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30.06.2015

15:23 Uhr

Analysten zum Referendum

Was ein griechisches „Nein“ für die Märkte bedeutet

Was passiert nach dem Referendum am Sonntag? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Politiker, sondern auch Fondsmanager und Analysten. Die große Sorge: Dass die Märkte auf ein „Nein“ nicht vorbereitet sind.

Die Auswirkungen auf die Märkte bei einem Referendum sind ungewiss. dpa

Demonstranten werben für „Nein“ im Referendum

Die Auswirkungen auf die Märkte bei einem Referendum sind ungewiss.

Düsseldorf/FrankfurtDas griechische Referendum am Sonntag beschäftigt nicht nur die Politik, sondern auch Marktanalysten. Ein griechisches „Nein“ könnte einen Run auf langlaufende US-Staatsanleihen und Bargeld bedeuten, meint der Fondsmanager Eugene Philalithis. „Ich gehe nicht davon aus, dass ein Nein schon komplett von den Märkten eingepreist ist“, so der Experte des Vermögensverwalters Fidelity. Er rechnet damit, dass die Märkte „überverkauft“ sein werden.

Auch der David Stubbs von JP Morgan erwartet bei einem möglichen Austritts Griechenlands aus der Eurozone entsprechende Reaktionen auf den Märkten. Dann würden sich Investoren weiter von Anleihen aus südeuropäischen Ländern und Aktien trennen, vor allem von Banken – was deren Kurse weiter drücken würde, so Stubbs. Anlagen, die Sicherheit versprechen, wie deutsche oder britische Staatsanleihen, dürften dagegen gefragt sein und im Kurs zulegen.

Für die Immobilienmärkte ändere sich fundamental nichts, meint Frank Pörschke, Deutschland-Chef des Immobiliendienstleisters JLL. „Die Anlagealternativen sind aufgrund des niedrigen Zinsniveaus wenig rentierlich und Immobilien im Vergleich sehr attraktiv.“ Aus seiner Sicht fielen die „gegebenenfalls auszubuchenden Forderungen volumenmäßig nicht ins Gewicht“. „Die Wirtschaft in Deutschland entwickelt sich positiv und damit auch die Nachfrage nach Gewerbeflächen“, sagt Pörschke. All das spreche dafür, dass die Nachfrage nach Immobilien – gerade in einem stabilen Land wie Deutschland – hoch bleiben werde. 

So bewerten Ökonomen die Lage in Griechenland

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

„Für Griechenland wird es jetzt ganz schwierig. Europa versucht, den Schaden für andere Euro-Länder zu begrenzen. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen. Die EZB hat bereits erklärt, dass sie die Lage an den Finanzmärkten genau verfolgt und notfalls eingreifen wird. Bei größeren Turbulenzen, die der Konjunktur gefährlich werden könnten, könnte die EZB ihre Anleihekäufe zeitlich nach vorne ziehen oder aufstocken. Sie könnte auch Anleihen bestimmter Länder wie Spanien und Italien früher kaufen. Sie könnte noch deutlicher darauf verweisen, dass es das ultimative Sicherheitsprogramm – das sogenannte OMT-Programm – auch noch gibt. Es dürfte deshalb so schlimm nicht werden. Alle hatten fünf Monate Zeit, um Tsipras zu beobachten. Deshalb ist man darauf vorbereitet.“

Jörg Kramer, Commerzbank-Chefvolkswirt

„Letztendlich entscheidet das Referendum am Sonntag darüber, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt. Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solch demokratisches Votum nicht übergehen. Dann werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bei einem negativen Votum kommt es dagegen zum Grexit. Man wird erst am Ende dieser turbulenten Woche anhand der Meinungsumfragen erahnen können, wie die Griechen abstimmen werden. Bis dahin tobt ein Nervenkrieg. Die Kapitalverkehrskontrollen reichen zunächst erst einmal aus, um das Schlimmste zu verhindern. Es gibt noch Reserven. Aber die Kontrollen behindern die Wirtschaft, ebenso wie die von der Syriza geschaffene Unsicherheit. Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland. Für Deutschland spielt das keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin.“

Nicolaus Heinen, Deutsche Bank

„Mit einer solchen Wendung haben nur wenige gerechnet. Kapitalverkehrskontrollen, vor allem aber die hohe Unsicherheit der kommenden Wochen und Monate dürften die letzte Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland zunichtemachen. Ein Staatsbankrott Griechenlands bedeutet nicht automatisch Grexit. Im besten Fall könnten die Entwicklungen dieser Tage nun dazu führen, dass Europa einen Insolvenzmechanismus für Staaten entwickelt – ganz so, wie die erste Griechenlandkrise vor fünf Jahren zu einem Rettungsmechanismus für Staaten führte. Spannend bleibt, ob und wie andere populistische Kräfte in Europa von den Entwicklungen profitieren. Die Polarisierung zwischen etabliertem Lager und Populisten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen.“

Johannes Mayr, BayernLB

„Die EZB hat die Kapitalverkehrskontrollen praktisch erzwungen, indem sie die Notfallkredite an griechische Banken nicht weiter erhöht hat. Wenn die EZB sie wieder aufstockt nach einem positiven Votum der Griechen, dann wären sie in diesem Umfang nicht mehr notwendig. Die Folgen für die Wirtschaft sind sehr negativ. Durch die Kapitalverkehrskontrollen werden die Geschäfte von Unternehmen und deren Abwicklung über die Banken behindert. Das dürfte die Konjunktur weiter beschädigen. Die direkten Folgen für die Wirtschaft in der Euro-Zone und Deutschland dürften begrenzt sein – Griechenland ist zu klein, die Handelsverflechtungen zu gering. Man muss aber abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen.“

Was das Referendum angeht, hält Philalithis ein Nein für wahrscheinlich. „So wie sich die Ereignisse weiter entfalten und Griechenland immer näher an ein Referendum rückt, gehe ich davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit eines „Nein“-Votums ziemlich hoch ist“, sagt der Experte. Für die griechische Regierung sei ein „Nein“ ein Blankoscheck, so zu handeln, wie sie wolle. „Ich glaube immer stärker, dass sie einen Grexit will.“

Holger Schmieding von der Berenberg Bank schätzt die Lage ähnlich ein. Mit dem „charismatischen Kampagnenführer Tsipras“ sehe es nach einem engen Rennen aus – mit „höherem Risiko eines Grexits denn eines politischen Wandels in Athen“, so der Chefvolkswirt. Die Bank hat daher die Wahrscheinlichkeit eines Grexits von 40 auf 55 Prozent angehoben.

Die Eurozone hingegen müsse nach einem „Nein“ reagieren. „Tsipras liegt nicht falsch damit, wenn er sagt, dass die Eurozone Griechenland bei einem Nein nicht aus dem Euro werfen wird“, schreibt Schmieding in einer Analyse. Doch dem Staat gingen dann die Euros aus, ohne weitere Hilfen könne Griechenland weder Renten noch seine Mitarbeiter im öffentlichen Dienst bezahlen. Ein Nein mache es nahezu unmöglich für den Internationalen Währungsfonds (IWF) und Europa, das Land weiter zu unterstützen.

Kommentare (1)

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Herr Franz Paul

30.06.2015, 16:39 Uhr

Die "Märkte" können natürlich nicht vorbereitet sein, denn sie haben ja noch nie von der Griechenland-Problematik gehört

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