Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.02.2012

20:14 Uhr

Athener Schuldenschnitt

EZB wappnet sich für Scheitern des Griechenland-Haircuts

Die Notenbanken bereiten sich darauf vor, dass der freiwillige Schuldenschnitt für Griechenland scheitert. Sie tauschen ihre Griechenland-Anleihen in neue Schuldscheine um. Damit wären sie auf der sicheren Seite.

EZB-Zentrale in Frankfurt: Vorbereitungen für den Haircut. dpa

EZB-Zentrale in Frankfurt: Vorbereitungen für den Haircut.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank bereitet sich offenbar darauf vor, dass die Beteiligung der privaten Gläubiger am Rettungspaket für Griechenland scheitert. Die Nationalbanken würden über das Wochenende Griechenland-Anleihen in neue Papiere tauschen, sagten Vertreter der Euro-Zone am Donnerstag. Die EZB wollte sich zunächst nicht dazu äußern.

Sollten die Berichte stimmen, dann wäre die EZB auch für einen zwangsweisen Schuldenschnitt gewappnet. Bislang sollen die Privatgläubiger Griechenlands auf 50 Prozent ihrer Forderungen an Athen verzichten und ihre alten Anleihen in neue, niedriger verzinste Papier tauschen. Die entgangenen Zinsen und der Forderungsausfall summieren aich zu Abschreibungen in Höhe von etwa 70 Prozent.

Offene Fragen zum griechischen Schuldenschnitt

Wie gehen Großinvestoren mit dem Schuldenschnitt um?

Mit Bekanntgabe des Schuldenschnitts wird nicht feststehen, welche Gläubiger daran teilnehmen werden. Zwar haben sich etwa Banken mit griechischen Anleihen im Bestand wie etwa die Commerzbank und die verstaatlichte Bad Bank der Hypo Real Estate dazu bereit erklärt. Aber vor allem eine Reihe von Hedgefonds werden nicht mitmachen. So hatte etwa der Fonds Vega Asset Management angekündigt, keine Übereinkunft zu akzeptieren, die mehr als 50 Prozent Abschreibungsbedarf bedeutet.

Was gilt für Privatanleger mit Griechenland-Anleihen?

Privatanlegern sollte ersten Berichten zufolge das gleiche Angebot gemacht werden wie den professionellen Investoren. Die Teilnahme dürfte also auch für diese freiwillig sein, solange nicht nachträglich Umschuldungsregeln in die Anleihen eingebaut werden. Dann könnte eine Minderheit von Anlegern durch eine große Mehrheit (z.B. 75 Prozent) zum Forderungsverzicht gezwungen werden.

Eine Ausnahme soll es übrigens für Privatanleger geben, die griechische Anleihen unmittelbar bei Emission der Papiere erworben haben, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Allerdings kommen Privatanleger bei Erstemissionen eigentlich nie zum Zuge - das Privileg des Erstzuschlags haben große Banken und Fonds.

Wie sieht es mit öffentlichen Gläubigern aus?

Aus dem ersten Rettungspaket für Griechenland hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau 15 Milliarden Euro bereits nach Griechenland überwiesen. Da es sich dabei um einen bilateralen Kredit und keine Anleihe handelt, ist zunächst unklar, ob die KfW beim Schuldenschnitt mitmachen wird. Die Gewinn- und Verlustrechnung des öffentlichen Geldhauses wird jedoch selbst ein Verzicht auf Forderungen nicht berühren. Denn der Bund - also der Steuerzahler - hat das volle Verlustrisiko aus dieser Kreditvergabe übernommen.

Werden die Sparmaßnahmen wirklich umgesetzt?

Die Forderung aus der CDU nach einem Sparkommissar für Griechenland waren von europäischen Regierungschefs wegen einer vermeintlich institutionalisierten Bevormundung scharf kritisiert worden. Doch die Sorge, ob das nächste Sparpaket tatsächlich in die Tat umgesetzt werden wird, ist berechtigt. Schließlich hinkte die griechische Regierung zuletzt bereits etwa bei den versprochenen Privatisierungen deutlich hinterher. Die Schuldentragfähigkeit des Landes steht also weiter in den Sternen. Das könnte für Gläubiger, die dem Schuldenschnitt nicht zustimmen, teuer werden. Denn ein unverhandelter Schnitt für diese Anleger könnte durchaus erfolgen.

Werden Gläubiger zur Teilnahme gezwungen?

Das griechische Parlament könnte nachträglich Umschuldungsregeln so genannte Collective Action Clauses (CAC) in die Anleihen einfügen. Sie sind etwa bei nach britischem Recht begebenen Staatspapieren üblich. Eine Mehrheit von Anleihegläubigern kann dann eine Minderheit per Abstimmung zu bestimmten Forderungsverzichten verpflichten.

Wird der Schuldenschnitt sich als juristisch wasserdicht erweisen?

Die Europäische Zentralbank hat Mitte Februar ihre griechischen Staatsanleihen gegen Papiere mit den gleichen Bedingungen aber anderen Wertpapierkennnummern getauscht. Damit entgeht sie der Teilnahme an einem Schuldenschnitt. Das könnte juristische als Ungleichbehandlung von Gläubigern ausgelegt werden und juristische Streitigkeiten nach sich ziehen.

Auch die nachträgliche Einführung spezieller Schuldenklauseln für Anleihen, die unter griechischem Recht begeben wurden, könnte zu Streitigkeiten führen. Allerdings halten Juristen die Chancen auf einen Sieg für gering - und ein solches Verfahren dürfte Jahre dauern.

Werden Kreditausfallversicherungen (CDS) ausgelöst?

Bei der ursprünglichen Verhandlung über den Schuldenschnitt durch private Gläubiger mit den europäischen Staats- und Regierungschefs galt es als ein Knackpunkt, dass durch den Forderungsverzicht keine Kreditausfallversicherungen (CDS) ausgelöst werden. Denn die Sorge war, dass die CDS-ausgebenden Banken dann in zusätzliche Bedrängnis geraten könnten. Die Käufer von CDS, die mit den Papieren ihre Bestände an Griechenland-Anleihen abgesichert haben, muss das allerdings wie blanker Hohn vorkommen. Denn sie sind doppelt geschädigt: Sie erhalten ihre ursprünglichen Forderungen nur teilweise zurück und haben zudem die Kosten für die Versicherung in Form eines CDS bezahlt.

Allerdings hat sich durch die monatelange Hängepartie in den Verhandlungen die Stimmung etwas gewandelt. Eine CDS-Auslösung wird wegen relativ niedriger Nettoausstände bei den größten Banken nicht mehr wirklich befürchtet.

Bislang soll dieser Anleihetausch freiwillig erfolgen. Falls allerdings nicht genügend private Gläubiger mitziehen, könnte der Schuldenschnitt auch mit Zwang durchgesetzt werden. In der EZB wird an einer ausreichend starken Beteiligung aber bezweifelt.

Eine zwangsweise Beteiligung könnte durch rückwirkende Einführung spezieller Klauseln möglich gemacht werden. Dann müssten - je nach Ausformulierung - 50 Prozent der Anleiheeigner für einen Schuldenschnitt stimmen, um alle Eigner zur Teilnahme zu zwingen. Um in diesem Fall gerüstet zu sein und nicht zu einer Teilnahme gedrängt werden zu können, wird die Notenbank wohl am Wochenende agieren und ihre Bestände in neue griechische Anleihen tauschen.

Die Gläubiger Griechenlands (Stand: Januar 2012)

Kredite

Das Volumen der Kredite beläuft sich insgesamt auf 92 Milliarden und teilt sich folgendermaßen auf:

IWF: 20 Milliarden

Euro-Länder: 53 Milliarden

Sonstige: 19 Milliarden

Staatsanleihen

Gesamt: 260 Milliarden Euro, davon 55 Milliarden Euro bei der EZB

Bei griechischen Banken

40 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Bei anderen europäischen Banken

40 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Bei griechischen Sozialversicherungsfonds

30 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Bei europäischen Versicherungen

15 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Bei Fonds

Bei Investment-, Staats-, Pensions- und Hedgefonds sind es 70 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Das zu tun war eine Mehrheitsentscheidung des EZB-Rats. Dem Vernehmen nach haben sich manche Notenbanken, darunter die Bundesbank, dagegen ausgesprochen. Sie sorgen sich, dass der Beschluss negative Rückwirkungen auf Portugal und Irland mit sich bringen könnte. Denn wenn die EZB einen bevorzugten Status anstrebt, steigt das Risiko für Gläubiger im Privatsektor, im Ernstfall eines Schuldenschnitts deutlicher zur Kasse gebeten zu werden.

Portugal und Irland sollen im nächsten Jahr wieder an den Kapitalmarkt zurückkehren. Auch das könnte unter diesen Bedingungen noch schwerer werden. Denn die zu zahlenden Zinsen könnten höher liegen, wenn Anleger eine Schlechterstellung im Vergleich zur EZB im Falle eines Schuldenschnitts hinnehmen müssen. Ob der jetzt angestrebte Anleihetausch genügt, Privatinvestoren davon abzuhalten, gegen die Bevorzugung der EZB zu klagen, ist offen.

Die Euro-Finanzminister hatten eine Entscheidung über weitere milliardenschwere Hilfen am Mittwochabend vertagt. Bis Montag, dem nächsten regulären Treffen der Euro-Gruppe, soll nun eine Lösung gefunden werden. Dann soll auch der freiwillige Anleihentausch mit den Privatgläubigern verkündet werden. Ziel ist ein Schuldenschnitt, der 100 Milliarden Euro bringen soll.

Kommentare (48)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Thomas-Melber-Stuttgart

16.02.2012, 19:24 Uhr

Wie hieß es doch seitens Frau Merkel und Herrn Schäuble: die Rettung Griechenlands sei ein gutes Geschäft und koste den deutschen Steuerzahler keinen Cent. Wie wahr, wie wahr ...

alex

16.02.2012, 20:01 Uhr

Tja, wenn die Rettung gelingen würde, würde es tatsächlich (fast) nichts kosten - dafür aber alle privaten Anleger, Lebensversicherten, Bankaktionäre u.v.a. über 100 Mrd. D riskiert dazu aber dann ca. 130 bis 260 Mrd., diverse andere EU-Staaten auch - und die werden dann eben auch noch verbrannt. Ein privater Investor wird sich wohl kaum noch nach diesem "freiwilligen" Schuldenschnitt jemals wieder für GR finden, also wird jetzt unser Staatsgeld auch noch verbrannt, um GR-Bürokraten, Parteibonzen und die Wähler solchiger zu retten.

Harro

16.02.2012, 20:06 Uhr

Das ist doch alles eine Katastrophe.
Warum eröffnet niemand ein Spendenkonto für die Griechen?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×