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12.08.2013

16:15 Uhr

Anlagestrategie

„Wenn der Banker etwas empfiehlt, werde skeptisch!“

VonDörte Jochims

EZB-Chef Draghi wird an der Niedrigzinspolitik festhalten. Konservative Vermögende müssen umdenken. Professor Martin Weber erklärt, wie Anleger Risiken einschätzen, ihr Vermögen aufteilen und den Banker in Schach halten.

Professor Martin Weber von Universität Mannheim rät Anlegern, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Weber berät auch einen Fonds. PR

Professor Martin Weber von Universität Mannheim rät Anlegern, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Weber berät auch einen Fonds.

Herr Professor Weber, das anhaltende Zinstief verunsichert konservativer Anleger. Sichere Zinspapiere gleichen nicht mehr die Inflation aus. Experten raten zum Aktienkauf, doch viele Anleger scheuen das Risiko. Sollten sie ihr Risikoprofil überprüfen?
Mit welchem Teil ihres Vermögens Investoren ins Risiko gehen könnten, sollten sie sich nicht nur aus aktuellem Grund fragen – auch wenn sich die Frage vielleicht jetzt angesichts der Marktsituation stellt. Zudem wird in der Finanzwirtschaft davon ausgegangen, dass alle Investoren risikoavers sind. Das bedeutet vor allem, dass sie für eingegangene Risiken eine entsprechende Risikoprämie erwarten.

Früher gab es noch einen sicheren Zins, zehnjährige Bundesanleihen brachten mehr als vier Prozent Rendite. Manche Investoren tun sich daher schwer, Risiken und Chancen einer Anlage richtig einzuschätzen. Wie können sie feststellen, ob ein Investment für sie taugt?
Bei Fonds wurde zum Beispiel das sogenannte Key Investors Document eingeführt. Hier finden Anleger eine Angabe zur Risikoklasse, in der sich der Fonds bewegt. Bei diesen Angaben werden die Kursschwankungen bei entsprechend vorhandener Erfolgsbilanz fünf Jahre seriös berücksichtigt. Das haben wir stichprobenartig überprüft.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Vielen fällt es aber schwer, sich selbst in Risikoklassen einzugruppieren. Bank- und Finanzberater verwenden daher oft Fragebögen, die Ihnen dabei helfen sollen …
… aber sie nützen nicht viel. Die Fragen sind meist viel zu platt. Aus Sicht der Wissenschaft macht man es sich hier zu einfach. Am besten ist es, wenn Anleger auf einer Skala von beispielsweise eins bis sieben ihr Risiko selbst einschätzen sollen. „Eins“ steht dabei für Investments ohne Risiko wie etwa das Sparbuch. „Sieben“ könnte für ein schlecht diversifiziertes, spekulatives Depot stehen, das beispielsweise nur aus einer oder zwei Aktien besteht.

Und wenn ich mich hier intuitiv etwa bei Klasse vier eingruppieren würde?
Dann setzen Sie beispielsweise zu 60 Prozent auf ein breit gestreutes weltweites Aktiendepot. Der Rest fließt in Bargeld oder andere sichere Investments. Damit man sich dabei nicht nur von aktuellen Performancevergleichen blenden lässt, haben wir eine Simulation entwickelt, die die historische Wertentwicklung über sehr viele Zeiträume und für verschiedene Mischungen zeigt. Jeder kann dieses Tool im Internet nutzen.

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

12.08.2013, 16:25 Uhr

Es gibt einfach Zeiten, da weiß man nicht, was man machen soll.
Also macht das, was ihr für richtig haltet.
Das mach' ich auch ;-)

Marati

12.08.2013, 16:31 Uhr

Die Antwort auf die letzte Frage ist Unsinn. Goldman verdient nicht an den Verlusten des Anlegers, sondern daran, dass das Zertfikat möglichst lange gehalten wird (Finanzierungskosten). Lange gehalten wird das Zertifikat nur, wenn der Anleger keine Verluste durch erleidet. Goldman und Anleger wollen somit beide, dass das Gold steigt.

Numismatiker

12.08.2013, 17:04 Uhr

"… er verfolgt also nicht unbedingt mein Interesse?

Schlimmer: Wenn der Berater sagt, asiatische Märkte werden steigen, dann sollte ich skeptisch werden. Denn auch der Berater besitzt keine Kristallkugel."

Nein, der Berater besitzt keine Kristallkugel. Dafür aber Verkaufsdirektiven und Erfolgs-Vorgaben seitens seiner Vorgesetzten. Das heißt, es wird zu dem geraten, was die höchste Rendite für die Bank ergibt. DESWEGEN sollte man gegenüber dem Berater skeptisch sein.

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