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27.11.2015

13:49 Uhr

Anleihen

Höhere Rendite, höheres Risiko

VonJessica Schwarzer

Konservative Anleger haben ein nervenaufreibendes Jahr mit hohen Schwankungen und negativen Renditen erlebt. Besserung ist auch im Jahr 2016 nicht in Sicht. Welche Anleihen noch Rendite bringen.

Amerikanische Unternehmensanleihen locken Anleger mit einem Renditeplus. dpa

US-Dollar

Amerikanische Unternehmensanleihen locken Anleger mit einem Renditeplus.

DüsseldorfDie Zeiten, in denen Bundesanleihen ein absolut sichere Sache waren, sind vorbei. Zumindest wenn es um lukrative Erträge geht. Konservative Anleger haben ein überraschend nervenaufreibendes Jahr erlebt. Im Frühjahr rauschte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe in den Keller. Nur noch 0,05 Prozent brachten die einstiegen Witwen- und Waisenpapiere damals. Die Erholung folgte prompt. Solche Ausschläge an den Rentenmärkten sind selten, aber auch im kommenden Jahr nicht ausgeschlossen, glauben Experten.

Konservative Anleger müssen sich an dieses neue Umfeld gewöhnen ebenso wie an Negativrenditen. „In den letzten 20 Jahren sind die Zinsen kontinuierlich unter Schwankungen gesunken“, sagt Robert Bauer  von Mademann & Kollegen. „Was den Kreditnehmer freut, ist für den Anleger eine große Herausforderung. Auch bei sehr niedriger Inflation bleibt nach Steuern, Kosten und Kaufkraftverlust aktuell im risikolosen Anlagebereich in Staatsanleihen erst bei langen Laufzeiten positive Ergebnisse für den Anleger übrig.“ Der Vermögensverwalter bezweifelt, dass sich das im neuen Jahr nennenswert ändern wird.

EZB-Anleihekäufe: Wem hilft Draghi?

Warum startet die EZB umfangreiche Anleihenkäufe?

Die Preisentwicklung im Euroraum bereitet den Notenbankern Sorgen. Im Januar und Februar sind die Verbraucherpreise auf Jahressicht jeweils gesunken. Deshalb befürchten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Das könnte dazu führen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmt. Dies will die EZB mit den Käufen verhindern: Das Programm soll dazu beitragen, die Inflation wieder auf ein Niveau zurückzuführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht. Die EZB strebt eine Teuerungsrate von knapp zwei Prozent an.

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für die Zinsen, mit denen die Geldpolitiker eigentlich die Inflation steuern: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft. „Gäbe es noch Spielraum, so hätte die EZB die Leitzinsen bereits gesenkt. Da diese Möglichkeit aber nicht mehr bestand, war das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten das einzig geeignete Instrument, mit dessen Hilfe die EZB ein ähnliches Ergebnis erreichen konnte“, erklärt die EZB.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere am Sekundärmarkt - also nicht direkt bei Staaten, sondern bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm den Unternehmen in ganz Europa helfen wird, leichter Zugang zu Krediten zu erhalten. Das werde die Investitionstätigkeit steigern, Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum insgesamt stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

Gibt es Kritik an den EZB-Käufen von Staatsanleihen?

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann befürchtet, dass der Reformeifer in Krisenländern nachlassen könnte - schließlich wird das Schuldenmachen billiger, wenn die EZB als großer Akteur auf den Plan tritt. Kritiker werfen der EZB zudem vor, sie finanziere letztlich Staatsschulden mit der Notenpresse. Das mache die Notenbank abhängig von den Staaten und gefährde ihre Unabhängigkeit.

Wie wirkt die Geldflut?

Bislang vor allem wie ein Schmierstoff für Aktienmärkte. Da viele andere Geldanlagen wegen der niedrigen Zinsen kaum noch etwas abwerfen, stecken Investoren ihr Geld in Aktien. Die Kurse steigen. Experten warnen, dass dadurch Blasen an den Aktienmärkten entstehen können. Ähnliches gilt für Immobilienmärkte. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret sieht die Gefahr, dass viele Anleger auf der Suche nach Rendite zu Vermögenswerten greifen, die sie bisher wegen deren Risiken gemieden haben: „Die Entstehung von Preisblasen wird damit wahrscheinlicher, und das könnte zu einem Problem für die Stabilität des Finanzsystems werden.“

Wie reagiert der Euro?

Der Euro verliert wegen der lockeren Geldpolitik massiv an Wert gegenüber dem Dollar. Das hilft der Exportwirtschaft: Produkte „made in Germany“ sind auf den Weltmärkten in Dollar billiger. Das kann die Konjunktur beflügeln. Allerdings: Für Verbraucher begrenzt der schwache Euro die Effekte gesunkener Ölpreise, weil Rohöl und Benzin international in Dollar gehandelt werden. Mit anderen Worten: Wäre der Euro stärker, wäre Sprit in Deutschland billiger. Und: Reisen in Nicht-Euroländer wie die Schweiz oder die USA werden teurer.

Welche Papiere kauft die EZB?

Die EZB will Papiere von Eurostaaten, von internationalen Institutionen wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) oder von nationalen Förderbanken wie der KfW kaufen. Bei Staatsanleihen gilt: Gekauft werden nur auf Papiere von guter Bonität. Anleihen, die von Ratingagenturen als Ramsch gewertet werden, sind außen vor - es sei denn, das Land befindet sich in einem Sanierungsprogramm der EU und erfüllt alle Sparauflagen. Die Überprüfung des Programms muss abgeschlossen sein. Damit ist im Moment ausgeschlossen, dass die EZB Anleihen Zyperns oder Griechenlands kauft.

Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf Sparbuch und Co. Allerdings dürfte die EZB die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das milliardenschwere Programm läuft. Die Zeiten bleiben also noch eine ganze Weile hart für Sparer. Die Deutsche Kreditwirtschaft kritisiert schon länger, dass die Geldpolitik der EZB die Sparer belastet und die private Altersvorsorge gefährdet. Die Renditen auf Staatsbonds wie Bundesanleihen dürften hingegen durch die Käufe direkt weiter nach unten gedrückt werden. Das trifft Besitzer von Anleihen oder Anleger, die Geld in Anleihenfonds investiert haben. Auch das Geld der Lebensversicherer steckt vor allem in Staatsanleihen. Hingegen profitieren Staaten. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble dürfte sich freuen: Die EZB erhöht die Nachfrage nach den Schuldpapieren, Deutschland kann sich noch günstiger Geld am Kapitalmarkt besorgen.

„Die bestehende Zinssituation stellt für viele Investoren eine große Herausforderung dar“, sagt auch Burkhard Wagner von Partners Vermögensmanagement. „Im Zinsbereich sind mittlerweile über 3.500 Milliarden Euro im Negativbereich investiert.“ Die Europäische Zentralbank tue ihr Bestes, dass dieses Volumen nicht geringer wird. Kapitalmarktexperten erwarten, dass die Notenbanker ihr Anleihekaufprogramm ausweiten werden – Stichwort „Quantitativ Easing 2“.

Schon im laufenden Jahr war es nicht ganz einfach, mit einem sicherheitsorientierten Depot nennenswerte Renditen einzufahren. Bauer und Wagner zeigen beim Depot-Contest der Münchener DAB Bank, wie das gelingen kann. Mademann und Kollegen liegen in der Kategorie „Sicherheit“ aktuell auf dem ersten Platz mit einem Plus von 3,43 Prozent. Da in die Bewertung auch die maximalen Schwankungen der Depots mit einfließen, schafft es Partners Vermögensmanagement nur auf den zweiten Platz, obwohl sie ein Plus von 4,24 Prozent eingefahren haben.

Alle Details zum EZB-Anleihekaufprogramm

Die Geldschwemme beginnt

Im März startete die Europäische Zentralbank (EZB) ihre breits im Januar angekündigte Geldschwemme. Die wichtigsten Details zum Kaufprogramm.

Das kauft die EZB

Die EZB wird neben dem bereits begonnen Erwerb von gesicherten Bankanleihen (Covered Bonds) und Kreditverbriefungen (ABS) zusätzlich Staatsanleihen und Wertpapiere bestimmter internationaler Institutionen kaufen.

So sollen die Käufe ablaufen

Die Käufe sollen „schrittweise und auf breiter Basis“ durchgeführt werden, um die Preisbildung auf den Finanzmärkten nicht zu stören.

Kauf fauler Papiere ist möglich

Grundsätzlich seien auch Käufe von Papieren mit negativer Rendite (also mit sehr hohem Kurswert) möglich. Allerdings nur, solange die Rendite der Papiere über dem Einlagensatz der Notenbank von derzeit minus 0,2 Prozent liegt.

Die Rolle von EFSM und ESM

Die EZB will unter anderem Papiere der folgenden internationalen Institutionen kaufen: Schuldtitel der beiden Rettungsschirme EFSF und ESM, der Europäischen Investitionsbank (EIB) und der Europäischen Union (EU).

Auch Papiere nationaler Banken werden gekauft

Unter anderem will die EZB auch Anleihen der folgenden nationalen Förderbanken (Agencies) kaufen: Papiere der deutschen KfW, der Landeskreditbank Baden-Württemberg, der NRW-Bank, der französischen Anstalten CADES und UNEDIC sowie der spanischen Staatsbank ICO.

Reintegration der Schuldtitel in die Märkte

Die von der Notenbank erworbenen Schuldtitel sollen per Wertpapierleihe wieder in den Markt gegeben werden. Experten hatten dies erwartet. Sie sehen darin eine Vorkehrung gegen ein Austrocknen einzelner Anleihemärkte.

Einfacher wird es auch im kommenden Jahr nicht. Anleihen mit bester Bonität sollten 2016 noch unattraktiver werden. „Somit sollten Anleger alle Facetten des Bond-Segmentes nutzen“, rät Wagner. „Nachrangige Anleihen, Genussscheine und Wandelanleihen gehören hier mit berücksichtigt. Vor allem Wandler gefallen uns als Zwitter bei weiter anziehenden Aktiennotierungen sehr gut.“ Auch Bauer erwartet keine größeren Zinssteigerungen, „allerdings erkauft man sich höhere Renditen mit einem größeren Risiko“. 

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