

Weltweit wollen VW-Fahrer Schadenersatz einklagen. Das Landgericht Bochum urteilte in einem ersten deutschen Verfahren zwar, dass die Software-Manipulationen keine Pflicht zur Rücknahme der verkauften Autos nach sich ziehen. Manche Anwälte glauben jedoch, dies müsse noch keine Richtungsentscheidung sein. Enttäuschte VW-Kunden machen einen Wertverlust der Fahrzeuge geltend - etwa falls sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die notwendigen Umrüstungen verschlechtern. Volkswagen betonte allerdings mehrfach, alle betroffenen Autos seien „technisch sicher und fahrbereit“.

Sammelklagen

Viele Kanzleien buhlen darum, VW-Aktionäre und -Kunden vor Gericht vertreten zu dürfen. In den USA sind Sammelklagen ganz normal, in Deutschland können zumindest Aktionäre ein sogenanntes Musterverfahren beantragen. Dabei wird eine Klage verhandelt, an deren Ausgang sich dann andere Klagen orientieren. VW-Chef Matthias Müller hält das auch für ein Geschäftsmodell von Juristen: „Wir sehen dem ganz gelassen entgegen.“ Viele Autofahrer in Europa versuchen, ihre Verfahren über eine niederländische Stiftung bündeln zu lassen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld kündigte an, im Namen von Kunden und Unternehmen in Deutschland gegen den Konzern vorgehen zu wollen.

Klagen der US-Behörden

Zum Jahresbeginn hat das US-Justizministerium eine Klage gegen VW vorgelegt. Dabei geht es um die Manipulationen an Dieselautos, dem Konzern werden aber auch Tricksereien und Täuschung in der Aufarbeitung der Affäre vorgeworfen. Theoretisch drohen laut der Klageschrift 45 Milliarden Dollar Strafe plus eine möglicherweise milliardenschwere Zahlung im Ermessen des Gerichts. VW will sich mit Verweis auf die laufenden Verfahren nicht dazu äußern. Berichten zufolge weitete das Ministerium seine Ermittlungen nun auf den Verdacht auf Bankbetrug und mögliche Steuergesetzes-Verstöße aus. Volkswagens US-Chef Michael Horn trat überraschend zurück.

Betrugsanzeigen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nach den Manipulationen von Stickoxidwerten gegen inzwischen 17 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb. Darunter ist nach wie vor kein Vorstandsmitglied. Gegen mindestens fünf Personen wird seit dem Herbst wegen möglicher CO2-Falschangaben ermittelt. Der Vorwurf lautet hier vor allem auf Steuerhinterziehung, weil sich die deutsche Kfz-Steuer stark am CO2-Ausstoß orientiert. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass es noch länger dauert, bis Ergebnisse vorliegen. VW will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Am Dienstag berichtete dpa, ein nicht namentlich genanntes Aufsichtsratsmitglied habe erklärt, VW werde wahrscheinlich überhaupt keine Dividende zahlen. Die Investoren erwarten aber eine Ausschüttung. Analystenschätzungen zufolge dürfte der Autohersteller die Dividende um gut die Hälfte auf 2,37 Euro kürzen, wie von Bloomberg zusammengestellte Daten zeigen. Das entspräche rund 14 Prozent des erwarteten bereinigten Gewinns je Aktie von 17,80 Euro.

„Definitiv können sie sich eine Ausschüttung an die Aktionäre leisten“, sagt Sascha Gommel, Analyst bei der Commerzbank, diese würde jedoch „deutlich reduziert durch die Kosten, die bis Ende letzten Jahres verbucht wurden“. Eine Dividende könnte VW rund eine Milliarde Euro kosten, so Gommel, eine überschaubare Summe, vor allem vor dem Hintergrund des Ertrags von 2,2 Milliarden Euro, den das Unternehmen dieses Jahr mit dem Verkauf seines Anteils an dem Flottenmanager LeasePlan verbuchen werde.

Volkswagen schüttete für 2014 rund 2,3 Milliarden Euro an Dividende aus, was 4,86 Euro je Vorzugsaktie und 4,80 Euro je Stammaktie entspricht. Die Familien Porsche und Piëch kontrollieren 52 Prozent des stimmberechtigten Kapitals, Niedersachsen hält 20 Prozent und das Emirat Katar 17 Prozent. Sonstige Aktionäre, die weitgehend auf den Besitz von Vorzugsaktien beschränkt sind, haben wenig Einfluss. Das Unternehmen teilte mit, es werde sich vor der Gewinnmitteilung für 2015 am 28. April nicht zu den Ausschüttungen äußern.

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