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04.02.2016

16:11 Uhr

Bank of England

Britische Notenbank tastet Niedrigzins nicht an

Die US-Notenbank Fed strafft die geldpolitischen Zügel – die Bank of England will weiter an den Niedrigzinsen festhalten. Die Inflation im Königreich kommt nicht in Gang. Auch die Wirtschaft verlor zuletzt an Schwung.

2015 lag die Inflation im Königreich bei null Prozent – so niedrig wie seit Beginn der Aufzeichnungen nicht. dpa

Britisches Pfund

2015 lag die Inflation im Königreich bei null Prozent – so niedrig wie seit Beginn der Aufzeichnungen nicht.

LondonTrotz des konjunkturellen Aufschwungs schiebt die britische Notenbank eine Zinserhöhung auf die lange Bank. Sie entschied am Donnerstag einstimmig, den Schlüsselzins zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld bei 0,5 Prozent zu belassen. Keiner der neun Währungshüter war dafür, dem Beispiel der US-Zentralbank Fed zu folgen und die Zinsen zu erhöhen. Obwohl die Wirtschaft in Großbritannien ähnlich wie in den USA rund läuft, will die Bank of England (BoE) vorerst keine geldpolitische Wende einleiten. Angesichts der jüngsten Marktturbulenzen im Sog der Konjunkturabkühlung in China seien die Risiken für die Wirtschaft auf der Insel gestiegen, warnte Notenbankchef Mark Carney. Die Zeit für eine Zinserhöhung sei noch nicht reif. Zunächst müsse die Wirtschaft noch stärker wachsen und die Inflation anziehen.

Auch einen genauen Fahrplan soll es nicht geben: „Wir werden uns nicht auf Zinserhöhungen festlegen“, betonte der Kanadier auf dem Chefsessel der BoE. Wahrscheinlich werde der nächste Schritt aber eher nach oben als nach unten führen. Viele Experten erwarten, dass die Notenbank noch lange stillhalten wird. „Die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung noch im Laufe des Jahres 2016 hat sich zumindest leicht verringert“, sagte NordLB-Ökonom Tobias Basse. Bezeichnend sei, dass sich kein einziger der Währungshüter für eine Erhöhung ausgesprochen habe. Auch das BoE-Führungsmitglied Ian McCafferty, das als Anhänger einer strafferen Linie gilt, hob diesmal nicht die Hand dafür.

Inflationsrisiken

Lohn-Preis-Spirale

Wegen der guten Konjunktur haben die Gewerkschaften kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt: Die Chemie-Beschäftigten bekommen 4,5 Prozent, die Metaller 4,3 Prozent mehr Geld, mit einer Laufzeit von rund einem Jahr. Die Beschäftigten bei Bund und Kommunen handelten ein Plus von 6,3 Prozent für zwei Jahre aus. Unternehmen und Staat werden versuchen, die höheren Personalkosten aufzufangen, indem sie ihre Preise beziehungsweise Gebühren und Abgaben anheben. Verteuert sich die Lebenshaltung dadurch merklich, werden die Gewerkschaften in der nächsten Lohnrunde einen Ausgleich verlangen. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln.

Lockere EZB-Geldpolitik

Bei ersten Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale müsste die EZB ihre Zinsen anheben. Mit teurerem Geld kann sie Konsum und Investitionen drosseln, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die schwere Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird die Zentralbank ihren Leitzins aber wohl noch längere Zeit auf dem Rekordtief von einem Prozent lassen - oder sogar weiter senken. Die extrem niedrigen Zinsen aber können den Konsum im prosperierenden Deutschland weiter befeuern und die Preise anheizen.

Schwacher Euro

Wegen der eskalierenden Schuldenkrise steht der Euro unter Abwertungsdruck. Mit rund 1,25 Dollar ist er so billig wie seit Sommer 2010 nicht mehr. Das Problem: Deutschland als rohstoffarmes Land muss Öl, Metalle und andere Materialien im Ausland kaufen. Auf dem Weltmärkten werden die Rohstoffe überwiegend in Dollar abgerechnet. Ein schwächerer Euro macht damit deutsche Importe teurer.

Enorme Liquidität

Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der Europäischen Zentralbank aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. Allein Ende 2011 und Anfang 2012 hat sie mehr als eine Billion Euro zum Zins von aktuell einem Prozent für drei Jahre in den Finanzsektor gepumpt. Zieht die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal an, kann das viele Geld schnell in Inflation münden.

Die Wirtschaft auf der Insel hat im Sog der globalen Konjunkturabkühlung etwas an Fahrt verloren. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg 2015 aber noch um 2,2 Prozent. Die BoE geht davon aus, dass die Wirtschaft dieses Tempo 2016 halten wird. Weit größere Sorge bereitet den Londoner Währungshütern die unerwünscht niedrige Inflationsrate: Sie war 2015 mit null Prozent so niedrig wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Notenbank geht davon aus, dass sie dieses Jahr unter einem Prozent bleiben wird. Binnen zwei Jahren soll das Ziel einer Teuerungsrate von zwei Prozent aber wieder erreicht werden.

Die Fed hatte die Geldpolitik im Dezember erstmals seit fast zehn Jahren wieder gestrafft. Sie erhöhte den Leitzins auf 0,25 bis 0,5 Prozent. Angesichts der jüngsten Börsen-Turbulenzen um China, dessen Wirtschaft voriges Jahr so langsam wuchs wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr, hat jedoch auch die Fed jetzt eine abwartende Haltung signalisiert.

Von

rtr

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