Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.03.2013

16:00 Uhr

Aktienmärkte

Zypern, na und?

VonJörg Hackhausen, Jens Hagen

Zypern steht vor der Pleite. Die Euro-Krise flammt wieder auf. Doch die Anleger scheint das kaum zu stören. Der Dax nimmt Kurs auf sein Allzeithoch. Es gibt da etwas, dass die Börse mehr interessiert als eine Insel im Mittelmeer.

Dax auf dem Weg zum Allzeithoch? Die Börsianer ignorieren alle Krisen.

Dax auf dem Weg zum Allzeithoch? Die Börsianer ignorieren alle Krisen.

DüsseldorfDie Finanzwelt kennt im Moment kein anderes Thema: Zypern. Wird die kleine Insel im Mittelmeer noch vor der Pleite bewahrt? Wenn ja, woher soll das Geld kommen? Von zyprischen Sparern, von Steuerzahlern aus dem Rest Europas, aus Russland? Auch eine ungeordnete Insolvenz ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen.

Die Warnungen der Experten lassen eine bevorstehende Apokalypse befürchten. Europa habe mit Dynamit hantiert, sagte Mohamed El-Erian, Chef des Anleiheinvestors Pimco. Mit dem Plan, zyprische Bankkunden für die Rettung zur Kasse zu bitten, sei die „Heiligkeit“ von Sparguthaben angetastet worden. Im schlimmsten Fall drohe eine Kapitalflucht aus Südeuropa.

Die Prognosen der Finanzprofis

George Soros, Investor

„Ich glaube, die größte Gefahr ist tatsächlich, möglicherweise, ein Währungskrieg.“ (25.01.2013)

Marc Faber, Investor

„Zum ersten Mal seit vier Jahren, seit dem Tief im März 2009, liebe ich den Markt wieder. Denn je höher es geht, desto wahrscheinlicher ist, dass es zu einem schönen Crash kommt, einem gewaltigen Crash.“ (31.1.2013)

Bill Gross, Fondsmanager

„Die EZB ist in diesem Tagen die härteste der Zentralbanken. Aber angesichts einer europäischen Arbeitslosigkeit von 12 bis 13 Prozent - verglichen mit 7,7 Prozent in den USA  - müssen sie etwas tun. Letztendlich müssten sie ihre Währung in Relation zum Dollar und anderen Währungen schwächen, damit sie wettbewerbsfähiger werden.” (08.03.2013)

Felix Zulauf, Vermögensverwalter

„Ich sehe nichts von einer Normalisierung. Die strukturellen Probleme sind nach wie vor da, sie sind nur kaschiert worden und hat sie für eine gewisse Zeit in einem Meer von neugeschöpfter Liquidität ertränkt.“ (21.02.2013)

Jim Rogers, Rohstoffguru und Fondsmanager

„Amerika ist die größte Schuldnernation in der Geschichte der Welt.“ (24.02.2012)

Steen Jakobsen, Chefvolkswirt bei der Saxo Bank

„Ich persönlich hatte sehr negative Erwartungen insbesondere bezüglich der Realwirtschaft und den Aktienmärkten. Bei der Wirtschaft lag ich richtig, bei den Aktienmärkten nicht. Aber sollten Aktienmärkte nicht eigentlich der Realwirtschaft folgen?“ (28.2.2013)

Warren Buffett, Investor

Sicherlich, die nähere Zukunft ist unklar. Amerika blickt dem Unbekannten aber seit 1776 ins Auge. (01.03.2012)

Nouriel Roubini, Ökonom

„Die Risiken werden vom Markt derzeit zu niedrig eingeschätzt. Sie werden im ersten Halbjahr wohl eingedämmt bleiben, aber sie könnten wieder an die Oberfläche kommen.” (04.03.2013)

Stan Druckenmiller, Hedge-Fonds-Manager

„Die Party kann noch für eine Weile so weitergehen. Ich weiß nicht, wann sie enden wird, aber ich schätze, dass sie sehr schlimm enden wird.“ (5.3.2013)

Jim O’Neill, Chairman Goldman Sachs Asset Management

„Ich erwarte keine anhaltende Aufwärtsbewegung von dem derzeitigen Niveau, ohne dass es weitere Hinweise darauf gibt, dass die Wirtschaft in einem irrwitzig starken Tempo wächst.“ (18.03.2013)

Barry Knapp, Barclays

„Der große Treiber ist die Fed. Eine Wachstumskorrektur am Ende des ersten oder zu Beginn des zweiten Quartals ist wahrscheinlich. Unser Problem sind die Auswirkungen der fiskalischen Kontraktion, stagnierendes Wachstum und Investoren, die zu enthusiatisch sind in Bezug auf den Häusermarkt.“

Dan Veru, Investment-Chef Palisade Capital Management

„Ich denke es gibt viele Investoren die darauf warten, in den Markt einzusteigen.“

Mohamed El-Erian, Co-CIO bei Pimco

„Europa hat zwei Stangen Dynamit angezündet. Die erste betrifft die Inhaber kleiner Konten. Müssen auch sie Zwangsabgaben leisten, drohen soziale und politische Unruhen und ein Austritt aus der Eurozone. Die Folgen der anderen Dynamitstange sind weit komplizierter und ungewisser. Es ist eine Frage der Unverletzlichkeit von Bankguthaben in Europa. Und eine Erinnerung, dass Europa zu viele Ziele verfolgt und zu wenig Instrumente hat.“ (18.03.2013 zur Zwangsabgabe für zyprische Sparer)

An den Börsen reagierten die Anleger deutlich gelassener. Der Dax hat Verluste von Anfang der Woche fast schon wieder ausgeglichen. Heute kletterte der Index über 8.000 Punkte. Damit liegt das Allzeithoch bei 8.151,57 Punkten weiterhin in Reichweite.

Es ist nicht so, dass die Börsianer das Geschehen in Zypern nicht aufmerksam verfolgen. Ein gewisses Unwohlsein wird keiner am Markt verneinen. Allerdings ist das bislang eher ein Gefühl, kein konkreter Anlass zur Sorge. Noch hoffen die Anleger, dass die Probleme auf Zypern, das gerade einmal 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung der Euro-Zone ausmacht, begrenzt bleiben.

Schon nach der chaotischen Wahl in Italien schüttelten die Anleger die Sorgen schnell wieder ab. In den folgenden Tagen legte der Dax um fast 400 Punkte zu und erreichte seinen Jahreshöchststand.

Die gebrochenen Versprechen der Euro-Retter

Keine Finanzhilfe für Griechenland

„Hilfe steht nicht auf der Tagesordnung, denn Griechenland sagt selbst, dass es im Augenblick keine Hilfe braucht."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. März 2010

Ende April beantragt Griechenland offiziell Finanzhilfe, im Mai beschließen die EU, die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) das erste Griechenlandpaket.

Keine dauerhaften Rettungsschirme

„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart."
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 24. Juli 2010

Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (ESFS) ist zwar zeitlich befristet, aber die Euro-Finanzminister einigen sich Anfang 2012 auf den dauerhaften Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM).

Kein griechischer Schuldenschnitt

„Ich werde langsam müde, diese Gerüchte immer wieder zu dementieren."
Griechenlands früherer Finanzminister Giorgos Papakonstantinou am 18. April 2011

Im Oktober beschließen die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone einen Schuldenschnitt für Griechenland: Private Gläubiger und Banken verzichten auf 50 Prozent ihrer Forderungen.

Das Volumen der Rettungsschirme

„Wir haben jetzt ein Land unter dem Schirm, das ist Irland. Und damit ist das Volumen noch weit davon entfernt, ausgeschöpft zu sein."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 12. Januar 2011

Im April 2011 stellt Portugal Antrag auf Hilfe. Es wird klar, dass die bisher hinterlegten Bürgschaften nicht ausreichen, um die Kredite zu den gewünschten Zinskonditionen zu beschaffen. Im Juni beschließt die Euro-Zone, den EFSF auf 780 Milliarden Euro aufzustocken, durch den sogenannten Hebel wird das Volumen im Oktober auf mehr als 1000 Milliarden Euro erhöht.

Keine Haftungsunion

„Eine gesamtschuldnerische Haftung wird es nicht geben, solange ich lebe."
Bundeskanzlerin Angela Merkel am 26. Juni 2012

Im Oktober 2012 schlägt die Troika aus EU, EZB und IWF den Finanzministern der Euro-Zone einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland vor: Auch die öffentlichen Gläubiger sollen Athen nun einen Teil ihrer Forderungen erlassen. Damit würde die Rettung Griechenlands erstmals die deutschen Steuerzahler wirklich Geld kosten. Schäuble lehnt ab und schlägt vor, Griechenland mehr Zeit zu geben.

Die Spareinlagen sind sicher

Die Europäische Union garantiert, dass Ersparnisse bis zu 100.000 Euro innerhalb der Währungsunion sicher sind.

Im Fall Zyperns war die Politik kurz davor, gegen ihre eigenen Zusagen zu verstoßen. Zunächst war geplant, Kleinsparer an der Bankenrettung zu beteiligen. Nach empörten Protesten wurde die Zwangsabgabe überarbeitet. Nun müssen nur noch zyprische Sparer mit einem Vermögen über 100.000 Euro haften.

Nur ein Einzelfall?

„Zypern war nun ein ganz besonderer Fall, das wusste jeder.“
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 28. März 2013

Der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem hatte zuvor in Interviews die Einbeziehung von wohlhabenden Kunden zyprischer Banken in die Maßnahmen zur Zypern-Rettung als richtungsweisend hingestellt. Er bezeichnete sie als „Blaupause“ für andere Länder, relativierte die Aussagen dann später wieder.


Der Grund ist einfach: Die Investoren können sich auf einen Retter in der Not verlassen. Dieser wird sich am Mittwochabend erneut äußern. Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank, wird erklären, dass seine Federal Reserve weiter Gas geben wird. An den Leitzinsen und den monatlichen Anleihekäufen in Höhe von 85 Milliarden Dollar wird sich so schnell nichts ändern.

Auch die Zentralbanken in England und Japan werden weiterhin Geld in den Markt pumpen. Und die EZB, die sich unter der Ägide ihres Präsidenten Mario Draghi im Vergleich zu den anderen Notenbanken noch zurückhält, könnte künftig ebenfalls aggressiver vorgehen. Das erwartet zumindest die Mehrheit an den Märkten. Noch nie zuvor haben die Zentralbanken die Welt mit so viel Geld überschwemmt. Ein großes Experiment. Ausgang offen. Klar ist nur, dass ein Teil des Geldes an den Finanzmärkten versickert, und unter anderem die Kurse von Aktien treibt.

Kommentare (26)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

observer

20.03.2013, 16:14 Uhr

"Wir müssen die Brüchigkeit der eigenen Sicherheit zur Kenntnis nehmen und unsere bisherige 'Spaßgesellschaft' als das erkennen, was sie ist: ein Tanz auf dem Vulkan"; "Ihr Motto: Wir tanzen weiter - trotz der vorprogrammierten Konflikte mit der Obrigkeit.

Und es ist ein Tanz auf dem Vulkan"; "Seine Lieblingsthemen kehren immer wieder: Krankheit, Wahnsinn, Elend, Prostitution, Vereinsamung, Dekadenz, Verlogenheit, Anonymität, Kälte, Krieg. - Die Apokalypse, der Tanz auf dem Vulkan, der Untergang einer Kultur. Kirchners Bilder sind schrill, schräg und schreiend - grotesk, morbide, sarkastisch und vulgär"; "Nach dem Untergang der Monarchien in Deutschland, Österreich und Russland begann insbesondere in Deutschland mit der Weimarer Republik eine kurze Zeit der Hochstimmung.

Aber es war ein Tanz auf dem Vulkan. Das Entsetzen über die millionenfachen Massaker des 1. Weltkrieges hinterließ eine verlorene Generation"

Account gelöscht!

20.03.2013, 16:19 Uhr

Tja, das Geld ist inzwischen verzweifelt und weiss nicht wohin!!!

Account gelöscht!

20.03.2013, 16:22 Uhr

"Zypern steht vor der Pleite. Die Euro-Krise flammt wieder auf. Doch die Anleger scheint das kaum zu stören. Der Dax nimmt Kurs auf sein Allzeithoch."

Wer den Wahnsinn gerade JETZT noch immer nicht sieht und wem die Alarmsirenen nach den Anzeichen von 2012 samt Zypern jetzt als letzte Zuckungen nicht reichen, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Was hier momentan passiert wird als Vorgeschichte eines traurigen Ereignises in den Geschichtsbüchern stehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×