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29.07.2013

10:25 Uhr

Anlagestrategie

Mensch schlägt Maschine

Computergesteuerte Fonds gelten am Devisenmarkt normalerweise als sichere Gewinner. Doch das Hin- und Her der Geldpolitik der großen Notenbanken setze neue Vorzeichen. Wieso menschliche Trader die Computer schlagen.

Computer sind rational, Menschen flexibel: Beim internationalen Devisenhandel hat sich in diesem Jahr die Flexibilität besser bewährt. dapd

Computer sind rational, Menschen flexibel: Beim internationalen Devisenhandel hat sich in diesem Jahr die Flexibilität besser bewährt.

Sie rechnen schnell, sie rechnen genau und sie sind frei von Gefühlen: Wenn es ums Kapitalmanagement geht, sind Computer ihren Konkurrenten aus Fleisch und Blut in mancher Hinsicht überlegen. Doch nicht immer ist ein schneller Rechner von Vorteil, wie ein Vergleich von computergesteuerten Devisenfonds und von Managern verwalteten Fonds zeigt.

So haben Devisenfonds, die für ihre Handelsentscheidungen Computermodelle einsetzen, in diesem Jahr etwa 0,9 Prozent zugelegt. Dagegen kommen Fonds, die Menschen investieren lassen, auf ein Plus von 2,5 Prozent. Das ist der größte Ertragsunterschied seit 2008, zeigen die Daten der US-Beratungsgesellschaft Parker Global Strategies.

Die größten Börsenpannen

Nasdaq lahmgelegt

Ein Softwarefehler führt dazu, dass die US-Börse Nasdaq im August 2013 einige Stunden den Handel komplett einstellen muss. Nach der Wiederaufnahme des Handels steigt der Markt – die Aktie des Börsenbetreibers aber verliert.

Dow Jones (2013)

Am 23. April 2013 meldete der Twitter-Account der US-Nachrichtenagentur eine Explosion im Weißen Haus. Die Meldung war jedoch falsch – Hacker hatten das Nutzerkonto übernommen. Dennoch brach die Börse innerhalb von Sekunden um mehr als ein Prozent ein. Möglicher Grund: Computer werteten die Meldung als wahr und lösten Verkaufssignale aus.

Kraft-Aktie (2012)

4. Oktober 2012: Die Nasdaq und mehrere andere Börsen haben nach einem ungewöhnlichen Kurssprung von Kraft Foods einen Teil des Handels mit der Aktie annulliert. Grund für den plötzlichen Anstieg der Papiere von 45,55 auf 58,54 Dollar war nach Angaben der US-Technologiebörse der Fehler eines Börsenmaklers. Nähere Angaben machte sie nicht. „Die Systeme von Nasdaq haben normal funktioniert und der Prozess der Industrie zum Umgang mit solchen Angelegenheiten verlief wie geplant“, hieß es in einer Erklärung.

Software-Panne bei Knight Capital (2012)

Durch einen Fehler hatte die Knight-Software enorm viele Orders platziert, die heftige Kursschwankungen auslösten. Dem Treiben konnte erst nach einer Dreiviertelstunde ein Ende gesetzt werden. In dieser Zeit hatten sich bereits 440 Millionen Dollar Verlust angehäuft, die das US-Brokerhaus fast zum Zusammenbruch brachten.

Das Facebook-Desaster (2012)

Die Erfolgsstory von Facebook bekam an der Börse einen starken Dämpfer. Nach gravierenden Pannen im Handelssystem der Technologiebörse Nasdaq in New York stürzte der Kurs des Börsenneulings rapide in die Tiefe. Beteiligte Firmen erlitten Millionen-Verluste. Die Schweizer Großbank UBS, die 290 Millionen Euro verlor, drohte sogar mit einer Klage gegen die Börse.

Pannen-Start für BATS (2012)

Die Erstnotiz der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets im März 2012 endete mit einem Totalschaden. Die neuen BATS-Aktien sackten innerhalb weniger Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent. Schuld daran war eine neue Software. BATS musste die falschen Transaktionen zurücknehmen - und nahm dabei die eigenen Aktien gleich mit von der Börse

Fünf-Minuten-Chaos bei der Citigroup durch Kursrutsch

Die Aktien der Citigroup fielen im Juni 2010 nach Massenverkäufen durch elektronische Handelssysteme zeitweise um 17 Prozent. Doch da die Börsenaufsicht SEC nach dem „Flash Crash“ bereits zuvor beschlossen hatte, Aktien aus dem Index S&P 500 vom Handel auszusetzen, falls diese innerhalb von fünf Minuten mehr als zehn Prozent steigen oder fallen, stoppte das Sicherungssystem den Kursrutsch. Der Handel stand fünf Minuten lang still. Am Ende des Tages lag die Citigroup-Aktie sieben Prozent im Minus.

Flash Crash, 2010

Der „Flash Crash“ wurde im Mai 2010 durch den Hochfrequenzhandel ausgelöst: Durch einen blitzartigen Kurseinbruch lösten sich innerhalb weniger Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Der Kurs des Dow Jones fiel um rund 1.000 Punkte. Einige Aktien verloren in der Zeit rund die Hälfte ihres Wertes. Der Spuk dauerte eine halbe Stunde lang an. Der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst werden, stand schon vorher in der Kritik.

Strafe für Morgan Stanley (2007)

Morgan Stanley musste im Februar 2007 für den Fehler eines Händlers 300.000 Dollar Strafe an die Börse New York zahlen. Der Banker wollte einen Order über 100.000 Wertpapiere abgeben, übersah aber automatischen Multiplikator von 1000. Dementsprechend hatte seine Order einen Wert von 10,8 Milliarden Dollar statt der gewünschten 10,8 Millionen Dollar. Erst nachdem Aktien im Wert von 875,3 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatten, wurde der Fehler bemerkt. Die Bank hat die Handelsvorschriften am Desk seitdem deutlich verschärft.

Football vermasselt 50 Millionen Dollar Deal

Ein äußerst ungewöhnliches Missgeschick passierte einem Händler der Bank of America im September 2006. Er wartete auf die Anordnung seines Vorgesetzten, um einen fertig vorbereiteten Deal über 50 Millionen Dollar abzuschließen. Es fehlte nur noch der Druck auf die Enter-Taste. Während er wartete, warf ein Trainee einen Football durch den Raum und traf die Tastatur, inklusive der Enter-Taste.

Milliarden statt Millionen, 2002

Ein Händler von Bear Stearns verzählte sich im Oktober 2002 beim Verkauf von Aktien bei den Nullen und handelte sie für vier Milliarden Dollar anstelle von vier Millionen. Bevor der Vertipper auffiel, gingen bereits Wertpapiere im Wert von 600 Millionen Dollar an neue Besitzer. Dadurch sank der Leitindex Dow Jones um 2,3 Prozent.

100 Millionen für Verdreher

Im Dezember 2001 begleitete UBS Warburg den Verkauf neuer Aktien des japanischen Unternehmens Dentsu. Ein Händler vertippte sich und verkaufte statt 16 Dentsu-Aktien zu 600.000 Yen 610.000 Aktien zu je 6 Yen. Innerhalb kürzester Zeit verkaufte die USB dadurch 61.915 Aktien, was etwa der Hälfte des Emissionsvolumens entspricht. Die UBS verlor durch die Panne 100 Millionen Dollar, weil sie die Aktien zum Marktpreis zurückkaufen musste.

Lehman Banker verkauft zu viel (2001)

Ein Händler der Investmentbank Lehman Brothers verkaufte 2001 aus Versehen hundertmal mehr Aktien als er wollte. Darunter waren auch Schwergewichte wie AstraZeneca und BP. Der Banker vernichtete damit zeitweise 30 Milliarden Pfund an Börsenwert.

Tippfehler mit Folgen (1999)

Ein Aktienhändler der UBS gab im Januar 1999 zu viele Nullen in seinen Rechner ein und handelte damit innerhalb von nur zwei Minuten zehn Millionen Aktien des Pharmakonzerns Roche, obwohl nur sieben Millionen Stück existierten. Das Handelsvolumen überstieg die Marktkapitalisierung von Roche um knapp die Hälfte.

Der Schwarze Montag (1987)

Am 19. Oktober 1987 bricht der Dow Jones um fast 23 Prozent auf 1.728 Punkte ein, der größte prozentuale Tagesverlust in der Geschichte des Index. Der seinerzeit beliebte Programmhandel - eine Art Vorläufer des heutigen Algo-Tradings - hat den Absturz noch verschlimmert.

Computergesteuerte Fonds, auch “Quants” genannt, werden seit den 1990er Jahren immer beliebter. Heute sind sie sogar verbreiteter als der herkömmliche Devisenhandel, bei dem Menschen die Geldströme lenken. Von den 43 Devisenfonds, die Parker Global beobachtet, werden 27 von Computermodellen gesteuert. Und: Bis zu diesem Jahr haben Quants auch besser abgeschnitten als ihre menschlichen Gegenspieler. Seit die Beratungsgesellschaft 1986 mit der Sammlung der Daten begann, haben diese Fonds einen durchschnittlichen jährlichen Ertrag von 10,7 Prozent eingebracht. Fonds, die von Managern gesteuert wurden, nur ein Plus von 8,6 Prozent für Fonds vorweisen.

Was ist in diesem Jahr also anders? Die Quants sind verwirrt. Das Hin- und Her der Geldpolitik der großen Notenbanken ist den kühlen Computer-Investoren ein Rätsel. Die Ansage des US-Notenbank-Chef Ben Bernanke, die lockere Geldpolitik der Fed zu drosseln, hat die systematischen Fonds auf dem falschen Fuß erwischt. Denn gleichzeitig sagten die Notenbanker in Europa und Japan ihren Volkswirtschaften weitere Unterstützung zu.

Diese Geldpolitik hat dazu geführt, Währungen und Zinsen stark schwankten, wie seit einem Jahr nicht mehr. Den Computer- Algorithmen ist das ein Graus, sie mögen Beständigkeit, vertraute Zusammenhänge und etablierte Handelsmuster. „Die Zentralbanken sind zu Insiderhändlern am Devisenmarkt geworden. Das ist ein Paradigmenwechsel, den systematische Händler nicht so gut aufnehmen können wie fundamentale Händler”, erklärt Richard Olsen, Gründer der Züricher Forschungsgesellschaft für Finanzmathematik Olsen. Er entwickelt seit 1986 Modelle für den Devisenhandel.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

29.07.2013, 11:12 Uhr

Der gesamte globale Finanzmarkt ist selbst ein Computer. Er verarbeitet und speichert Informationen "Bits" und rechnet. Das, was wir Kurs nennen, ist der Qutput. Es ist genau eine Information, die als Wert und Risiko durch Kursfeststellung ausgegeben wird. Mit einem wichtigen Unterschied: Das Ergebnis ist nicht objektiv, sondern durch das Handelssystem selbst bestimmt. Es ist eine erzwungene Messung am geworfenen Würfel.

rs.depot.de

29.07.2013, 12:15 Uhr

Aufgrund der Professionalität am Devisenmarkt mag dort der Vorteil der Software nicht immer offensichtlich sein. Am Aktienmarkt, wo die Masse der Marktteilnehmer emotionalen Entscheidungsmustern verfällt, liegt nach allen Studien die Computersoftware im Mittel immer vor den Fonds, die von Fondsmanagern per Kopf gesteuert werden. rs-depot.de

Globalyze

29.07.2013, 13:07 Uhr

Maschine schlägt Mensch. Fundamental!

Leider greift dieser Artikel zu diesem eigentlich sehr interessanten Thema zu kurz. Es wird nämlich nur auf die auf technischer Analyse basierenden Ansätze eingegangen. Wieder einmal fehlt der Bereich der fundamentalen Analyse. Nicht nur die Marktteilnehmer, auch die Medien scheinen aus der Finanzkrise nichts gelernt zu haben.

Dabei wäre man mit einer Maschine, die auf Fundamentaldaten, also Bilanz- und GuV-Daten aufsetzt gut durch die New Economy Internetblase und auch die Finanzkrise gekommen. Keine vernünftig nach fundamentalen Value Kriterien eingestellte Maschine dieser Welt hätte die damals vollkommen überteuerte Deutsche Telekom oder die nie einen Euro Gewinn gesehenen cash-burnenden und nicht-werthaltigen Internetbuden gekauft. Das ist die Wahrheit, die scheinbar keiner hören will. Vielleicht weil die meisten der bestehenden Finanzakteure an einer mittelfristigen, gebührenschonenden fundamentalen Anlagestrategie zu wenig verdienen und deshalb die Frequenz ins Unermessliche gesteigert werden muss?

Für mich als Volkswirt und langjähriger Mitarbeiter einer großen internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in den Bereichen Wirtschaftsprüfung und Corporate Finance/Valuation war diese Erkenntnis die Geburtsstunde unseres Unternehmens, das auf einem vollautomatisierten Fundamentalansatz basiert. Wobei das logisch ist und auf der Hand liegt. Wäre es anders, könnte man ansonsten gar keine Unternehmenstransaktionen vornehmen. Aktienauswahl ist und bleibt gutes Handwerk, auch wenn - aufgrund des Versagens vieler Etablierter Finanzmarktteilnehmer - viele meinen, es hätte eher etwas von einem Casino. Was nur in der kurzen Frist zutrifft.

Warum Maschinen, die vollautomatisiert fundamental bewerten, nicht vom Handelsblatt erwähnt werden, bleibt das Geheimnis des Autors bzw. Handelsblatts.

Mit freundlichen Grüßen
Norbert Lohrke (www.globalyze.de)

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