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21.11.2011

11:16 Uhr

Angst vor Inflation

Die Enteignung der Sparer beginnt

VonFrank Wiebe

Sparsame Normalbürger zahlen die Zeche für die ausufernde Schuldenpolitik. Die Jagd auf das Geld der Deutschen hat begonnen. Es drohen niedrige Zinsen, fallende Aktienkurse und steigende Steuern.

Ebbe in der Kasse - den Sparern droht eine schleichende Enteignung. dpa

Ebbe in der Kasse - den Sparern droht eine schleichende Enteignung.

Edgar Stilp, Geschäftsführer von Koch Immobilien in Düsseldorf, macht glänzende Geschäfte. Er hat etwas, was bei den Anlegern jetzt ganz besonders gefragt ist: Sachwerte, Vermögensanlage zum Anfassen. „Wir merken schon, dass die Angst vor Inflation vor allem bei Privatleuten erheblich ist“, sagt er.

Neulich hat eine Familie aus seinem Kundenkreis ein Unternehmen verkauft. Dann hieß es: „Jetzt noch schnell rein in Sachwerte, bevor die Inflation das auffrisst“, erzählt er. Sicherheit steht an erster Stelle. Auch die Rendite spielt eine Rolle: „Wenn ich Festgeld anlege und die Inflation abziehe, bleibt ja nix mehr über, deswegen denken die Kunden über Alternativen nach“, sagt er im rheinischen Tonfall.

Für Stilp sind die Sorgen der Kunden ein gutes Geschäft. Zurzeit machen sich viele Deutsche Sorgen. Sie fragen sich angesichts der ausufernden Euro-Krise: „Geht das alles gut? Bleibt der Euro erhalten?“ berichtet Jürgen Simon, Direktor des Private Banking der Kreissparkasse Köln. Viele fürchten, dass die Krise sie bald auch persönlich trifft – als Sparer und als Steuerzahler.

Stimmen zur Schuldenkrise

Barack Obama, US-Präsident

„So lange Europa keinen konkreten Plan für den Kampf gegen die Krise hat, halten die Turbulenzen an den Finanzmärkten an.“

Mohamed El-Erian, Chef von Pimco

„Das, was wir in Griechenland im Schnelldurchlauf erleben, könnte eines Tages auch die USA erfassen, wenn sich die dortige Politik nicht ändert“

George Soros, Investor

„Die derzeitigen Maßnahmen sind nicht ausreichend, kommen zu spät und lösen weltweit Verwerfungen auf den Finanzmärkten aus“

Charles Plosser, Fed-Gouverneur

„Möglicherweise besitzen wir nicht die richtigen geldpolitischen Instrumente, um die Erkrankungen zu heilen, an denen das System leidet.“

Jose Manuel Barroso, EU-Kommissionspräsident

„Wir sind jetzt wirklich mit einer wahrhaft systemischen Krise konfrontiert“

Nicolas Sarkozy, französischer Staatspräsident

"Diejenigen, die den Euro zerstören, werden die Verantwortung dafür tragen, dass Konflikt und Trennung auf unserem Kontinent wieder auferstehen."

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

„Europa ist heute in einer der schwersten Stunde, vielleicht der schwersten Stunde seit dem Zweiten Weltkrieg.“

Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts

„Es wird für die Politiker immer schwerer, einen Kurswechsel durchzusetzen. Sie werfen immer mehr gutes Geld dem schlechten hinterher und überlassen das Problem der jeweils nachfolgenden Politikergeneration. […] Es kommen noch große Lasten auf Deutschland zu.“

Dirk Müller, Börsenhändler und Buchautor

"Wir haben nichts aus dem ersten Teil der Finanzkrise gelernt, es geht so weiter wie vorher."

Max Otte, Investor und Ökonom

„Die Schuldenberge, die wir aufgetürmt haben, lassen sich nur durch Inflation beseitigen. Alles andere wäre fatal. Wenn dagegen so etwas passiert wie 1929, also eine Phase extremer Deflation bis hin zur Depression, dann gute Nacht.“

Bert Flossbach, Vermögensverwalter

„Die Banken haben das Vertrauen, auf das sie mehr als jede andere Branche angewiesen sind, verspielt. Kein Wunder, dass der Kapitalmarkt kaum noch bereit ist, ihnen Geld zu leihen. Aufgeblähte Bilanzen, zu wenig Eigenkapital, falsche Anreizsysteme, komplexe Geschäfte und zunehmende Risiken machen Großbanken zu unkalkulierbaren Risiken für ihre Aktionäre, den Staat und damit die ganze Gesellschaft.“

Jürgen Heraeus, Unternehmer

„Ich bin besorgt, aber ich bin vor allem realistisch. Wir werden eine Abwertung bekommen, wir werden vielleicht sogar eine Inflation bekommen. Ich möchte das Wort Währungsreform nicht in den Mund nehmen, aber irgendwo müssen diese riesigen Schulden bleiben.“

Thorsten Polleit, Chefvolkswirt Barclays Capital Deutschland

„Die westlichen Länder stecken in der Wirtschafts- und Finanzkrise, einer Verschuldungskrise. Wie immer bei hoher Verschuldung ist die Gefahr groß, dass die Politik des Gelddruckens als das kleinste Übel angesehen wird. Ich lebe in ständiger Inflationssorge.“

Hans Olaf Henkel, Ex-BDI-Präsident

„Es gibt eine Alternative zur ‚alternativlosen’ Euro-Politik: den gemeinsamen Austritt Deutschlands, Hollands, Österreichs und Finnlands aus der Euro-Zone.“

Die Angst vor Inflation hat sich tief in die kollektive Seele der Deutschen eingebrannt. Kein Wunder: Zwei Währungsreformen im 20. Jahrhundert, verbunden mit der Erinnerung an verlorene Kriege, werfen lange Schatten. Zur Erinnerung: Am 20. November des Jahres 1923, am Ende der großen Inflation, bekam man für 4,2 Billionen Mark gerade noch einen Dollar.

Nach dem Ersten Weltkrieg war eine gewaltige Verschuldung entstanden, weil der Staat den Krieg finanzieren wollte und das Geld dafür niemandem so einfach wegnehmen konnte – stattdessen verkaufte er im großen Stil Kriegsanleihen. Historiker Heinrich August Winkler schreibt im Rückblick: „Die Sparer und Zeichner von Kriegsanleihen waren damit die eigentlichen Opfer der Inflation.“ Verlierer waren auch die Arbeiter, weil deren Löhne hinter der Preissteigerung zurückblieben. Insgesamt lässt sich also festhalten: Der fleißige und sparsame Normalbürger hat den Krieg nachträglich bezahlt.

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Warum es die Notenbank richten muss - auch wenn das die Inflation anheizt.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Dieses Schema erkennen wir heute wieder. Der Staat will zwar keinen Krieg mehr finanzieren, dafür aber Sozialleistungen, Bildung und jetzt auch noch die Rettung des Euros. Eigentlich müsste er die Bürger dafür sofort zur Kasse bitten. Doch politisch einfacher ist es, das möglichst weit hinauszuschieben. Leider scheitert diese Strategie am Ende dramatisch – jetzt schon in schwachen Ländern, bald auch bei uns.

In den USA lief diese Verschuldungsspirale zunächst vor allem über die privaten Haushalte. Damit jeder etwas Wohlstand spürte, wurden mit staatlicher Unterstützung Kredite an Privatleute sehr erleichtert. Zugleich sorgte eine lockere Geldpolitik für steigende Immobilienpreise und damit für gefühlten Reichtum.

Kommentare (66)

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21.11.2011, 11:24 Uhr

Das sollte jeder wissen, wenn er zur Wahl geht. Die Deutschen werden ausgeplündert - und Mithilfe der deutschen Regierung und beschleunigt von der Opposition in der Abnickervolkskammer.
Aber Euch wird erzählt, dass Ihr am meisten vom Euro gehabt habt. Ihr bezahlt für dieses "politische Projekt" mit ALLEM, was Ihr habt.
Denkt mal drüber nach! Auch diejenigen, die eigentlich nichts haben, werden an gnadenloser Altersarmut verrecken. Alternativlos. Danke Schäuble, Merkel, Schmidt, Kohl, etc. Der Genscher entblödet sich nicht, im Handelsblatt einen dümmlichen Artikel zu schreiben. Als Jurist sollte er auch haftbar gemacht werden. Für mich ohnehin unverständlich, dass diese starrsinnigen Greise wie Genscher, Kohl und Schmidt immer wieder zu Wort kommen. Starrsinn ist dabei noch sehr freundlich ausgedrückt!
Ich jedenfalls werde KEINE Partei wählen, die diesen Raubzug an dem deutschen Sparer mitmacht! KEINE!

Account gelöscht!

21.11.2011, 11:24 Uhr

Angstmache hat Hochkonjunktur - mehr muss man zu diesem Artikel nicht sagen!

Account gelöscht!

21.11.2011, 11:44 Uhr

Der Artikel hat nichts, aber auch garnichts mit "Angstmache" zu tun. Er schilder die harte Realität. Negativer Realzins: Fakt, Flucht in Sachwerte: Immobilien: Fakt. Riesterrenten: Renditen, wie ein Sparbuch: negativer Realzins: Fakt. Die sogenannte "Schuldenbremse" wird höhere Steuern bedingen, da die Regierung nicht sparen will, weil Politiker gewählt werden wollen.Immer mehr Kapital und Fachkräfte werden dorhin wandern, wo auf absehbare Zeit noch Wachstum und bessere Verhältnisse herrschen werden. Es ist auch richtig, dass in den Schwellenländern die Inflation steigen wird und damit auch bei uns, da wir von dort viel Ware importieren (müssen). Das Schlimme ist, dass diese Zusammenhänge nur von wenigen Bürgern verstanden werden und von den Politikern wohl auch nicht.

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