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29.04.2015

16:52 Uhr

Vor der Wahl

Wer in Großbritannien anlegt, muss sich sorgen

Kommt der „Brexit“? Stürzt das Pfund ab? Oder drohen Steuerhöhungen? Die Wahlen in Großbritannien machen Anlegern reichlich Sorgen. Und beide Favoriten könnten schlechte Nachrichten für die Börse bedeuten.

Die Wahlen in Großbritannien können Anlegern derzeit schonmal schlaflose Nächte bereiten. AFP

Premierminister David Cameron zeigt Einsatz

Die Wahlen in Großbritannien können Anlegern derzeit schonmal schlaflose Nächte bereiten.

FrankfurtAnleger in Großbritannien müssen sich auf eine turbulente Woche gefasst machen: Mit der Wahl am 7. Mai wird sich entscheiden, ob das Vereinigte Königreich auf eine Volksabstimmung über den Verbleib in der EU zusteuert. Sollten die europakritischen Parteien verstärkt Zulauf erhalten, dürften die Spekulationen auf einen EU-Austritt Großbritanniens an Fahrt gewinnen, sagt Niall Delventhal vom Brokerhaus FXCM. „Vor allem das Pfund könnte dann ordentlich unter die Räder kommen.“

Denkbar sind aus Sicht des Experten Kurseinbußen von mehr als vier Prozent - das Pfund würde damit unter sein bisheriges Jahrestief von 1,4563 Dollar rutschen. Auch der Londoner Leitindex, der seit Jahresbeginn sieben Prozent gewonnen hat, dürfte Börsianern zufolge verschnupft reagieren, wenn der Wahlausgang einen Abschied Großbritanniens aus der EU („Brexit“) wahrscheinlicher macht.

Großbritannien im Wahlkampf: Cameron hadert mit der Migration

Großbritannien im Wahlkampf

Cameron hadert mit der Migration

Jahrelang hat Großbritanniens Premier David Cameron die These vertreten: Die Zuwanderung muss sinken. Applaus bekam er dafür vor allem von rechts. Die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer zwingt ihn nun zum umdenken.

Ein solches Szenario hängt dabei nicht allein vom Abschneiden der EU-feindlichen Ukip-Partei ab, deren Einfluss nach einem starken Stimmenzuwachs steigen könnte. Auch der konservative Premierminister David Cameron selbst hat mehrfach angekündigt, im Falle seiner Wiederwahl noch vor 2017 ein Referendum zum Verbleib in der EU anzusetzen. Formell möchte der Regierungschef, der unter Druck von Euroskeptikern in seiner eigenen Partei steht, zwar in der EU bleiben.

Gleichzeitig fordert er jedoch, die Beziehungen Großbritanniens zur EU neu auszuhandeln. Noch ist der Ausgang der Wahlen völlig unklar: Cameron und die konservativen Tories liefern sich aktuell ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Labour Party von Ed Miliband.

Die Briten und Europa

Großbritannien wahrt Distanz

Die Beziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union ist keine einfache. Premierminister David Cameron verstärkt das auch in seiner Rede zur Europapolitik. Schon bevor Cameron zuletzt wiederholt drohte, politische Befugnisse aus Brüssel zurück nach London zu holen, setzte die britische Regierung wiederholt Sonderregeln für die Insel durch – und steht somit immer wieder mit einem Fuß außerhalb der EU.

Der Briten-Rabatt

Da Großbritannien zwar viel in den EU-Haushalt einzahlte, aber kaum von den milliardenschweren Agrarhilfen profitierte, forderte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher 1984: „I want my money back!“ - „Ich will mein Geld zurück.“

Die „Eiserne Lady“ setzte eine Rabatt-Regelung für ihr Land durch, nach der Großbritannien 66 Prozent seines Nettobeitrags an die EU zurückerhält. Der Rabatt besteht bis heute, obwohl er immer wieder den Unmut anderer EU-Länder erregt, da sie nun den britischen Anteil mittragen müssen. Doch abgeschafft werden kann die Regel nur, wenn auch London zustimmt.

Reisefreiheit

Wer von Deutschland nach Frankreich, Österreich oder in die Niederlande reist, muss dafür seinen Pass nicht vorzeigen. Großbritannien-Urlauber sollten den Ausweis jedoch dabei haben: Die Briten haben sich nicht dem Schengen-Abkommen angeschlossen, das den EU-Bürgern Reisefreiheit von Italien bis Norwegen und von Portugal bis Polen garantiert.

Fiskalpakt

In der Eurokrise ist die an ihrer Pfund-Währung festhaltende britische Insel ein gutes Stück weiter von der Kern-EU weggedriftet. Mit Sorge wurden in London die mühseligen Arbeiten an der Euro-Rettung beobachtet, zudem fürchtete die britische Regierung Folgen für den Finanzstandort London durch strengere Banken-Regulierung oder eine Finanztransaktionssteuer.

Doch wirklich für Empörung in der EU sorgte, dass sich Großbritannien vor rund einem Jahr dem Fiskalpakt für mehr Haushaltsdisziplin nicht anschloss.

Innen- und Justizzusammenarbeit

Seit der EU-Vertrag von Lissabon im Jahr 2009 in Kraft getreten ist, kann Großbritannien wählen, an welchen Gesetzen im Bereich Inneres und Justiz es sich beteiligt. Kürzlich hat die britische Regierung angekündigt, sich auch aus der gesamten Gesetzgebung des Politikfelds zu verabschieden, die bereits vor dem Lissabonvertrag verabschiedet wurde. Das betrifft rund 130 Gesetze.

Das Recht auf einen solchen „Opt Out“ genannten Ausstieg hatte sich London durch eine Sonderregelung gesichert. Im Anschluss will London für als wichtig und interessant erachtete Regelungen eine Beteiligung erneut verhandeln.

Feststeht laut Experten jedoch, dass britische Unternehmen vor schwierigen Zeiten stünden, sollte es zu einem „Brexit“ kommen. Ein Abschied aus der EU würde das Agieren auf dem europäischen Binnenmarkt schwerer machen, die Handelshemmnisse dürften die Exportwirtschaft stark belasten, prognostiziert NordLB-Analyst Mario Gruppe.

Auch drohe eine zunehmende außenpolitische Isolierung. Einer Studie der Bertelsmann Stiftung und des Ifo-Instituts zufolge könnte das britische Bruttoinlandsprodukt bis ins Jahr 2030 um bis zu 14 Prozent oder 313 Milliarden Euro niedriger liegen als bei einem EU-Verbleib.

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