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13.01.2014

13:24 Uhr

Anlegerschützer zu Prokon

„Geld nachlegen wäre verrückt“

VonJörg Hackhausen

ExklusivDer Fall Prokon schreckt Anleger auf: Angelockt von hohen Zinsen haben sie fast 1,4 Milliarden Euro in die Windkraftfirma investiert. Nun steht das Geld auf dem Spiel. Ein Anlegerschützer erklärt, was jetzt zu tun ist.

Herr Bauer, mehr als 70.000 Anleger bangen um ihr Geld, das sie bei Prokon angelegt haben. Das Unternehmen droht in die Insolvenz zu gehen, falls Anleger Kapital abziehen. Wie geht es weiter?
Die Insolvenz ist mit hoher Wahrscheinlichkeit unvermeidbar. Prokon fordert seine Anleger auf, auf Kündigungen zu verzichten. Man will die Zusage, dass mindestens 95 Prozent des Genussrechtskapitals zumindest bis Ende Oktober erhalten bleiben. Ich glaube kaum, dass sich so viele Anleger dazu bereiterklären, zumal die Frist dafür schon am 20. Januar abläuft. Das ist viel zu kurz.

Was sollten Anleger tun?
Jetzt noch Geld nachzulegen, wäre verrückt. Wer bereits gekündigt hat, sollte es dabei belassen. Eventuell gibt es dann die Chance, im Falle einer Insolvenz vorrangig behandelt zu werden. Ich würde nicht empfehlen, eine Kündigung der Genussrechte wieder zurückzunehmen, auch wenn das Unternehmen dazu auffordert.

Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) hat Anleger schon früh vor Prokon gewarnt.

Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) hat Anleger schon früh vor Prokon gewarnt.

Und wer noch nicht gekündigt hat?
Sollte erst einmal Ruhe bewahren. Jetzt noch zu kündigen, bringt vermutlich nicht mehr viel. Die Kündigung würde erst Ende Februar wirksam. Wenn bis dahin die Insolvenz erfolgen würde, würden die Ansprüche aus unserer aktuellen Sicht wohl nicht mehr vorrangig behandelt werden. Außerdem muss man sich natürlich im Klaren darüber sein, dass eine Kündigung die Insolvenz noch wahrscheinlicher macht.

Wie sind die Chancen, die Ansprüche gerichtlich durchzusetzen?
Vor Gericht ist alles möglich. Eine Klage lohnt sich aus unserer Sicht jedoch höchstens mit einer Rechtsschutzversicherung oder für Anleger, bei denen sehr hohe Summen auf dem Spiel stehen. Das trifft für die meisten aber nicht zu, im Schnitt haben die Leute an die 20.000 Euro angelegt. Für den Durchschnittsanleger dürfte das Risiko also die Chancen übersteigen, und es besteht die Gefahr, dem schlechten Geld noch Gutes für Gerichts- und Anwaltskosten hinterherzuwerfen.

Verhaltensregeln am grauen Markt

Misstrauen Sie hohen Renditen

Früher galten zweistellige Renditen als suspekt, heute wird es schon bei mancher Solaranleihe mit sechs Prozent Zins kritisch. Gerade in Zeiten niedriger Zinsen möchten Sparer zwar gerne etwas mehr verdienen. Doch im Moment sind leider die Zinsen auf einem historischen Tief. Wer behauptet, er könnte Festgeldangebote und Anleiheanbieter haushoch überbieten, ist unglaubwürdig.

Lesen Sie alle Unterlagen

Die Entschuldigung „In Finanzdingen kenne ich mich nicht aus“ gilt nicht. Auch Experten brauchen oft Tage, bis sie einen Prospekt komplett verstanden haben. Wenn der Berater nur eine nette Broschüre mitgebracht hat, dann sollte der Anleger im Internet den Prospekt herunterladen (meist unter „Downloads“). Anbieter sind bei Fonds verpflichtet, alle Risiken aufzuzählen. Wer querlesen möchte, sollte zumindest die Prognoseplanung auf Plausibilität überprüfen. Wichtig ist die komplette Lektüre des Zeichnungsscheins.

Nehmen Sie Zeugen mit

Auch einem altbekannten Bankberater ist nicht unbedingt zu trauen. Die Angestellten stehen oft unter hohem Verkaufsdruck. Was besprochen wurde, gehört zwar ins Beratungsprotokoll. Aber auch das sichert im Zweifel eher den Berater ab als den Kunden. Deshalb: lieber einen Bekannten als Zeugen mitnehmen.

Hinterfragen Sie die Kosten

Die einfache Frage: "Was verdient der Berater?" stellen sich viele Anleger gar nicht. Erst hinterher wird ihnen klar, warum ihr Vermittler das eine oder andere Investment so toll fand.

Müssen Anleger damit rechnen, dass sie komplett leer ausgehen?

Das nicht. Wir gehen davon aus, dass Vermögenswerte vorhanden sind, die sich verwerten lassen. Es ist sehr schwer zu beurteilen, was wirklich noch da ist, weil das Unternehmen in der Vergangenheit nicht besonders viele Informationen bereitgestellt hat. Nehmen wir mal an, die von Prokon betriebenen Windparks seien 800 Millionen Euro wert. Das entspricht in etwa der Summe, die in den vergangenen Jahren investiert worden ist. Dem stehen Forderungen von Anlegern in Höhe von 1,4 Milliarden Euro gegenüber. Im Falle einer Insolvenz ließen sich also vielleicht mehr als 50 Prozent der Forderungen decken. Jedoch hängt die endgültige Quote  von vielen Faktoren ab, die sich heute noch nicht seriös einschätzen lassen.

Das heißt konkret?
Wer 20.000 Euro angelegt hat, müsste mit einem Verlust von etwa 8000 Euro rechnen. Wer einen Anwalt einschaltet, müsste zusätzlich wohl zunächst noch mit mehreren Tausend Euro Kosten rechnen, die nur im Falle einer gerichtlich positiven Entscheidung nicht vom Anleger selbst zu tragen wären, vorausgesetzt er hat keine Rechtsschutzversicherung.

Kommentare (26)

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HofmannM

13.01.2014, 13:37 Uhr

Ein Schneeballsystem bleibt ein Schneeballsystem. Und den letzten beißen hier die Hunde.
Ob Schneeballsystem oder Kettenbrief....zum Schluss gibt es immer ganz weniger Abzocker-"Gewinner" und sehr sehr viele Mitläufer "Verlierer".

p.g.

13.01.2014, 13:55 Uhr

was soll's? war eben ein fehlinvestment wie viele andere auch. wer spricht denn über die pleiten bei den mittelstandsanleihen. von den fehlgeleiteten und vernichteten geldern bei den ach so seriösen banken mal ganz zu schweigen. wenn die anleger das geld den banken in den rachen geschüttet hätten und diese das ihnen anvertraute geld prokon zur vernichtung übergeben hätten, wären die dann "to big to fail"-banken wohl vom steuerzahler gerettet worden. an dieser ganzen diskussion ist sehr viel heuchelei dabei. vielleicht hat der gf von prokon schon recht wenn er ausführt, dass im falle einer insolvenz sich die energiekonzerne und banken den laden zu äußerst günstigen preisen unter den nagel reissen. bei den genurechten hätte man längere kündigungsfristen vereinbaren müssen. wenn tatsächlich von einer konkursquote von beinahe 60% gesprochen wird kann der laden so schlecht nicht sein.mag ja sein dass der politik dieser laden zu groß geworden ist und die großen energiekonzerne von dem ausstieg aus der atomenergie kalt erwischt wurden und jetzt einen unliebsamen konkurrenten mit mehr weitblick als sie selbst aus dem weg räumen wollen. natürlich mit hilfe der ach so unabhängigen medien in unserem lande. trau schau wem. hierbei sind immer sehr viele fremdbestimmte am werke.

DerTaoist

13.01.2014, 14:08 Uhr

Ach so, wieder mal die Anleger aufgeschreckt wegen hoher Zinsverlockungen, bei denen dann letztlich ein entsprechend hohes Verlustrisiko schlagend wird? Die Leute, die die Korrelation zwischen Risiko und Zins nicht kennen, sterben wohl nie aus. Und von Diversifikation haben sie dann vermutlich auch noch nichts gehört. Na ja, was soll man dazu denn noch sagen?

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