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07.03.2014

09:52 Uhr

Anlagestrategie

Gut gewappnet gegen den Preisverfall

VonJessica Schwarzer

Droht Europa eine Deflation? Für Anleger hätte das fatale Folgen, denn sinkende Preise sind Gift für die Wirtschaft und damit für die Aktienmärkte. Wie Investoren ihr Depot vor Deflation schützen.

Stoppt die drohende Deflation die Rally an den Aktienmärkten? Getty Images

Stoppt die drohende Deflation die Rally an den Aktienmärkten?

DüsseldorfKaum ist das Inflationsgespenst vom sprichwörtlichen Hof gejagt, geistert die nächste große Bedrohung für das Ersparte durch die Handelssäle: die Deflationsgefahr. Sinkende Preise könnten das Wirtschaftswachstum bedrohen, gar abwürgen. Die Zahl der Insolvenzen könnte steigen, die Arbeitslosigkeit gleich mit. Die Aktienmärkte würden in der Folge wohl kollabieren. So weit die Theorie.

Bei einer Deflation erhöht sich die Kaufkraft des Kapitals. Für Schuldner heißt das, dass ihre finanzierten Sachgüter an Wert verlieren, während die Kreditraten in gleicher Höhe bedient werden müssen. Profiteure einer Deflation sind hingegen die Besitzer von Geldvermögen, die mit ihrem Kapital nunmehr Sachgüter erwerben können. Für Anleger, ob nun Aktionäre, Immobilienbesitzer oder Sparer, heißt das: Sie müssen umdenken. Wer mit Deflation rechnet, muss sein Vermögen anders anlegen als jemand, der von einer weiteren Teuerung und damit Geldentwertung ausgeht.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Die Inflationsrate im Euro-Raum lag im Februar bei 0,8 Prozent – und war damit nicht mal halb so hoch wie die Preisstabilitätsnorm der Europäischen Zentralbank (EZB) von unter, aber nahe zwei Prozent. Die EZB schätzt, dass die durchschnittliche Jahresteuerung in diesem Jahr lediglich bei 1,1 Prozent liegen wird. Den Notenbankern ist das zu wenig. Zwar sieht EZB-Präsident Mario Draghi noch keine Deflationsgefahr, wie er auch am Donnerstag wieder betonte, doch das Thema stetig fallender Preise hat es in die öffentliche Diskussion geschafft.

Denn trotz aller besänftigenden Worte sind die Ökonomen von Barclays über Morgan Stanley bis hin zu JP Morgan Chase besorgt, dass Draghi dieselben Fehler wiederholen könnte wie einst die Bank of Japan – nämlich die Deflationsgefahr öffentlich herunterzuspielen, um dann letzten Endes quantitative Lockerungsmaßnahmen einzuführen.

Im Januar 1998 hatten die japanischen Währungshüter in ihrem Monatsbericht vollmundig verkündet: „Derzeit gibt es keinen Grund zu erwarten, dass die Preise insgesamt scharf fallen und einen deflationären Druck auf die Gesamtwirtschaft ausüben werden.“ Doch diese Einschätzung stellte sich schnell als falsch heraus. Die japanischen Verbraucherpreise ohne Berücksichtigung von Lebensmitteln fielen und fielen. Der Trend sollte die nächsten 15 Jahre bestimmen.

Der Schaden für die japanische Wirtschaft ist immens: Sie fiel sogar hinter China zurück, weil sich Unternehmen und Verbraucher in Erwartung immer niedrigerer Preise zurückhielten. Japans nicht preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt war vergangenes Jahr zehn Prozent niedriger als auf dem Höhepunkt im Jahr 1997.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

07.03.2014, 10:33 Uhr

Deflation ist in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation eine Schimäre. Sie wird von der EZB/Draghi aus der Mottenkiste gezogen, um die Fortsetzung der losen Geldpolitik und der andauernd zu niedrigen Zinsen zu rechtfertigen. Bei Rückkehr zu einem normalen Zinsniveau käme es zum Serienbankrott der überschuldeten Staaten!

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