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21.01.2015

16:05 Uhr

Anleihekäufe und Euro-Krise

EZB-Paket könnte größer ausfallen als gedacht

Die EZB könnte mit ihren Lockerungsprogramm die Märkte überraschen. Laut einem Zeitungsbericht übertrifft das Volumen der Staatsanleihekäufe die Erwartungen deutlich. Die Feierstimmung an der Börse währte aber nur kurz.

Die Europäische Zentralbank wird voraussichtlich am Donnerstag über ihr Lockerungsprogramm entscheiden. Reuters

Die Europäische Zentralbank wird voraussichtlich am Donnerstag über ihr Lockerungsprogramm entscheiden.

Die Europäische Zentralbank bereitet offenbar ein Anleihekaufprogramm vor, das über den Erwartungen der Märkte liegt. Wie das „Wall Street Journal“ berichtet, hat das EZB-Direktorium ein Entwurf vorgelegt, dass Anleihekäufe von etwa 50 Milliarden Euro im Monat vorsieht und mindestens ein Jahr laufen würde.

Damit würde die Zentralbank im Rahmen ihres Kaufprogramms für Staatsanleihen mindestens 600 Milliarden Euro ausgeben. Analysten hatten mit einem Volumen von 500 Milliarden oder mehr gerechnet. Das läge am oberen Ende der Erwartungen. Am Donnerstag tritt der EZB-Rat zusammen, der über Programm entscheiden muss. Der Rat soll dann über den Einstieg in das europäische „Quantitative Easing“. Als Vorbilder dieser lockeren Geldpolitik gelten die Notenbanken in den USA und in Großbritannien.

EZB steht vor weiteren historischen Schritten

EZB-Rat

Das Führungsgremium der Notenbank entscheidet ab Januar 2015 nur noch alle sechs Wochen über die Geldpolitik im Euroraum, erster Termin dafür ist der 22. Januar. Bisher gab es in der Regel am ersten Donnerstag jedes Monats eine Zinsentscheidung der EZB. Draghi begründete den neuen Turnus mit überzogenen Erwartungen der Märkte: Würden diese enttäuscht, komme es zu Konsequenzen – ohne dass es dafür einen ökonomischen Grund gebe. „Die EZB sollte aber nicht jeden Monat handeln. Deshalb haben wir uns entschieden, dass der Sitzungskalender mit monatlichen Treffen zu eng ist“, erklärte der Italiener Anfang Juli.

Neubau

Ihre neue Zentrale im Frankfurter Ostend hat die EZB bereits im November bezogen, am 18. März 2015 soll sie feierlich eröffnet werden. Das Ensemble aus zwei gläsernen Türmen - 165 und 185 Meter hoch - sowie der denkmalgeschützten ehemaligen Großmarkthalle bietet Platz für 2900 Mitarbeiter. Die Kosten für den Neubau am Mainufer waren mehrfach nach oben korrigiert worden, jüngste Schätzung: 1,3 Milliarden Euro. Die Endabrechnung soll Ende 2015 vorliegen.

Protokolle

Ein weiteres Novum: Die Notenbank wird ab 2015 regelmäßig Zusammenfassungen der Beratungen des EZB-Rates veröffentlichen – und zwar jeweils vor der folgenden Sitzung. Bislang lagen die Mitschriften für 30 Jahre unter Verschluss. Die neue Transparenz sei „ein weiterer Weg, um unsere Maßnahmen und die ihnen zugrundeliegenden Erörterungen zu erläutern“, erklärte Draghi. Schließlich sei das Vertrauen der Bevölkerung in die Geldpolitik immens wichtig.

Stimmrechte

Im EZB-Rat galt bisher das Prinzip: ein Land, eine Stimme. Mit dem Euro-Beitritt Litauens ändert sich das. Ab 2015 wird rotiert. Im Mai darf Bundesbank-Präsident Jens Weidmann deshalb erstmals keine Stimme bei den geldpolitischen Entscheidungen abgeben. Hintergrund ist ein EU-Beschluss von 2003, wonach das Stimmrecht in dem Gremium rotiert, sobald die Eurogruppe mehr als 18 Mitglieder hat. Das soll sicherstellen, dass auch dann rasch und effizient entschieden werden kann, wenn die Währungsunion größer wird. Das System tritt mit dem Eurobeitritt Litauens zum 1. Januar in Kraft.

Anleihenkäufe

Die Inflation ist gefährlich niedrig, das viele billige Geld der Europäischen Zentralbank (EZB) bringt die Wirtschaft bislang nicht wie von den Währungshütern gewünscht in Schwung. Viele Ökonomen rechnen deshalb damit, dass die Notenbank Anfang 2015 den Weg für Anleihenkäufe in großem Stil freimachen wird („Quantitative Easing“, QE). Befürworter hoffen, dass der Erwerb von Unternehmens- und Staatsanleihen durch die Notenbank die Wirtschaft ankurbelt – und zugleich die Inflation wieder in Richtung des EZB-Zieles befördert. EZB-Präsident Mario Draghi betont, dass die Vorbereitungen für neue Eingriffe weit fortgeschritten seien. Ausdrücklich nannte er dabei QE, wobei auch Staatsanleihenkäufe im Rahmen des Mandats der EZB möglich seien.

Zinsen

„Die Zinsen werden niedrig, niedrig, niedrig bleiben. Die Geldflut der Zentralbanken wird anhalten“, prognostizierte Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau im Dezember. Europas Währungshüter selbst haben immer wieder bekräftigt, dass sie die Zinsen auf absehbare Zeit nahe Null halten werden. Dass der Leitzins im Euroraum noch unter das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt wird, gilt allgemein als unwahrscheinlich. Draghi selbst hatte eingeräumt, beim Leitzins sei „der untere Rand erreicht“.

Die Finanzmärkte reagierten sofort auf die Meldung. Der deutsche Leitindex Dax sprang deutlich in die Höhe, zeigte sich in der Folge aber bei hohem Handelsvolumen sehr volatil. Auch der Einbruch des Euro gegenüber dem Dollar war nur von kurzer Dauer.

Mit den Anleihekäufen wollen die Währungshüter gegen sinkende Preise im Euroraum kämpfen. Im Dezember fiel die jährliche Inflationsrate auf minus 0,2 Prozent – und liegt damit meilenweit weg vom EZB-Zielwert von knapp zwei Prozent.

Kommentare (11)

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Herr Edgar Cayce

21.01.2015, 16:30 Uhr

Es sollen doch 50 Mrd. pro Monat ab März bis Ende 2016 seien.

Also weit über 1 Billion Euro. Das ist er nun der große Wurf. Und nu?

http://www.bloomberg.com/news/2015-01-21/ecb-said-to-propose-qe-of-50-billion-euros-a-month-through-2016.html

Herr Werner Wilhelm

21.01.2015, 16:32 Uhr

Weidmann als erklärter Gegner des Aufkaufprogramms ist also morgen bei der Abstimmung mit dabei. Die spannende Frage ist wie er sich wohl verhalten wird.

Ich vermute, er stimmt zu. Er wird "nicht so sein wollen".

Account gelöscht!

21.01.2015, 16:40 Uhr

Wie gestern hier im HB Artikel schön zu lesen war, macht QE in Europa deutlich weniger Sinn als in den USA, dafür sind die Chancen auf massive Kollateralschäden umso höher.

Insb. werden die Falschen belohnt (Banken und Eigentümer von Vermögensgütern im Süden) und die Falschen bestraft (Mieter-Mittelschicht in Nordeuropa).

Denn das sind gleichzeitig jeweils die, die während der ersten 10 Jahre des EUR-Währungsraumes massive Steigerungen der Einkommen aufweisen konnten (Südländer), während in Nordeuropa Lohnstagnation herrscht seit EUR-Einführung.

Wie auch immer, aufgrund des notorischen Wettbewerbsnachteils der Südländer ggü. den Nordländern wird auch eine Entlastung der Südbanken bei gleichzeitig sinkendem Wechselkurs zu USD, GBP, CHF für den Süden nichts bringen, frei werdende Gelder werden nach Nordeuropa fliessen und der rel. Standortnachteil des Südens ggü. dem Norden wird in keinem Fall dadurch geringer, sondern eher noch wachsen.

In der Schule hiess das ganz einfach: Setzen 6, Thema verfehlt Herr Draghi! Aber Spass bei Seite, die Leute in der EZB wissen genau, das dieser EUR nicht ohne Hilfe bestehen kann und früher o. später restrukturiert o. abgewickelt werden muss.

Es geht mit dieser Massnahme vor allem darum ,die Verhandlungssituation für die Zeit danach zu zementieren, zugunsten der südlichen Pleitestaaten und - banken und zulasten der Mittelschicht der Nordländer, insb Deutschlands. Wer das nicht sieht, ist vollblind o. will es nicht wahrhaben.

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