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24.01.2007

22:43 Uhr

Aktienanlage

Von Schimmelpilzen lernen

VonMichael Maisch

Michael Mauboussin, Manager der US-Fondsgesellschaft Legg Mason, gehört zu den Exoten in der Geldbranche. Mehr als alles andere interessiert ihn, wie und warum Entscheidungen so fallen wie sie fallen, und welche Fallen dabei auf die Anleger lauern. Dabei bringt er Theorien aus allen Ecken des Wissenschaftskosmos zusammen. Aktienanlage als interdisziplinäre Wissenschaft.

LONDON. Hätte man sich so einen der mächtigsten Männer der Wall Street vorgestellt? Verspielt statt machtbewusst, nachdenklich statt zupackend, jungenhaft statt robust? Michael Mauboussin, Manager der US-Fondsgesellschaft Legg Mason wirkt so, als würde er sich in einem Hörsaal wohler fühlen als in einem Handelssaal. Wahrscheinlich stimmt das sogar, schließlich lehrt Mauboussin als Teilzeitprofessor an der Columbia University.

Der schlanke 42-Jährige mit den exakt gescheitelten dunklen Haaren gehört zu den Exoten in der Geldbranche. Seine Berufsbezeichnung "Investmentstratege" führt in die Irre, denn Mauboussin geht es nicht so sehr darum, ob Chemieaktien in den Portfolios der Legg-Mason-Fonds übergewichtet werden, oder ob Technologiewerte noch Potenzial haben. Sein Motto lautet: Der Weg ist das Ziel. Mauboussins Lieblingsbeschäftigung ist die Analyse von Investmentprozessen. Ihn interessiert, wie und warum Entscheidungen so fallen wie sie fallen, und welche Fallen dabei auf die Anleger lauern.

1992 fing Mauboussin bei der Investmentbank Credit Suisse First Boston an. Vom Analysten für Konsumwerte stieg er bis zum Chef-Strategen mit Kultstatus auf. Der Titel seines damaligen Newsletters ist bis heute Programm: "The Consilient Observer". Mit dem Begriff Konsilienz bezeichneten die alten Griechen die Einheit allen Wissens. Der Staub der Geschichte hatte sich lange über das antike Konzept gelegt, bevor es der Biologe Edward O. Wilson im 20. Jahrhundert ausgrub, um seinen Forschungsansatz zu benennen, der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften versöhnen sollte.

Wie Wilson glaubt auch Mauboussin, dass man Theorien aus allen Ecken des Wissenschaftskosmos zusammenbringen muss, um komplexe, dynamische Systeme zu verstehen. Und zu diesen Systemen zählt auch der Aktienmarkt. "Stellen Sie sich vor, Sie ziehen in ein heruntergekommenes Haus ein. Dann freuen sie sich doch auch, wenn sie nicht nur einen Hammer, sondern einen ganzen Werkzeugkasten für die Renovierung haben", meint Mauboussin.

Ein breites Lächeln zieht über das Gesicht des Strategen, wenn er von seinem Engagement am Santa Fe Institut erzählt. Die private, gemeinnützige Forschungseinrichtung in New Mexico steht für all die Ideen, an die Mauboussin glaubt. Hier arbeiten Biologen, Physiker, Techniker und Sozialwissenschaftler gemeinsam an der Erforschung natürlicher, künstlicher und sozialer Systeme. Zum Stab der Elite-Wissenschaftler zählt beispielsweise der Physik-Nobelpreisträger Murray Gell-Mann, der zusammen mit seinem Kollegen Georg Zweig die Existenz der Elementarteilchen Quarks postulierte. Ganz im Sinne des Santa Fe Instituts erklärt Mauboussin das Geschehen an den Kapitalmärkten unter anderem mit dem abwechslungsreichen Leben des Schleim-Schimmelpilzes. Der Lebenslauf der Pilze weist eine verblüffende Besonderheit auf: Finden sie ausreichend Nahrung, existieren sie als Einzeller, wird die Versorgung knapp, schließen sich die Zellen zu größeren Verbänden zusammen. Individuum oder Organismus? Bei den Pilzen mit dem unappetitlichen Namen hängt das ganz von den Umständen ab.

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