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18.06.2015

12:10 Uhr

Anlageprofis zu Griechenland und Grexit

„Mit Spieltheorie ist keinem Anleger geholfen“

Die Börsen wackeln, Risikoaufschläge steigen, Griechen horten Bargeld: Wie gefährlich ist die Lage für Anleger? Asoka Wöhrmann, Ulrich Kater und andere Experten zu Grexit, Ansteckungsgefahr und Rettung in letzter Minute.

Dirk Müller

„Jeder ist froh, wenn er das Thema Griechenland nicht mehr hören muss“

Dirk Müller: „Jeder ist froh, wenn er das Thema Griechenland nicht mehr hören muss“

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FrankfurtEr ist da – der Tag, der das weitere Schicksal Griechenlands besiegeln könnte. In Luxemburg treffen sich heute ein letztes Mal die Euro-Finanzminister und beraten darüber, wie sich die drohende Pleite des Krisenstaats noch abwenden ließe. Das Treffen müsste heute die Weichen dafür stellen, dass Griechenland am Ende das Monats die letzte Tranche aus dem aktuellen Hilfspaket, 7,2 Milliarden Euro, bekommt.

Doch die EU bindet die Auszahlung an Bedingungen. Athen solle endlich Sparmaßnahmen vorlegen, die die europäischen Partner auch akzeptieren könnten. Die geforderte Kürzung von Renten und Gehältern lehnt Athen bislang kategorisch ab. Umgekehrt genügt es der EU nicht, würde Griechenland bestimmte Sondersteuern, etwa die Luxussteuern, erhöhen.

Bekommt Griechenland die Tranche nicht, ist das Land faktisch Pleite. Es hätte keinerlei Mittel mehr, um einen Kredit von 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzuzahlen – von Gehältern an Staatsdiener und Renten ganz zu schweigen. Die erste Rate des IWF-Kredits in Höhe von 300 Millionen Euro wäre bereits am 5. Juni fällig gewesen, doch Athen erhielt Zahlungsaufschub bis Ende des Monats.

Bislang zeigte sich der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis als ausgemachter Zocker. Fast schien es, als nähere sich der Ökonom dem Problem als Spieltheoretiker, ganz nach dem Motto: Wenn zwei Autos aufeinander zurasen, gewinnt der, der bis zum Ende das Gaspedal durchgedrückt hält und sich sicher ist, dass der andere rechtzeitig ausweicht.

Szenarien in der griechischen Schuldenkrise

Wann würde ein Zahlungsausfall eintreten?

Schon seit Wochen kratzt die griechische Regierung mühsam Geld zusammen, um Löhne und Gehälter sowie andere staatliche Leistungen zu finanzieren oder fällige Schulden zu begleichen. Wenn Athen offiziell die Zahlungen an seine Geldgeber einstellt, wäre der Staatsbankrott da. Dann müssten sich die Gläubiger, darunter Deutschland, an einen Tisch setzen und aushandeln, wieviel Geld verloren ist und wann der Rest zurückgezahlt wird.

Würde eine Pleite automatisch den Euro-Austritt Athens bedeuten?

Nein. Auch bei einem Zahlungsausfall kann Athen im Euro-System verbleiben. Grundsätzlich sieht der EU-Vertrag einen Ausstieg eines Landes aus dem Euro nicht vor. Die Europäische Währungsunion ist eigentlich auf ewig angelegt. Für einen Ausstieg Griechenlands („Grexit“) gibt es keine Regeln. Er könnte verhandelt oder einseitig von Athen oder der Eurozone vollzogen werden. Aber selbst bei einem Austritt aus dem Euro würde Griechenland in der EU bleiben, großzügige Hilfen der 27 anderen Länder wären notwendig.

Wie könnte ein Verbleib in der Eurozone funktionieren?

Sollte Griechenland zahlungsunfähig werden, hängt viel davon ab, ob die Europäische Zentralbank (EZB) die Versorgung Griechenlands mit Euros einstellt oder nicht. Ein Stopp der Nothilfen würde für die dortigen Banken den Kollaps bedeuten, Geldautomaten wären dicht. Für den Ökonomen Clemens Fuest ist entscheidend, was passiert, wenn griechische Banken von der Liquidität abgeschnitten sind. Wer haftet bei Bank-Schieflagen: die griechischen Sparer, überwiegend Kleinanleger - oder die Euro-Partner? Dem Vernehmen nach geht es um 200 Milliarden Euro.

Könnten die griechischen Banken stabilisiert werden?

Ja, mit Hilfe der Euro-Partner. Dafür müsste Athen aber kooperativ und reformbereit sein. Um von vornherein einen Ansturm auf Banken zu verhindern, müsste Athen auch Kapitalverkehrskontrollen einführen wie Zypern. Können Staatsdiener nicht mehr bezahlt werden, könnte es Schuldscheine geben, die dann gegen Euro getauscht werden können. Die Athener Regierung könnte eine Parallelwährung einführen - den „Geuro“. Diesen hatte auch der Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, schon einmal ins Gespräch gebracht.

Was würde eine solche Parallelwährung bringen?

Nach Aussage Mayers wäre eine solche zweite Währung neben dem Euro nur eine Notlösung, um einen „Grexit“ doch noch zu verhindern. Athen könnte einen Teil der Staatsausgaben über diese Parallelwährung in Form von Schuldscheinen finanzieren. Bargeld dürfte nur noch mit Abschlag abgehoben, Transfers ins Ausland müssten begrenzt werden. Mit einer Parallelwährung hätte Griechenland mehr Spielraum.

Oder doch „Grexit“?

Eine Rückkehr zur alten Drachme würde zu einer massiven Abwertung der Währung führen. Griechische Exporte würden konkurrenzfähiger werden, die Angebote der Tourismus-Industrie günstiger. Heimische Produkte würden stärker nachgefragt, Importe teurer werden. Das gilt auch für Energie. Die Grundprobleme würden aber nicht gelöst. Und die Auslandsschulden müssten in Euro zurückgezahlt werden.

Um wieviel Geld der deutschen Steuerzahler geht es?

Die Kosten für die deutschen Steuerzahler bei einer griechischen Staatspleite wären hoch. Ein Bankrott oder ein weiterer Schuldenschnitt würde die Staatskassen belasten - bei einer Umschuldung später, bei einer einseitigen Zahlungsverweigerung Athens unmittelbar. Das Risiko Deutschlands beläuft sich wohl auf bis zu 80 Milliarden Euro. Doch es würde nicht alles Geld verloren sein.

Woraus ergibt sich eine solche drohende Verlustsumme?

Die Forderungen der staatlichen Förderbank KfW belaufen sich auf 15,17 Milliarden Euro. Aus dem Rettungsfonds EFSF wurden Griechenland bisher 141,9 Milliarden an Kredithilfen ausgezahlt. Bei einem Ausfall kämen Gewährleistungen Deutschlands zum Tragen. Zudem hat die Europäische Zentralbank (EZB) griechische Staatsanleihen erworben. Viele Papiere hat Athen zurückgezahlt. Für den Rest müsste - würden sie nicht bedient werden - Deutschland anteilig einspringen. Hinzu kommen weitere Verpflichtungen im Zahlungsverkehr.

Und welche Forderungen haben deutsche Banken gegenüber Athen?

Die deutschen Banken wäre von einem Schuldenschnitt oder Zahlungsausfall kaum betroffen. Ihre Forderungen beliefen sich Im Februar auf 19,067 Milliarden Euro. Davon entfallen aber gut 15 Milliarden auf die staatliche KfW.

Doch die Situation spitzt sich zu, wie es bislang zuvor nie der Fall war. So war es ein schierer Notruf, ein letzter Appell an die Vernunft der Verhandlungspartner, als die Athener Notenbank verkündete, ein Scheitern der Rettungsgespräche würde zunächst zur Staatspleite, dann zum Austritt aus der Euro-Zone und wahrscheinlich zum Austritt aus der EU führen.

Wie nervös die Märkte mittlerweile sind, lässt sich an gleich mehreren Indikatoren festmachen, etwa einer immensen Volatilität der Aktienmärkte, steigenden Risikoprämien bei europäischen Staatsanleihen, Zinsaufschlägen bei den Bundesanleihen, Ausverkauf von Risikopapieren und dem anhaltenden Bargeldrun auf griechische Banken.

Zuletzt sackten auch die Aktienkurse an der Athener Börse weiter ab: Der Leitindex fiel am Donnerstag um 4,3 Prozent auf 651 Punkte. Das war der niedrigste Stand seit September 2012, als ebenfalls die Schuldenkrise die Anleger verunsichert hatte. Zehnjährige griechische Staatsanleihen brachen um bis zu 58 Ticks ein, was die Rendite von knapp 13 auf rund 13,2 Prozent trieb.

Vor dem Hintergrund hat sich das Handelsblatt aktuell unter Deutschlands führenden Anlageprofis und Volkswirten umgehört und gefragt, wie hoch sie die Wahrscheinlichkeit eines Grexits und die Ansteckungsgefahr auf den europäischen Aktien- und Anleihemärkten einschätzen – und was sie vom heutigen Finanzministertreffen erwarten.

Lesen Sie auf den nächsten Seiten, was Ulrich Kater (Chefvolkswirt Dekabank), Asoka Wöhrmann (Chef-Anlagestratege Deutsche AWM), Eugene Philalithis (Portfolio Manager bei Fidelity Worldwide Investment), Martin Stürner (Vorstand beim Vermögensverwalter PEH Wertpapier), Alan Wilde (Leiter des Anleihegeschäfts beim britischen Fondsanbieter Barings), Azad Zangana (Volkswirt bei Schroders) und Ewen Cameron Watt (Chef-Investmentstratege des BlackRock Investment Institute) glauben.

Kommentare (24)

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Herr Thomas Behrends

18.06.2015, 11:35 Uhr

Das Kind ist längst in den Brunnen gefallen; es gibt KEINE RETTUNG mehr !!!
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Herr C. Falk

18.06.2015, 11:40 Uhr

" Mit Spieltheorie ist keinem Anleger geholfen" Wohl wahr.
Es gibt allerdings nicht nur Anleger und Anlagerprofis sondern auch "Politiker" und deren Interessen, Zwänge und Strategien.

Herr Kater dürfte richtig liegen, wenn er die Wahrscheinlichkeit eines Grexit ja oder nein ziemlich ausgewogen bei 50% sieht.

Wer geht vom Gas? Eher Frau Merkel als Herr Tsipras. Wenn Frau Merkel vom Gas geht, steht sie allerdings als Verliererin im Spiel fest. Ob sie damit leben will und kann, ist dann ihr Problem.

Herr Paul Rimmele

18.06.2015, 11:52 Uhr

Es gibt hier nichts mehr zu retten, weil bald die nächsten Zahlungen ja schon
anstehen.

Muss man dann Griechenland Blankoschecks ausstellen?
Die korrupte Bankgsterblase und die dahinterstehenden Dunkelmänner
wollen es nicht wahrhaben, dass es keine Rettung mehr geben kann.
Es sei denn, Frau Merkel trifft ihre alternativlose politische Entscheidung.
Dann aber kann es sein, dass bald Unruhen in Europa und in Deutschland
ausbrechen. Glaube, die Polit- und Bankgsterkaste kann sich das gar nicht
mehr vorstellen, wenns wieder richtig raucht.
Niicht mit dem Feuer spielen Frau Merkel, haben wir nicht genügend
kostenintensive Baustellen?

Die Eurozone sollte schnellstens rückabgewickelt werden, damit die EU
Bestand haben kann.

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