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30.12.2016

11:55 Uhr

Anlegen 2017 – Teil 9 – Devisenmarkt

Das politische Kalkül

VonMatthias Streit

Egal ob Brexit, die US-Wahlen oder das Italien-Referendum in Italien – politische Großereignisse haben die Währungskurse stark beeinflusst. Und das wird auch so bleiben. Ein Blick auf Gewinner und Verlierer.

2016 wurde der Euro durch politische Großereignisse maßgeblich beeinflusst. Das dürfte auch 2017 so sein. Imago

Unter politischem Einfluss

2016 wurde der Euro durch politische Großereignisse maßgeblich beeinflusst. Das dürfte auch 2017 so sein.

FrankfurtWenn Mario Draghi an 2017 denkt, dann ist ihm offenbar nicht ganz geheuer. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) sorgt sich aufgrund einer Mixtur aus steigenden Zinsen in der Welt, Wahlen in Europa, dem trägen Reformeifer vieler Defizitländer und den weiteren Budgetverstößen in der EU. Das alles könnte die Eurozone noch weiter schwächen. Davor warnte er die europäischen Spitzenpolitiker Mitte Dezember am Rande eines EU-Gipfels in Brüssel. Eine halbe Stunde habe seine Einschätzung und eine kurze Diskussion gedauert.

Was Draghi offenbar ansprach, lässt für den Euro nichts Gutes ahnen. Schon in diesem Jahr standen die Devisenmärkte stark unter dem Einfluss politischer Großereignisse wie dem Brexit, den US-Wahlen und dem italienischen Referendum. Und schon jetzt ist klar: Auch im kommenden Jahr wird das politische Geschehen die Devisenmärkte bestimmen.

Rückblick 2016: Kein Tag hat für so viel Furore gesorgt wie der 23. Juni. An dem Tag entscheidet sich eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU. In den kommenden Wochen stürzt das britische Pfund ab. Gegenüber dem Euro verliert es zeitweise 16 Prozent. Im Vergleich mit dem US-Dollar rauscht sein Wert um fast ein Fünftel nach unten. Den Schock kann das Pfund bis zum Jahresende nicht verdauen.

Welche politischen Stolperfallen Anlegern 2017 drohen

Aktien

Von Reuters befragte Analysten sehen den Dax im Schnitt bis Ende 2017 bei rund 11.470 Punkten. Das wäre in etwa auf dem Niveau vom Jahresende 2016 "Die Dividendenrendite ist im Vergleich zu den Anleihe-Renditen weiterhin so hoch wie seit Jahrzehnten nicht. Das Gewinnwachstum der Unternehmen ist in Ordnung", sagt Lars Thörs, Aktien-Chef der Fondsgesellschaft Danske Capital. Gertrud Traud, Chef-Volkswirtin der Helaba, verweist auf einen weiteren Aspekt: „Angesichts weiterhin extrem günstiger Finanzierungsbedingungen dürften Unternehmen auf das bislang nur verhalten eingesetzte Instrument der Aktienrückkaufe zurückgreifen.“

Über weite Strecken kam der Dax 2016 kaum vom Fleck. Das Plus von knapp sieben Prozent seit Jahresbeginn geht zum größten Teil auf die Kursentwicklung im Dezember. Anfang des Monats übersprang der Dax die 11.000er Marke.

Als großen Risikofaktor für die Aktienmärkte sehen Börsianer die Wahlen in Deutschland, Frankreich den Niederlanden und möglicherweise auch in Italien. „Die Welle der populistischen Ergebnisse ist für Europa 2017 eine große Bedrohung“, sagt Craig Erlam, Marktanalyst des Brokerhauses Oanda. Ein zunehmender Nationalismus könnte der Anfang vom Ende der Euro-Zone sein.

Anleihen

An den Rentenmärkten werde es 2017 kaum etwas zu verdienen geben, ist sich Lars Edler, Co-Chefanleger des Bankhauses Sal. Oppenheim sicher. „Bei zehnjährigen Bundesanleihen gehen wir von einer negativen Gesamtrendite von etwa einem Prozent aus.“ Wenig besser dürfte es Anlegern mit US-Staatsanleihen ergehen: Hier sei eine Nullrendite zu erwarten. Die Ökonomen der Rabobank geben sich ähnlich skeptisch: „Wir sind nicht davon überzeugt, dass Donald Trumps Politik der Wirtschaft nachhaltigen Schub verleiht.“ Mögliche politische Spannungen könnten zudem die Attraktivität deutscher und US-Bonds als relativ sichere Anlagen erhöhen und damit die Renditen drücken.

Wegen der politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen liegt die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen derzeit mit rund 0,3 Prozent etwa halb so hoch wie zu Jahresbeginn. Ihre US-Pendants rentieren mit knapp 2,3 Prozent zwar höher als Anfang 2016. Jenseits des Atlantik erwarten Börsianer aber auch eine Serie von Zinserhöhungen durch die Notenbank Fed. Staatsanleihen sind seit Jahren für Investoren ein schlechtes Geschäft, da die großen Notenbanken diese Papiere in großem Stil aufkaufen. Damit sollen die Finanzierungskosten für Staaten niedrig gehalten und die Konjunktur angekurbelt werden.

Devisen

Wegen der unterschiedlichen Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantik ist der Euro den Analysten der Vermögensverwaltungstochter der Deutschen Bank zufolge 2017 auf dem Weg zur Parität. Aktuell notiert die Gemeinschaftswährung bei Kursen um die 1,04 Dollar - rund vier US-Cent weniger als Anfang Januar. Die Experten der Rabobank sagen dagegen ein Ende des Dollar -Höhenfluges voraus. Der konjunktur- und damit inflations- und zinstreibende Effekt höherer Infrastruktur-Investitionen in den USA werde voraussichtlich durch eine restriktivere Handelspolitik zunichte gemacht.

Die Talfahrt des chinesischen Yuan wird dem Commerzbank-Analysten Peter Kinsella zufolge weitergehen. „Der Yuan gilt zwar als künstlich billig, doch ist er die mit Abstand teuerste Schwellenländer-Währung.“ Um Börsenturbulenzen zu vermeiden, werde China seine Valuta aber nur behutsam abwerten. Kinsella sieht den Dollar Ende kommenden Jahres bei 7,15 Yuan. In den vergangenen Monaten kletterte er um rund sechs Prozent auf etwa 6,90 Yuan. Anfang 2016 hatte eine rasche Abwertung der chinesischen Währung ein weltweites Börsenbeben ausgelöst.

Erdöl

Im Januar treten die niedrigeren Förderquoten für die Opec-Staaten in Kraft. Viel hängt davon ab, ob sich die Mitglieder des Export-Kartells sowie Russland an die Vereinbarung halten. Viele Analysten rechnen für das erste Halbjahr mit Preisen um 55 Dollar je Fass (159 Liter). Danach werden die Preise der US-Bank Goldman Sachs zufolge aber fallen. Denn geringere Exporte der Opec und Russlands ließen Raum für Konkurrenten wie die US-Schieferölindustrie.

Dank der geplanten Kürzung der Fördermengen durch die großen Exportländer verteuerte sich die Ölsorte Brent aus der Nordsee binnen Jahresfrist um etwa die Hälfte auf 56 Dollar je Barrel (159 Liter).

Andere Rohstoffe

Auf Kursverluste müssten sich Anleger an den Metallbörsen einstellen, sagt Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg. Zwar steige durch die geplanten Infrastruktur-Investitionen in den USA und China die Nachfrage, gleichzeitig wachse aber auch das Angebot. Außerdem sei die Rally nach der US-Präsidentschaftswahl überzogen gewesen. Weinberg sieht den Kupfer -Preis bis Ende 2017 bei rund 5600 Dollar je Tonne. Seit September ist der Preis für das wichtige Industriemetall um ein Fünftel auf rund 5538 Dollar gestiegen.

Die Nachfrage nach der „Anti-Krisen-Währung“ Gold wird Analysten zufolge wegen der politischen Unwägbarkeiten anhalten. Die Experten der Commerzbank rechnen damit, dass der Preis für eine Feinunze Gold bis Ende 2017 auf rund 1300 Dollar von derzeit etwa 1150 steigt. 2016 verteuerte sich das Edelmetall um rund zehn Prozent.

Wenn die britische Regierung im kommenden Jahr den offiziellen Brexit-Antrag einreicht, dürfte das Pfund noch einmal unter Druck geraten. Holger Achnitz, Leiter des Devisenhandels von Citi in Deutschland, glaubt aber nicht, dass die Abschläge ähnlich heftig werden wie nach dem Referendum. „Da der Antrag erwartet wird, ist im aktuellen Kurs des Pfundes schon viel vorweggenommen.“

Die zweite politische Überraschung 2016 schlug sich mit den US-Wahlen am 8. November nieder. Der Republikaner Donald Trump wird überraschend zum Präsidenten gewählt. In der Folge wertet der Dollar nicht ab – dabei hatten die meisten Analysten eben das erwartet. Er setzt zu einer Rally an, die sich auch im kommenden Jahr fortsetzen wird. Schon im ersten Halbjahr, da sind sich die Experten einig, wird ein Euro nur noch einen Dollar kosten. Das hat es seit Ende 2002 nicht gegeben. „Die Situation von damals ist mit der heutigen aber kaum vergleichbar“, sagt Achnitz. Damals sei der Euro noch neu gewesen und nicht so als globale Reservewährung etabliert.

Kommentare (5)

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Herr Hans-Jörg Griesinger

30.12.2016, 12:04 Uhr

Hätte der neoliberale Mainstream und deren lobbyhörige Mischpoke ein einziges Mal Recht behalten, hätten die Sparmaßnahmen in Europa eine Investitionsflut ausgelöst.
Die „armen“ Investoren können ihre produktiven Geschäftsideen derzeit nicht umsetzen, weil es ihnen an Geld zur Finanzierung fehlt (Kredite sind ja so teuer = Nullzinsen!), die Arbeitskräfte fehlen (schließlich haben wir in Europa eine Rekordbeschäftigung = über 24 Mio. Erwerbslose allein in der EU!!) und Rohstoffe (schließlich sind die Rohstoffpreise auf einem Allzeithoch = Öl so billig wie nie!!) knapp sind.
Wirklich eine beeindruckende Logik.

Herr Hans-Jörg Griesinger

30.12.2016, 12:12 Uhr

Teil 1: „Das ist keine Kreditklemme, das ist ein Bankrott des Bankenapparates und der Regierungen mehrerer Länder. Die bankrotten Banken müssen die bankrotten Staaten finanzieren und bekommen dafür die Finanzierung zu günstigsten Konditionen von der EZB bereitgestellt. Realistisch betrachtet wird der Euro nicht überleben können.
Eine Chance hätte er nur in einer umfassenden Fiskalunion, also mit gemeinsamer Haushaltspolitik. Die aber wäre nur in einer politischen Union möglich, also in den Vereinigten Staaten von Europa. Zu diesem Schritt aber sind die europäischen Völker nicht bereit. Deshalb wird die Politik weiterhin Kompromisse machen, und deshalb bleiben wir in einer mehrjährigen Dauerkrise – bis der Euro gescheitert ist.
Die Bürger in der Peripherie ahnen, dass ihre Länder möglicherweise bald aus dem Euro austreten werden. Um sich gegen kommende Abwertungen ihrer neuen Währung zu schützen, verschieben sie ihr Geld, möglichst zu einer Bank in Deutschland. Das machen nicht nur private Sparer, sondern auch Unternehmen. Das Kapital fließt von der Peripherie ins Zentrum. Also gibt es zu viel Kapital in Deutschland, weshalb es dort auch auf Spargelder und Anleihen kaum noch Zinsen gibt. In der Peripherie fehlt dagegen Kapital, weil die Banken laufend Einlagen verlieren. Die Banken in der Peripherie können weniger Kredite vergeben und auch nur noch beschränkt eigene Staatspapiere kaufen, selbst dann, wenn ihnen die EZB viel Geld gibt.
Es ist fatal. Die einzelnen Notenbanken können die Kapitalabflüsse in andere Länder durch unbegrenzte Geldschöpfung finanzieren, die dann im Falle von Zuflüssen nach Deutschland bei der Bundesbank als Ansprüche gegen das Eurosystem beziehungsweise jene nationalen Notenbanken in den Büchern stehen. Man kann das lösen, indem die Bundesbank oder die EZB den deutschen Banken sagen: Schickt das Geld wieder zurück! Aber dann wäre der Euro sofort erledigt.“

Herr Hans-Jörg Griesinger

30.12.2016, 12:12 Uhr

Teil 2: „Genau, die Bundesbank sitzt da und kann nichts tun. Sobald das System auseinander bricht, werden diese Forderungen ausfallen.
Dann ist die Bundesbank pleite und muss durch den Staat, also durch Steuergelder, neu kapitalisiert werden.
Deshalb wäre es das Beste, Deutschland würde aus der Euro-Zone austreten. Dann hätten wir nicht mehr diese großen Spannungen, die durch die große Differenz in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Deutschland und dem Rest entstanden sind. Diese Spannungen ließen sich mit unterschiedlichen Währungen viel besser auffangen. Aber Deutschland kann aus historischen Gründen nicht austreten. Deshalb bleibt Deutschland dabei und andere werden gehen.“

Zitate/Text: Felix Zulauf / Wirtschaftswoche / wiwo.de „Unendliches Leid über Europa“

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