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28.11.2016

20:54 Uhr

Anhörung vor dem Europaparlament

Draghi warnt vor Risiken im Immobiliensektor

VonJan Mallien

EZB-Chef Mario Draghi sieht in acht EU-Ländern besondere Gefahren für eine Überhitzung am Häusermarkt. Es ist das erste Mal, dass die europäischen Risikowächter ihre Warnungen öffentlich machen.

Der EZB-Präsident warnt vor Risiken bei Wohnimmobilien. AFP; Files; Francois Guillot

Mario Draghi

Der EZB-Präsident warnt vor Risiken bei Wohnimmobilien.

FrankfurtMario Draghi ist nicht nur Chef der Europäischen Zentralbank. Als solcher hat er milliardenschwere Anleihekäufe durchgesetzt und die Zinsen auf einen historischen Tiefstand gesenkt. Gleichzeitig leitet der Italiener ein Gremium, das Risiken für die Finanzmärkte in der EU aufspüren soll – den Europäischen Ausschuss für Systemrisiken (ESRB).

Die Risikowächter warnen vor einer Überhitzung des Marktes für Wohnimmobilien. Der ESRB habe Warnungen an die zuständigen Ministerien in acht EU-Ländern versandt, sagte Draghi am Montag in einer Anhörung vor dem Europaparlament. Einen blauen Brief aus Frankfurt erhielten Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Luxemburg, die Niederlande, Schweden und Großbritannien. Es ist das erste Mal, dass die Risikowächter ihre Warnungen öffentlich machen.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

In diesen Ländern könnte der Immobilienmarkt die Finanzstabilität gefährden, wenn es zu stärkeren wirtschaftlichen Schwankungen komme. „Falls es einen Schock gibt, können diese Anfälligkeiten schnell zu tatsächlichen Risiken werden,“ sagte Draghi. Es gehe zwar nicht um kurzfristige, sondern eher mittelfristige Gefahren. Wichtig sei aber, in guten Zeiten Warnungen zu geben und Vorsorge zu treffen.

Die Probleme in den betroffenen Ländern unterscheiden sich im Detail. Es gibt jedoch zwei Parallelen: Zum einen gibt es Zweifel daran, ob Schuldner dort ihre Hypothekenkredite auch dann zurückzahlen können, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen deutlich ändern. Zum Beispiel kann es im Falle einer wirtschaftlichen Flaute und hoher Arbeitslosigkeit zu hohen Kreditausfällen kommen.

Zum anderen birgt dort ein abrupter Rückgang der Immobilienpreise ein weiteres Risiko für die Banken. Denn dies würde das Vermögen verschuldeter Haushalte und den Wert ihrer bei den Banken hinterlegten Sicherheiten mindern.

Die Warnungen von Draghi und den Risikowächtern kommen nicht von ungefähr. In der Vergangenheit sind Finanzkrisen sehr oft vom Häusermarkt ausgegangen. In vielen EU-Ländern hat der Markt für Wohnimmobilien große Bedeutung für die Banken. So haben Häuserkredite in Dänemark einen Umfang von etwa 110 Prozent der Wirtschaftsleistung, in Schweden und Großbritannien liegt der Anteil bei rund 60 Prozent.

In den vergangenen drei Jahren sind die Immobilienpreise in den meisten EU-Ländern stärker gestiegen als Einkommen und Mieten. In einigen Ländern wuchsen gleichzeitig die Hypothekenkredite und die Verschuldung der privaten Haushalte deutlich.

Kommentare (6)

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Herr Gerd St

29.11.2016, 08:42 Uhr

Es ist einfach unfassbar.... Da schafft die EZB mit der Herabsetzung der Zinsen den besten Nährboden für Immobilienkauf und Spekulation und warnt jetzt vor einer Überhitzung des Marktes.
Die EZB hat es in der Hand, dass es nicht zur Katastrophe kommt.
Nicht warnen, handeln !

Lothar dM

29.11.2016, 09:24 Uhr

Der Brandstifter "warnt" andere vor dem von ihm gelegten Feuer ... alles klar!?

Account gelöscht!

29.11.2016, 09:26 Uhr

........und dann wird die Inflation ausgerufen, nachdem die Sparvermögen und die Altersvorsorgeprodukte in Form von Kapitallebens -u. Rentenversicherungen durch die Nullzinspolitik schon sehr deutlich mit 40 bis 50% geschrumpft sind.

Das wäre dann der nä. Schachzug gegen die Sparer.  

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