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04.02.2017

15:23 Uhr

Zertifikate

Strategien für den „guten Hebel“

VonAnton Riedl
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Auf den Marktverlauf der Börse wetten und dann noch mit einem Hebelprodukt – das kann ins Auge gehen. Stimmt. Aber es gibt auch sinnvolle Hebel. Wie Anleger die Börsenbeschleuniger richtig nutzen.

Mit den drei Strategien zum sinnvollen Einsatz von Derivaten. dpa

Ratgeber

Mit den drei Strategien zum sinnvollen Einsatz von Derivaten.

Sie gelten als Ursprung allen Zockertums: Derivate – Finanzinstrumente also, mit denen Anleger auf alle möglichen Marktentwicklungen bei Dax, Dollar oder Aktien wetten können. Der Name hinterlässt Grusel. Derivate, das waren doch die Papiere, die die Lehman-Bank herausgab, die daran pleiteging und dadurch die Finanzkrise 2008 auslöste. Allein in Deutschland hatten 40.000 Anleger insgesamt bis zu einer Milliarde Euro mit Lehman-Papieren verloren. Der damalige Finanzminister Peer Steinbrück bezeichnete Derivate als „Dynamitstangen, die an beiden Seiten angezündet werden“.

Sein voraussichtlicher Nachfolger als SPD-Kanzlerkandidat, Sigmar Gabriel, fordert mit Blick auf die Derivate-Banken, man müsse „den Spekulanten den Stecker rausziehen“. Die Warnungen verhallen nicht ungehört: Nach Lehman hat sich das in Zertifikaten – das sind verbriefte Derivate – angelegte Geld auf 70 Milliarden Euro halbiert. Ist das die neue Ordnung oder doch schiere Panik?

Nicht alle Finanzinstrumente, die den Namen Derivat tragen, sind Teufelszeug. Die WirtschaftsWoche stellt drei Strategien von professionellen Anlegern vor, die seit vielen Jahren Derivate nutzen. Auch engagierte Privatanleger können diese Strategien umsetzen. Vor allem in wackligen Börsenzeiten sollte sich das auszahlen.

Strategie 1: Der Hebel für die Absicherung

Bernd Flothmann, Asset-Manager der Vermögensberatung Independent Capital Management (ICM), setzt Derivate seit mehr als 20 Jahren ein. „Während im privaten Bereich Haftpflicht-, Auto- oder Hausratversicherungen üblich sind, besteht im Anlagebereich Nachholbedarf, sein Geld vor unvorhersehbaren Risiken zu schützen“, sagt er. Gefahren für die Börsen könnten in diesem Jahr etwa durch einen unerwarteten Ausgang der Wahlen in Frankreich oder Deutschland entstehen, durch den Zusammenbruch maroder Banken oder die Folgen der Zinspolitik der Europäischen Notenbank.

„2017 könnte turbulenter werden, als sich Optimisten ausmalen“, sagt Flothmann. Sein Fazit: Eine Absicherung mithilfe von Derivaten sei keine Spekulation, sondern eine defensive Strategie. Vor jeder Depotabsicherung steht die Frage, wie viel Risiko Anleger auf sich nehmen wollen. Eine Komplettabsicherung gegen Kursrückschläge ist möglich, aber – wie eine Vollkasko fürs Auto – ziemlich teuer. Flothmann plädiert für eine Teilabsicherung, die etwa zwei Drittel der möglichen Kursrückgänge abfedert.

Die besten Anlagen 2016

Zucker

Die Preise vieler Agrarrohstoffe sind 2016 deutlich gestiegen. Am deutlichsten stieg der Preis für Rohrzucker – auch wenn über die Hälfte der Performance seit dem Herbst wieder abgeschmolzen ist. Wer an den Terminbörsen zu Jahresbeginn 100.000 Euro in Zucker anlegte, hat jetzt 132.950 Euro auf dem Konto. Grund für den Anstieg sind Aussichten auf eine sinkende Produktion. Ähnlich ist es bei Kaffee, Baumwolle und Kakao. Ein höheres Angebot ließ dagegen die Preise für Mais und Weizen fallen.

Aktien Russland

Vom Absturz zu Beginn des Jahres erholten sich sowohl der Leitindex Micex als auch der Rubel deutlich. Hauptgründe dafür sind der steigende Ölpreis und nach der Trump-Wahl die Hoffnung auf ein besseres politisches Verhältnis zwischen den USA und Russland. Aus 100.000 in Russland angelegten Euro wurden so im vergangenen Jahr 152.950 Euro. Zum Vergleich: Aus 100.000 angelegten Euro wurden im amerikanischen Dow Jones - inklusive des Dollar-Anstiegs - „nur“ 116.140 Euro, im deutschen Dax waren es 106.780 Euro und im Euro Stoxx 50 der Standardwerte im Euro-Raum 100.770 Euro.

Öl

Der weitere Verfall des Ölpreises schockte die Anleger zu Jahresbeginn. Bis auf das Zwölfjahrestief von 27 Dollar fiel der Preis für ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Bren bis zum Februar. Er erholte sich aber deutlich, in der Hoffnung darauf, dass die Ölstaaten die Fördermengen begrenzen. was sie Ende 2016 tatsächlich machten. Aus 100.000 in Öl-Terminkontrakte investierten Euro wurden bis am Jahresende 161.080 Euro.

Zink

Zink war 2016 der Rohstoff mit dem höchsten Preisanstieg. Im vergangenen Jahr stieg der Preis von Zink, das vielfach in der Industrie eingesetzt wird in Euro gerechnet um 62,84 Prozent.

Aktien Kasachstan

Das zentralasiatische Land ist der zweitgrößte Ölexporteur im postsowjetischen Raum und profitierte damit deutlich vom seit Mitte Februar wieder gestiegenen Ölpreis. Wer 100.000 Euro in den gerade mal neun Werte umfassenden Kase-Index investierte, machte einen Gewinn von 66,27 Prozent.

Aktien Peru

Die Aktie in Peru profitierte von der Wahl des neuen Präsidenten Pablo Kuczynski, der als liberal und wirtschaftsfreundlich gilt. Dazu sind im Leitindex Peru General S&P/BVL viele Minenwerte notiert – und die profitierten vom Anstieg der Minenpreise. Auch die Landeswertung Sol stieg. Das machte bei einer Investition von 100.000 Euro für hiesige Investoren einen Gewinn von 67.210 Euro. Im vergangenen Jahr hatte die Börse allerdings ein Drittel verloren.

Aktien Brasilien

Vor allem das Amtsenthebungsverfahren gegen Staatschefin Dilma Rousseff trieb Brasiliens Aktienkurse und den Real nach oben, weil dadurch die Präsidentin abgelöst wurde, die das Land in die Rezession und den größten Korruptionsskandal aller Zeiten getrieben hatte. Dass inzwischen auch gegen die Regierung und Ihren Präsidenten Michel Temer Korruptionsvorwürfe bestehen, bremste die Hausse nicht – ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Land immer noch in der Rezession feststeckt. Unter dem Strich machten Anleger, die Anfang vergangenen Jahres 100.000 Euro in Brasiliens Leitindex investierten einen Gewinn von 76.160 Euro. So viel gab es in keiner anderen Anlageklasse.

Alle Angaben ohne Transaktionskosten. Stand: 30.12.2016

Als Absicherungsinstrumente kommen Verkaufsoptionen infrage, Puts genannt. Diese Derivate steigen umso deutlicher, je stärker und heftiger Rückschläge an der Börse ausfallen. Die Absicherung sollte mindestens bis in den Herbst 2017, die Laufzeit der Optionen also mindestens bis Oktober gehen. Als Basispreis der Puts wählt Flothmann 11.500 Punkte, er sichert sich damit etwa das aktuelle Niveau des Dax ab.

Sinkt der Dax unter 11.500, steigt der Wert der Puts. Klettert der Dax über 11.500, verfallen die Puts – so, wie bei einer nicht genutzten Versicherung die Prämie. Eine solche Absicherungsstrategie hat mehrere Vorteile. Zunächst sind Anleger im Aufwärtstrend überhaupt dabei und können dank Absicherung die Aktienquote sogar höher ansetzen als ohne Absicherung. Sollte es dennoch zu Rückschlägen kommen, gleichen die realisierten Kursgewinne aus den Puts die größten Verluste der Aktien aus.

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