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11.05.2017

14:57 Uhr

Bank of England zum Brexit

Die Zerrissenheit der britischen Notenbanker

VonKatharina Slodczyk

Der Chef der Bank of England hat die Wachstumsprognose für 2017 gesenkt und der Währung einen weiteren Schlag versetzt. Doch für die kommenden Jahre gibt er sich optimistischer – unter einer Bedingung.

Die britische Notenbank muss auf die Folgen des Brexit reagieren. dpa

Bank of England

Die britische Notenbank muss auf die Folgen des Brexit reagieren.

LondonEs klang zunächst zuversichtlich, was Mark Carney am Donnerstag über die britische Wirtschaft und Geldpolitik sagte. Zinsen würden in den nächsten drei Jahren auf ein normales Niveau steigen, betonte der Chef der Bank of England. Und auch die jüngste Verlangsamung des Wirtschaftswachstums sei nur vorübergehend.

Doch der Haken ließ nicht lange auf sich warten: Diese Prognosen beruhten auf einem „reibungslosen Brexit“, warnte Carney. Im Klartext heißt das: Nur wenn Premierministerin Theresa May bei den anstehenden Verhandlungen mit der EU ein Abkommen durchsetzt, das keine radikalen Einschnitte und Veränderungen für die Unternehmen mit sich bringt, würden sich die Vorhersagen bewahrheiten.

Carney hat am Donnerstag den jüngsten Inflationsbericht der Notenbank vorgestellt sowie das Ergebnis der geldpolitischen Sitzung. Demnach bleibt der Leitzins unverändert bei 0,25 Prozent. Für das laufende Jahr hat er die Wachstumsprognose leicht gesenkt: von zwei auf 1,9 Prozent. Das hat den Abwärtstrend der britischen Währung am Donnerstag gegenüber dem Dollar verstärkt. Für 2018 und 2019 rechnet Carney dagegen mit einem leicht höheren Plus als zuvor. Nächstes Jahr soll es demnach bei 1,7 Prozent liegen und ein Jahr später bei 1,8 Prozent.

Das dürfte voraussichtlich dazu führen, dass die Notenbank ihre Geldpolitik einige Monate eher und möglicherweise in einem stärkeren Ausmaß strafft als erwartet, deutete Carney an. Branchenexperten gingen zuletzt mehrheitlich davon aus, dass der Leitzins wohl erst Ende 2019 erhöht würde ­– mehr als ein halbes Jahr nach Abschluss der Brexit-Verhandlungen zwischen London Brüssel. Das wird für Frühjahr 2019 erwartet.

Die britische Wirtschaft hat sich seit dem Brexit-Referendum im Sommer 2016 robuster erwiesen als von einigen vorhergesagt. Auch die Bank of England hatte im vergangenen Jahr noch vor einer massiveren Wirtschaftsschwäche gewarnt. Doch die Ausgabefreue britischer Haushalte hat dies zunächst verhindert – bis zu diesem Jahr. Im ersten Quartal 2017 hat die britische Wirtschaft einen Dämpfer bekommen. Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im Vergleich zum Vorquartal um 0,3 Prozent zu und damit weniger als erwartet.

Die fünf Hauptakteure bei den Brexit-Verhandlungen

David Davis

Den Posten von David Davis (68) hat es zuvor nie gegeben - er ist der britische Brexit-Minister, soll also den Ausstieg seines Landes aus der EU managen. Der EU-Kritiker gilt als erzkonservativ, sprach sich für die Todesstrafe und gegen die Gleichstellung von Homosexuellen aus. Er hat kein Problem damit, sich auch mal gegen seine eigene Partei zu positionieren. Wegen seiner Unnachgiebigkeit trägt er den Spitznamen „Monsieur Non“. Stück für Stück kämpfte er sich nach oben: Davis war Versicherungsangestellter, studierte Informatik und war 17 Jahre lang in einem Lebensmittelkonzern beschäftigt. Seit 30 Jahren sitzt der Konservative im britischen Parlament und war zeitweise auch Staatssekretär für Europafragen im Außenministerium. Davis ist verheiratet und hat drei Kinder.

Tim Barrow

Eine Führungsrolle auf britischer Seite nimmt Tim Barrow ein, der erst seit vergangenem Januar EU-Botschafter Großbritanniens in Brüssel ist. Der 53-Jährige gilt als pragmatischer Problemlöser, der sich nicht scheut, die Wahrheit zu sagen. Barrow kann auf eine mehr als 30-jährige Karriere als Diplomat zurückblicken, Kollegen loben seinen Erfahrungsschatz. Von 2011 bis 2015 war der vierfache Vater Botschafter in Russland, von 2006 bis 2008 in der Ukraine. Zuletzt arbeitete er als politischer Direktor im Londoner Außenministerium. Auch auf Brüsseler Parkett bewegt sich Barrow sicher. Sein Vorgänger Ivan Rogers trat frustriert von seinem Amt als EU-Botschafter zurück. Rogers warf der britischen Regierung Mangel an „ernsthafter, multilateraler Verhandlungserfahrung“ vor.

Michel Barnier

Auf EU-Seite ist Verhandlungsführer Michel Barnier einer der wichtigsten Köpfe der anstehenden Austrittsgespräche. Dafür bringt der 66-jährige Franzose reichlich Erfahrung mit: Er hatte verschiedene Ministerposten in Frankreich und war zweimal EU-Kommissar. In Großbritannien hat seine Ernennung keine Freude ausgelöst, denn als Binnenmarkt-Kommissar war er von 2010 bis 2014 für die Bankenregulierung zuständig - was ihm am Finanzplatz London wenig Freunde machte. Zuletzt tourte Barnier durch die Hauptstädte Europas, um vorbereitende Gespräche mit den Regierungen der verbleibenden 27 EU-Staaten zu führen. Die Brexit-Verhandlungen selbst will er gerne bis zum Oktober 2018 abschließen. Barnier ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Didier Seeuws

Didier Seeuws (51) wird sein ganzes in einer langen Diplomatenkarriere erworbenes Taktgefühl brauchen. Er soll die Brexit-Gespräche für den Rat, also die Vertretung der EU-Staaten, verfolgen. Sprachrohr und Chefunterhändler der EU ist zwar Barnier. Seeuws - oder ein Stellvertreter - darf bei den Gesprächen aber anwesend sein. Delikat dürfte für den Belgier die Leitung einer speziellen Arbeitsgruppe im Rat werden: Dort sind alle EU-Staaten außer Großbritannien vertreten. Seeuws wird sie über den Stand der Verhandlungen auf dem Laufenden halten - und wohl seinerseits dabei helfen, Einigkeit unter den Ländern herzustellen. Immerhin, mit unterschiedlichen Interessenlagen in Europa kennt Seeuws sich aus: Er war unter anderem belgischer Botschafter bei der EU und Kabinettschef des früheren Ratspräsidenten Herman Van Rompuy.

Guy Verhofstadt

Der Belgier Guy Verhofstadt ist eindeutig der schillerndste Brexit-Beauftragte auf EU-Seite. Der Chef der liberalen Fraktion im Europaparlament ist ein glühender und streitlustiger EU-Verfechter. Wenn es nach ihm ginge, dann würde das Staatenbündnis deutlich enger zusammenwachsen und dabei ordentlich Tempo machen. Regierungserfahrung bringt der heutige Abgeordnete auch mit: In seinem Heimatland Belgien war er neun Jahre lang Ministerpräsident. Verhofstadts Einfluss auf die Gespräche ist indes eher begrenzt: Der 63-Jährige ist der Verbindungsmann des EU-Parlaments. Die Abgeordneten müssen dem Verhandlungsergebnis zwar am Ende zustimmen, den Verlauf der Austrittsgespräche werden aber wohl eher die EU-Kommission und die Staaten bestimmen.

Volkswirte erklärten das unter anderem mit höheren Preisen. Denn die Währungsschwäche seit dem Brexit-Referendum trieb die Inflation nach oben. Die Verbraucherpreise kletterten im März auf das höchste Niveau seit September 2013 und verharrten im April bei 2,3 Prozent. Das schmälert die Kaufkraft der Briten. Doch Carney erwartet, dass die Abkühlung der Wirtschaft nicht lange andauern wird.

Angesichts der Pfundschwäche hat die Bank of England aber ihre Inflationserwartungen erhöht – von 2,4 auf 2,7 Prozent. Das ist zwar deutlich über dem von der Notenbank angepeilten Ziel von zwei Prozent. Doch Carney erwartet, dass die Inflation in den nächsten zwei Jahren wieder sinkt und einen Wert von leicht über 2,1 erreicht.

Kommentare (1)

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Herr Tom Schmidt

11.05.2017, 16:04 Uhr

Ach... die lieben Volkswirte berechnen aber bei Wachstumszahlen nie Inflationsraten mit ein! Es werden die Geldmengen eines Vorjahres mit dem dann aktuellen Jahr verglichen und eine %-Zahl ausgerechnet... Es wäre vollkommen richtig, wenn in die Rechnung eine Inflationskorrektur einfliessen würde, aber dann müßte man ja ehrlich sein.... und es würden unangenehme Fragen entstehen... für Banker, Regierungen und Gewerkschaften... Otto Normalbürger würde feststellen, dass bei ihm praktisch nichts wächst, nur er arbeitet für die anderen...

Daher: ein schwächeres Wirtschaftswachstum wegen Inflation? Hat Herrn Draghi schon mal jemand gesagt, dass es sowas gibt? In GB wäre das aber sehr seltsam, da die natürlich dasselbe Geld ausgeben, nur weniger bekommen. Nachdem sie aber selbst wenig herstellen, sollte das gar nicht so dämpfen.

Die Frage nach dem Brexit ergibt sich doch aus der Wirtschaftsstruktur in GB. Der Moloch London, der Geld druckt und Finanzdienstleistungen verkauft. Verliert der seinen EU-Markt, wird er implodieren, GB ist zu klein, die Commonwealth-Staaten wollen auch selbst diese Dienstleistungen anbieten, wieso sollen sie das über einen kleineren Standort London machen? Der Rest von GB ist de-industrialisiert (überspitzt formuliert), am Land arbeiten 30% im öffentlichen Dienst... sprich dem Land fehlt dann ein Geschäftsmodell, und Realwirtschaft kann man nicht per Knopfdruck "anschalten". Also lasst die Briten gehen, die kommen (ärmer) wieder...

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