Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.04.2016

17:46 Uhr

Volkswagen und Dieselgate

VW-Aktionäre atmen durch

Am späten Donnerstag soll ein Meilenstein in der Abgasaffäre des Volkswagen-Konzerns erreicht sein: eine Einigung mit US-Behörden. Die Aktionäre hoffen auf ein relativ mildes Ergebnis. Die Aktie ist Tagesgewinner im Dax.

Eine Einigung mit US-Behörden stehen unmittelbar bevor: Die Aktionäre atmen auf. dpa

Volkswagen-Werk Wolfsburg

Eine Einigung mit US-Behörden stehen unmittelbar bevor: Die Aktionäre atmen auf.

Wolfsburg/FrankfurtAm Mittwochnachmittag meldet die Nachrichtenagentur Reuters: Mindestens zehn Milliarden Euro wird Volkswagen wegen des Abgasskandals um Millionen manipulierte Diesel-Motoren zurücklegen müssen. Doch was macht die Aktie? Sie zeigt sich völlig unbeeindruckt und glänzt weiter mit einem Tagesplus von fast sieben Prozent. Die 120-Euro-Marke ist bei den im Deutschen Aktienindex notierten Vorzugsaktien geknackt. Das VW-Papier geht am Donnerstag als Spitzenreiter aus dem Dax.

Von den 180 Euro vor Bekanntwerden des Skandals im September vergangenen Jahres ist die Aktie zwar weit entfernt. Doch in den vergangenen Wochen hat die Aktie sich von knapp über 100 Euro kontinuierlich nach oben gekämpft. Selbst die Aussicht, dass die Dividende schlimmstenfalls komplett gestrichen werden könnte, tat der Mini-Rally keinen Abbruch.

Die juristischen Baustellen von VW

Aktionäre fordern Entschädigung

Die VW-Aktie stürzte nach dem Ausbruch der Abgas-Affäre ab, viele Anleger wollen sich ihre Verluste vom Unternehmen erstatten lassen. Ihr Argument: VW hätte deutlich früher über die Probleme informieren müssen, weil Kursabschläge drohten. Mittlerweile haben auch Großanleger entsprechende Klagen lanciert, darunter der größte US-Pensionsfonds Calpers und die Sparkassen-Fondstochter Deka. Der Vermögensverwalter AGI – eine Allianz-Tochter – erwägt die Teilnahme an einer Sammelklage. VW bekräftigte seine Auffassung, alle Pflichten befolgt zu haben.

Klagen einzelner VW-Besitzer

Weltweit wollen VW-Fahrer Schadenersatz einklagen. Das Landgericht Bochum urteilte in einem ersten deutschen Verfahren zwar, dass die Software-Manipulationen keine Pflicht zur Rücknahme der verkauften Autos nach sich ziehen. Manche Anwälte glauben jedoch, dies müsse noch keine Richtungsentscheidung sein. Enttäuschte VW-Kunden machen einen Wertverlust der Fahrzeuge geltend - etwa falls sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die notwendigen Umrüstungen verschlechtern. Volkswagen betonte allerdings mehrfach, alle betroffenen Autos seien „technisch sicher und fahrbereit“.

Sammelklagen

Viele Kanzleien buhlen darum, VW-Aktionäre und -Kunden vor Gericht vertreten zu dürfen. In den USA sind Sammelklagen ganz normal, in Deutschland können zumindest Aktionäre ein sogenanntes Musterverfahren beantragen. Dabei wird eine Klage verhandelt, an deren Ausgang sich dann andere Klagen orientieren. VW-Chef Matthias Müller hält das auch für ein Geschäftsmodell von Juristen: „Wir sehen dem ganz gelassen entgegen.“ Viele Autofahrer in Europa versuchen, ihre Verfahren über eine niederländische Stiftung bündeln zu lassen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld kündigte an, im Namen von Kunden und Unternehmen in Deutschland gegen den Konzern vorgehen zu wollen.

Klagen der US-Behörden

Zum Jahresbeginn hat das US-Justizministerium eine Klage gegen VW vorgelegt. Dabei geht es um die Manipulationen an Dieselautos, dem Konzern werden aber auch Tricksereien und Täuschung in der Aufarbeitung der Affäre vorgeworfen. Theoretisch drohen laut der Klageschrift 45 Milliarden Dollar Strafe plus eine möglicherweise milliardenschwere Zahlung im Ermessen des Gerichts. VW will sich mit Verweis auf die laufenden Verfahren nicht dazu äußern. Berichten zufolge weitete das Ministerium seine Ermittlungen nun auf den Verdacht auf Bankbetrug und mögliche Steuergesetzes-Verstöße aus. Volkswagens US-Chef Michael Horn trat überraschend zurück.

Betrugsanzeigen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nach den Manipulationen von Stickoxidwerten gegen inzwischen 17 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb. Darunter ist nach wie vor kein Vorstandsmitglied. Gegen mindestens fünf Personen wird seit dem Herbst wegen möglicher CO2-Falschangaben ermittelt. Der Vorwurf lautet hier vor allem auf Steuerhinterziehung, weil sich die deutsche Kfz-Steuer stark am CO2-Ausstoß orientiert. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass es noch länger dauert, bis Ergebnisse vorliegen. VW will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Am Mittwoch profitierte Volkswagen wohl auch davon, dass Anleger auf ein vergleichsweise glimpfliches Ende einer Auseinandersetzung mit den US-Behörden erwarten. Dass eine hohe Milliardenbelastung droht, ist zwar so gut wie Gewissheit. Doch in den Aktienkurs waren durch den Kurssturz ab September selbst Horrorszenarien eingepreist.

Volkswagen muss sich bis Donnerstag mit der US-Umweltbehörde EPA über die Reparatur oder den Rückkauf der rund 580.000 manipulierten Autos in den USA einigen. Sollte das nicht gelingen, droht im Sommer ein Prozess.

Börse Frankfurt : Dax schließt so hoch wie nie in diesem Jahr

Börse Frankfurt

Dax schließt so hoch wie nie in diesem Jahr

Nach einem vorsichtigen Start haben sich die Dax-Anleger am Mittwoch doch noch zum Kauf entschlossen. Für den Dax bedeutete das ein Rekord-Schlusshoch in diesem Jahr.

Der Konzern setzt aber in der Abgasaffäre weiter auf eine außergerichtliche Einigung in den Vereinigten Staaten. Eine von den Klägern geforderte beschleunigte Anhörung oder einen Prozess hält VW „nicht für angemessen oder für nötig“, wie aus Dokumenten des Bezirksgerichts in San Francisco hervorgeht. Analysten werteten die Aussagen der VW-Anwälte in dem Gerichtsdokument daher als Hinweis, dass der Wolfsburger Konzern fristgerecht einen Kompromiss präsentieren wird. Die Einigung mit den Umweltbehörden dürfte den Großteil der zu zahlenden Strafen ausmachen und könnte ausreichend für VW sein, um den Jahresabschluss wie vorgeschrieben bis Ende April vorzustellen.

Nach Handelsblatt-Informationen ist der wahrscheinlichste Ausgang, dass am Donnerstag eine Einigung mit den staatlichen Stellen über die Höhe der Strafzahlungen verkünden und detailliert erklärt werden wird, wie die Autos repariert werden sollen. Eine gleichzeitige Einigung mit privaten Klägern, in einem Verfahren des Justizministeriums und der Handelsbehörde FTC wäre die Ideallösung, gilt aber als wenig wahrscheinlich.

Die Erwartung sei gestützt worden, „dass VW am Donnerstag eine umfassende Einigung mit der EPA präsentieren wird“, sagte Arndt Ellinghorst vom Analysehaus Evercore ISI. Damit könne Volkswagen wahrscheinlich einen Schlussstrich unter die Probleme in den USA ziehen. „Volkswagen hat ein großes Interesse daran, sich zu vergleichen“, sagte Frank Schwope von der NordLB.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×