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13.01.2016

12:56 Uhr

Anlagenotstand

Stiftungen in Niedrigzinsfalle

Die historisch niedrigen Zinsen machen Stiftungen schwer zu schaffen. Diese müssen jetzt ihr Risiko erhöhen, um ihr Vermögen zu erhalten. Ein anderer Ausweg ist nicht in Sicht.

Das Niedrigzinsumfeld trifft Stiftungen offenbar härter als die Finanzkrise. dpa

Zinsen auf Rekordtief

Das Niedrigzinsumfeld trifft Stiftungen offenbar härter als die Finanzkrise.

DüsseldorfTiefe Zinsen sind Anleger bereits gewohnt. Aber jetzt rutschen auch immer mehr Zinsanlagen in den Minusbereich. Zum Beispiel gibt es bei Bundesanleihen derzeit nur noch eine Negativrendite - das ist historisch einmalig und stellt den Anleger vor ein massives Problem: Er verliert Geld.

Dieses Umfeld stellt auch Stiftungen vor große Probleme. Um trotz der niedrigen Zinsen ihr Vermögen real zu erhalten, müssen deutsche Stiftungen offenbar jetzt ihr Risiko erhöhen. Fast jede dritte Stiftung habe einen Teil ihres Vermögens in ertragreichere - und damit grundsätzlich auch riskantere - Anlageformen umgeschichtet. Das zeigt eine heute veröffentlichte Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC. Dazu hat das Unternehmen die 208 vermögensstärksten Stiftungen in Deutschland befragt.

Dennoch gilt nach wie vor: Stiftungen halten an einer eher konservativen Anlagepolitik fest, um auch in den kommenden Jahren gemeinnützige Zwecke finanzieren zu können. Das durchschnittliche Portfolio einer Stiftung besteht der Untersuchung zufolge zu 35 Prozent aus Staatsanleihen, zu 25 Prozent aus Tages- und Termingeldkonten und zu 20 Prozent aus Sachwerten wie Immobilien. Nur einen sehr geringen Teil investieren die Stiftungen in Aktien und Unternehmensbeteiligungen.

So legen die Deutschen an

Sparbuch und Tagesgeld über alles

Deutsche Anleger bleiben ihrem Sparbuch sowie dem Tagesgeldkonto treu (77,3 Prozent) – und das obwohl zwei von drei Befragten davon ausgehen, dass das niedrige Zinsniveau in Europa noch mindestens drei bis fünf Jahre anhalten wird (65,4 Prozent). Auf dem zweiten Platz folgen Aktien bzw. Aktienfonds, in die 26,1 Prozent der Befragten investiert sind. Immobilien- oder Immobilienfondsanlagen halten 19,1 Prozent, Anleihen oder Rentenfonds 12,4 Prozent der Anleger. 9,5 Prozent der Befragten haben derzeit kein Geld in einer der genannten Anlageformen investiert.

 

Quelle: Goldman Sachs Asset Management/TNS Infratest (Oktober 2015)

Sicherheit ist Trumpf

Sicherheit bleibt unverändert das wichtigste Kriterium bei der Entscheidung über die eigene Geldanlage (61,8 Prozent). Die ständige Verfügbarkeit des Geldes ist 29,4 Prozent der Anleger am wichtigsten, eine hohe Rendite nannten lediglich 6,8 Prozent der Befragten als wichtigstes Kriterium.

Wirtschaftliche Krisen als größtes Risiko

Als größte Risiken für ihre Geldanlage sehen private Investoren wirtschaftliche Krisen (42,9 Prozent). Mit deutlichem Abstand folgen Inflation und politischen Krisen (22,1 Prozent bzw. 15,6 Prozent). Staatsverschuldung und Deflation spielen, wie im vergangenen Jahr, eine vergleichsweise untergeordnete Rolle.

Frustrierte Sparer, zufriedene Aktionäre

60,4 Prozent der Anleger, die ein Sparbuch oder Tagesgeldkonto haben, sind eher unzufrieden oder sogar äußerst unzufrieden mit ihrer Geldanlage. Mit ihren Erträgen bei Aktien/Aktienfonds, die gerade im aktuellen Niedrigzinsumfeld bessere Renditen versprechen, sind 69,2 Prozent sehr zufrieden oder eher zufrieden, mit Anleihen/Rentenfonds 62,7 Prozent. Am zufriedensten sind Immobilien- bzw. Immobilienfondsanleger mit ihren Erträgen: Hier geben über drei Viertel der Anleger an, sehr zufrieden oder eher zufrieden zu sein (78,4 Prozent).

Diese Portfolio-Autfteilung stellt die Stiftungen genauso wie Privatanleger vor ein massives Problem: Staatsanleihen und Festgeldkonten werfen kaum Erträge ab. Der Umfrage zufolge erzielte in den vergangenen drei Jahren nur noch jede fünfte Stiftung in Deutschland eine Durchschnittsrendite von fünf oder mehr Prozent. Bei manchen Stiftungen schrumpfte das Vermögen sogar - zumindest nach Abzug der Inflation.

Der Umfrage zufolge trifft das niedrige Zinsumfeld die Stiftungen härter als die Finanzkrise im Jahre 2009. Damals gaben gerade einmal sechs Prozent der Stiftungen an, die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu spüren. Dagegen zeigen sich vom Zinstief nun 38 Prozent der Stiftungen betroffen.

"Es ist bemerkenswert, wie viel spürbarer die Stiftungen unter den niedrigen Zinsen leiden, als sie 2009 unter dem Börsensturz gelitten haben. Die Frage ist deshalb, was die Stiftungen in den kommenden Jahren tun können, um ihr Vermögen real zumindest zu erhalten", sagt Norbert Winkeljohann, Sprecher des Vorstands von PwC in Deutschland.

Die aktuelle Niedrigzinsphase könnte deshalb die deutsche Stiftungslandschaft nachhaltig verändern: So gehen 95 Prozent der Umfrageteilnehmer davon aus, dass die Stiftungseinnahmen in den kommenden vier bis fünf Jahren sinken werden. Und das zulasten vieler gemeinnütziger Projekte.

Von

jau

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