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05.04.2017

15:05 Uhr

Anleihe-Experte im Gespräch

„Der Euro-Zerfall wäre viel dramatischer als Lehman“

VonAndrea Cünnen

Einbrechende Aktienmärkte, Unternehmen, die nicht mehr an Geld kommen, Banken und Versicherer in Existenznot: Das wären laut Garland Hansmann, Fondsmanager bei Investec, die Folgen eines Zusammenbruchs des Euros.

„Dass eine Abschaffung des Euros überhaupt erwogen wird, finde ich erschreckend“, sagt Portfoliomanager Garland Hansmann. Imago

Ist der Euro in Gefahr?

„Dass eine Abschaffung des Euros überhaupt erwogen wird, finde ich erschreckend“, sagt Portfoliomanager Garland Hansmann.

FrankfurtEs sieht aus, als ginge alles nochmal gut. In den Niederlanden ist der Euro als Währung nicht mehr in Gefahr, nachdem der rechtspopulistische Geert Wilders mit seiner Partei PVV überraschend wenige Stimmen geholt hat. Auch in Frankreich rutscht Marine Le Pen, die Wilders den Euro abschaffen will, in den Umfragen für die Stichwahl der Präsidentschaftswahlen am 7. Mai weiter zurück. Die Märkte haben sich ebenfalls wieder beruhigt, die Risikoprämien von französischen Anleihen sind zuletzt gesunken. Auch Garland Hansmann, Portfoliomanager für Unternehmensanleihen beim Fondshaus Investec Asset Management, setzt darauf, dass Le Pen in Frankreich nicht das Rennen macht. Dennoch haben ihn die vergangenen Monate alarmiert.

„Dass eine Abschaffung des Euros überhaupt erwogen wird, finde ich erschreckend“, sagt der Portfoliomanager. Ein Thema wäre dies zudem ja nicht nur bei den extremen Rechts- und auch Linksparteien in Frankreich, in Italien, den Niederlanden und in Deutschland. „Selbst ich höre mitunter bei Gesprächen mit Investoren die Aussage, dass es in drei Jahren den Euro wohl nicht mehr geben wird.“ Hansmann versteht nicht, „wie man das so locker sagen kann, denn das wäre gesellschaftlich und portfoliotechnisch eine absolute Katastrophe – gerade für Deutschland und für deutsche Anleger“.

„Der gesamte Kapitalmarkt funktioniert heute nur so effektiv und effizient, weil es die Währungsunion gibt.“ PR

Fondsmanager Garland Hansmann

„Der gesamte Kapitalmarkt funktioniert heute nur so effektiv und effizient, weil es die Währungsunion gibt.“

Wenn tatsächlich alle Euro-Länder zu ihren nationalen Währungen zurückkehren würden, dann würde wohl eine neue D-Mark gegenüber vielen Währungen aufwerten, und das zum Teil massiv, erklärt der 44-Jährige. „Das allein bedeutet, dass die Portfolios von vielen institutionellen Investoren auf einen Schlag weniger wert wären.“ Manche Banken, Versicherer und Pensionskassen könnte das so hart treffen, dass sie in existenzielle Schwierigkeiten geraten würden und mit Hilfe des Staates gerettet werden müssten, malt Hansmann ein erschreckendes Bild.

Vita

Der Fondsmanager

Garland Hansmann (44) startete seine Karriere 1992 bei der Dresdner Bank in Köln und Frankfurt, zuletzt als Junior Portfolio Manager für Währungen. Danach wechselte er zu Delbrück Asset Management in Frankfurt und managte Portfolios für Renten und Unternehmensanleihen. Von 2001 bis 2007 war er Portfoliomanager bei Credit Suisse Asset Management, zunächst für Unternehmensanleihen guter Bonität mit Investment-Grade-Rating, später auch für höher verzinsliche Non-Investment-Grade Unternehmensanleihen. Zudem leitete er das Research für Unternehmensanleihen („Credits“). 2003 ging er für die Credit Suisse nach London. 2007 wechselte er zum Finanzinvestor  Intermediate Capital Group in London und leitete dort den Bereich „High Yield“ für Anleihen und Kredite von Unternehmen schwächerer Bonität. Seit 2015 ist der Diplom-Betriebswirt, der in Neu Delhi geboren wurde und an der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt studierte,  bei Inestec Asset Management. Dort managt er Fonds für High-Yield und Investment-Grade-Anleihen, für Kredite sowie Multi Asset Credit Fonds.

 

Das Fondshaus

Investec Asset Management wurde 1991 in Südafrika gegründet und verwaltet inzwischen als globaler Vermögensverwalter mehr als 100 Milliarden Euro in Aktien, Anleihen, Mulit Asset Fonds und Alternativen Anlagen. Dabei investiert Investec Asset Management gleichermaßen in Industrienationen und Schwellenländern. Kunden sind Pensionsfonds, Zentralbanken, Staatsfonds, Versicherungsunternehmen, Stiftungen, Finanzberater und Privatanleger. Investec Asset Management gehört zum Banken- und Vermögensverwalter Investec Group, der an den Börsen in London und Johannesburg gelistet ist.

Zudem funktioniere der gesamte Kapitalmarkt heute nur so effektiv und effizient, weil es die Währungsunion gebe. „Bei einer Rückkehr zu nationalen Währungen würden die Investoren auch wieder vorwiegend national investieren.“ Die Folge für Unternehmen: „Sie hätten einen schwierigeren Zugang zu frischem Geld.“ Grund dafür sei, dass sich die großen Unternehmen heute viel internationaler refinanzieren und häufig einzelne Anleihen in Milliardenhöhe platzieren. Wenn deutsche Unternehmen sich vorwiegend bei deutschen Investoren Geld leihen müssten, würde dies – wenn überhaupt – nur zu deutlich höheren Zinsen funktionieren, meint Hansmann: „Letztlich käme dies einer Leitzinserhöhung um mehrere Prozentpunkte auf einen Schlag gleich.“

Kommentare (17)

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Herr Hans-Jörg Griesinger

05.04.2017, 15:39 Uhr

Ich lese in diesem Artikel immer nur von den negativen Auswirkungen für die Investoren, Banken, Versicherer, aber wieder mal nichts über die Vorteile für die einfachen Leute und Normalbürger. Nichts darüber, dass durch eine Rückkehr zur D-Mark und damit einhergehende Währungsaufwertung die Kaufkraft ansteigt (schätzungsweise bei der Mark um ca. 30 - 50%), somit die Währung wieder an Wert gewinnt. Nichts darüber, dass sich Importe verbilligen, Die Bundesrepublik somit seine mittlerweile viel zu hohen Handelsbilanzüberschüsse abbauen könnte, indem es die Importseite und den eigenen Binnenmarkt stärkt, somit das Geld nicht im Ausland investiert und verkosumiert wird, sondern wieder verstärkt im eigenen Land. Wieder ansteigende Zinsen würden den Sparern zugute kommen. Wer so dumm war, sich von der Nullzinspolitik der EZB in eine jahrzehntelange Verschuldung und Bankenabhängigkeit treiben zu lassen (Immobilienkauf), der bekommt dann natürlich bei wieder ansteigenden Zinsen gewaltige Probleme. Gleiches gilt für Aktienkäufe auf Kredit. Die Exportwirtschaft könnte durch kostengünstigere Importe und steigende Inlandsnachfrage einen großen Teil der Aufwertung wieder ausgleichen und wettmachen.

Frau Edelgard Kah

05.04.2017, 15:42 Uhr

Sehr geehrte Frau Cünnen,

"was wäre wenn...? Das ist eine konjunktive Frage, die auf die Zukunft abzielt. Dass die Zukunft keiner kennt, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Also kann jeder seine persönlichen Visionen präsentieren. Und auf der anderen Seite kann diese Träume niemand widerlegen.

An der Vision Ihres Anlegeexperten missfällt mir, dass er eine Parallele zur Pleite einer Bank (Lehmann Brothers) zieht. Ich halte dies für Unfug. Der EURO wird nicht am 23. Mai, 11.20 Uhr, mit einem Kanonenschuss abgeschafft. Sollte beispielsweise Frau Le Pen die Präsidentenwahlen gewinnen, wird sie den anderen EU-Ländern ihren Wunsch nach Austritt aus dem EURO-Raum mitteilen. Dann muss - ähnlich wie beim Brexit - längere Zeit verhandelt und alle Modalitäten geregelt werden. Eine Katastrophe ist das ganz sicher nicht.

Zu relativieren ist auch die Befürchtung, bei einer Rückkehr zur DM sei Deutschland immer wieder Aufwertungen ausgesetzt. Mag richtig sein. Aber alle paar Jahre eine Aufwertung der DM, hatten wir in der gesamten Nachkriegszeit. Die Firmen sind ihr durch verschärftes Rationalisieren begegnet, Deutschland wurde sogar Exportweltmeister. Auch ohne EURO.

Herr Hans-Jörg Griesinger

05.04.2017, 15:55 Uhr

Hansmann: „Das allein bedeutet, dass die Portfolios von vielen institutionellen Investoren auf einen Schlag weniger wert wären.“

Dafür wäre die Kaufkraft und damit die Nachfrageseite im Inland wieder höher!
Die Menschen hätten eine höhere Kaufkraft, die wiederum das Wirtschaftswachstum und den Binnenmarkt ankurbeln würde. es würde wieder im Inland investiert werden, was durchaus zu begrüßen wäre. Also ich sehe bei einer Rückkehr zur D-Mark für die Gesamtbevölkerung eher große Vorteile, anstatt der aufgeführten Nachteile! Griechen und Spanier bekommen dann von deutschen Urlaubern wieder harte Devisen ins Land, was diesen Ländern helfen würde. MIt Deutschland in einem Währungsverbund / Euro, sind sie definitiv nicht überlebensfähig. Früher oder später werden sich diese Länder aus dem Euro verabschieden, weil wegen völliger Überschuldung die Insolvenz und nachfolgende Staatspleite droht. Die Investoren kassieren, Banken und Versicherer kassieren seit Jahrzehnten fette Zins- und Zinseszinsgewinne. Jeder der sich ein klein wenig mit Finanzmathematik, Zinseszinsrechnung und der Exponentialfunktion aukennt weiß, dass es wegen der Schuldenexplosion einen Systemreset geben muss und zwar alternativlos! Jedes Sparvermögen benötigt in unserem kreditbasierten Geldsystem auf der Gegenseite einen Schuldner. Wenn ich spare, muss sich zwangsläufig gleichzeitig jemand anderes verschulden, nur so funktioniert das System zzgl. der Zinslasten, die der Schuldner auch noch tilgen muß.

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