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11.06.2012

10:33 Uhr

André Kostolany

Meine Ideen sind nicht tot!

VonChristian Panster

André Kostolany galt als Spekulant alter Schule, seine Ideen halten heute viele Anleger für veraltet. Würde er noch leben, bestritte er das mit Verve. Und zu Spanien hätte er gewiss eine Meinung. Ein fiktives Gespräch.

André Kostolany: Streitbarer Geist und Spekulant aus Leidenschaft. action press

André Kostolany: Streitbarer Geist und Spekulant aus Leidenschaft.

Handelsblatt Online: Herr Kostolany, die Euro-Krise wütet. Viele Investoren fürchten, es könnte plötzlich zu Staatspleiten in der Euro-Zone kommen. Selbst Spanien scheint in Gefahr. Was würden Sie sagen?
André Kostolany: Diese Frage wurde mir früher hunderte Male gestellt, nur eben zu anderen Ländern, und meine Antwort bleibt immer dieselbe. Erstens: Nichts würde geschehen. Und zweitens: Das Wort 'plötzlich' ist, gelinde gesagt, leicht unpassend. Viele Länder sind praktisch seit Jahren zahlungsunfähig. Drittens: sie werden ihre Zahlungen aus dem einfachen Grunde nicht einstellen, weil die Gläubigerländer immer neue Kredite gewähren, damit sie die Zinsen bezahlen.

Kostolanys Börsensprüche

Vom Flunkern

An der Börse ist eine halbe Wahrheit eine ganze Lüge.

Über Banker

Der Banker müsste weise sein wie Salomon, klug wie Aristoteles, stark wie Samson und alt wie Methusalem.

Die Reichen

Über einen reichen Dummkopf wird man immer wie über einen Reichen sprechen, über einen Armen jedoch wie über einen Dummkopf.

Über Aktienkurse

Können die Kurse nicht weiter steigen, müssen sie fallen.

Geschichtsschreibung

In alten Zeiten sagte man, ein Mann verliere seinen Verstand mit seinen letzten 10000 Gulden. Ich behaupte, der deutsche Sparer verliert seinen Verstand mit den ersten 10000 Euro.

Das Geld

Viele brauchen das Geld nicht, um es zu besitzen, sondern um es zu zeigen.

Über Kaufmänner

Ein komisches Wort in der deutschen Sprache: Diplomkaufmann. Bei mir ist das Diplom eines Kaufmanns seine Bilanz.

Börsentrends

Man darf einer Tendenz nicht hinterher laufen, man muss ihr entgegen gehen.

Die Freuden des Investors

Bargeld in der Tasche und gleichzeitig die Absicht zu haben, bei niedrigen Kursen in die Börse einzusteigen, ist dasselbe Vergnügen, wie hungrig zu sein und sich auf dem Weg in ein Restaurant zu befinden.

Den richtigen Einsatz

Nicht Kapital, Taschengeld muss man haben. Manche ziehen sogar Taschengeld dem Vermögen vor.

Aber ob sie das Kapital jemals zurück zahlen werden?
Das können wir sowieso vergessen. Die Schuldner-Gläubiger-Kette kann kurz oder lang sein, die letzten Gläubiger sind noch immer die Notenbanken. Die Europäische Zentralbank (EZB) für die Euro-Länder, die Federal Reserve (Fed) für die USA und die Bank of England für Großbritannien. Und diese sind niemandem etwas schuldig, außer ihrem Gewissen. Sie haben die Notenpresse und haben stets soviel Geld zur Verfügung, wie sie es für nötig halten, um alle Zahlungsverpflichtungen zu sichern.  Wozu soll man auch puritanisch Bilanz machen, wenn es auch ohne geht?

Aber ein solches Schuldengebilde muss doch irgendwann zusammenfallen wie ein Kartenhaus.
Mit etwas Zynismus würde ich behaupten, dass das ganze kapitalistische System eine Illusion, vielleicht sogar ein Schwindel ist, aber eben ein gut gemachter. Gott soll geben, dass er noch lange besteht.


Nicht wenige Anleger rechnen mit dem großen Crash an den europäischen Börsen, langfristig möglicherweise sogar mit einer Währungsreform. Ist ihre Furcht berechtigt?
Eine Antwort fällt mir - zugegeben - schwer. Denn dies sind nur Worte, Worte, Worte, deren Bedeutung ich nicht voll und ganz begreife. Ich würde zum Beispiel gerne wissen, was man unter einen Crash versteht oder einer Währungsreform versteht. Das sind nicht zwei, sondern zehndeutige Worte. Letztlich ist alles eine Frage des Vertrauens. Wenn es gelingt, das Vertrauen in Europa, die Institutionen, die Finanzmärkte zu erhalten, kann nichts passieren. Ist das Vertrauen kaputt, geht alles kaputt.  Übrigens völlig unabhängig davon, wie hoch der Schuldenstand ist.

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

Eigene Strategie festlegen

Gegen die größer werdenden Unwägbarkeiten sollte man sich zuallererst mit einer Strategie wappnen: Wer an kräftiges Wachstum in Deutschland glaubt, an einen anhaltenden Boom der Schwellenländer und hohen privaten Konsum, kann weiter am Aktienmarkt investieren. Wer skeptisch ist, sollte seine Bestände hingegen nicht aufstocken.

Widerstandskraft zeigen

Eng verbunden mit der ersten Regel: Immer wieder kommt es vor, dass sich Dinge anders entwickeln, als man erwartet hat. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und nicht jeder Entwicklung hinterherzulaufen. Eine solche Reaktion zeugt nicht von einem geringen Vertrauen in die eigene Strategie. Es kostet meist auch Geld, weil die Masse schon vorher diese Richtung eingeschlagen und das Gros an Rendite eingefahren hat.

Richtig mischen

Groß oder klein, spekulativ oder konservativ, liquide oder illiquide, dividendenstark oder dividendenschwach, Substanz oder Wachstum: Bei Aktien ist die Auswahl riesig. Der richtige Mix aus spekulativen und konservativen Titeln hilft, Schwankungen zwischen guten und schlechten Zeiten auszugleichen. Nicht zu unterschätzen sind starke Dividendenzahler, die Jahr für Jahr den Grundstock für eine solide Rendite legen.

Barrieren einbauen

Keine Frage, die Börsen haben in den vergangenen zehn Jahren stärker geschwankt als in allen Dekaden zuvor. Das wird so bleiben, mit wachsendem Computerhandel sogar noch zunehmen. Wer sein Risiko minimieren will, baut Barrieren ein – sogenannte Stopps. Gerne werden Stopps bei 20 Prozent über und unterhalb des aktuellen Kurses gewählt. Dann wird automatisch verkauft, wenn diese Grenzen erreicht sind. Kommt eine Phase überraschend steigender Kurse mit anhaltendem Aufwärtstrend, lässt sich die Barriere leicht nach oben verschieben. Wichtig ist dann, auch die Barriere am unteren Ende nachzuziehen.

Herdentrieb beobachten

Wichtig in Phasen überraschender Kurssteigerungen oder -stürze ist es, das Verhalten der Masse zu beobachten. Ist es noch nachvollziehbar oder völlig irrational? Häufig ist es irrational. Dann hilft meist die zweite Regel: Widerstandskraft zeigen. Nach einigen Monaten kehrt die Rationalität von ganz allein zurück. Der Kurssturz aus dem vergangenen Jahr und die jüngste Entwicklung beweisen das gerade wieder.

Risiko rausnehmen

Sind Aktien wie seit Jahresbeginn schon um 30, 40 oder gar 50 Prozent gestiegen, dann sind Anschlussgewinne in der Regel nur noch schwer zu erzielen. Phrasenverdächtig ist zwar die alte Weisheit: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand zugrunde gegangen.“ Richtig ist sie trotzdem.

Insidern folgen

Firmenchefs haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber normalen Aktionären. Sie wissen weit mehr als jeder Analyst oder Kommentator, wie es in ihrem Unternehmen aussieht. Insider nennt man sie deshalb. Sie melden ihre Orders innerhalb von fünf Handelstagen an die Börsenaufsicht Bafin. Das Handelsblatt veröffentlicht alle zwei Wochen das sogenannte Insider-Barometer, das aus der Summe aller Kauf- und Verkaufsorders Schlüsse für den weiteren Verlauf in Dax & Co. zieht. Jüngste Tendenz: Vorstände und Aufsichtsräte verkaufen mehr als sie kaufen. Vorsicht also!

Geopolitische Ereignisse beachten

Terroranschläge und Naturkatastrophen kommen unerwartet. Politische Konflikte wie zwischen Israel und dem Iran schwelen meist länger. Auch entscheidende Wahlen sind vorhersehbar und haben immer Einfluss auf die Börse. Dabei gilt generell: Wahljahre sind gute Börsenjahre.

Auf reale Werte setzen

Mit Optionsscheinen oder Bonus-Zertifikaten lässt sich zwar aus einem Aufwärtstrend ein noch größerer Profit schlagen. Dies sind jedoch in der Regel Wetten ohne realen Hintergrund. Aktien sind reale Werte.

Moden misstrauen

Vor allem Aktien einzelner Branchen unterliegen immer wieder gewissen Moden. Doch die wechseln wie im realen Leben, und manchmal geht das schneller, als man denkt. Das bekommt gerade die einst angesehene Solarenergie-Branche bitter zu spüren.


Vor allem die Deutschen fürchten, dass das viele Geld der Notenbanken irgendwann zu Inflation führen wird.
Die Gefahr besteht. Denn der gefährlichste Faktor für die Inflation ist die Inflationserwartung. Da entwickelt sich wieder eine psychologisch motivierte Kettenreaktion. Die Preise fangen an zu steigen  aus den genannten fundamentalen Gründen, die Bevölkerung wird nervös, besonders in den Ländern, in denen sie verheerende Inflationen schon erlebt hat; die Spekulation greift ein, weil sie weitere Inflation erwartet und mit ihrer Spekulation auf weitere Inflation treibt sie die Preise noch weiter und untergräbt damit auch das Vertrauen der Sparer.

Kommentare (17)

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Account gelöscht!

11.06.2012, 11:35 Uhr

Nur Dummköpfe kaufen Staatsanleihen! Intelligente Menschen kaufen Aktien. Und Kosto's Ratschlag kaufen und vergessen gilt nach wie vor, denn hin und her macht die Taschen leer, füllt aber die Taschen der Banken und Broker.

Kostolany

11.06.2012, 11:36 Uhr

Nur wer angesichts einer Krise
zu jedem Preis Aktien kauft,
kann gleich nach der Krise
sorgenfrei arm sein.

H.Wehner

11.06.2012, 11:48 Uhr

Das mit dem "Vergessen" oder "Schlafen" (eines seiner bekanntesten Zitate) war nicht ganz so wörtlich zu nehmen!
Herr Kostolany schrieb in seinen Büchern auch "Mit offenen Augen schlafen" Aber er fehlt mir !!! Ich erinnere mich an den Crash von 1987!! Wenige Tage nach dem Chrash ging ich in die Bücherei um seine vorhergehenden Kollumnen, im "Capital" zu lesen! Und siehe da; in den 1-2 Heften vor dem Crash hatte er massiv gewarnt!! Ich habe das nie vergessen! Sehr zu empfehlen auch auf Youtube; sein Auftritt in einer NDR Talkshow 1998 in der er heftig vor dem "Neuen Markt" warnte und ausgelacht wurde!

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