Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.09.2016

09:33 Uhr

Bank of Japan passt Geldpolitik an

Zwei Prozent Inflation – um jeden Preis

VonMartin Kölling

Die japanische Notenbank rührt zwar nicht an den negativen Zinsen – ihre Geldpolitik bleibt weiter locker. Doch um ihre Ziele zu erreichen, setzen die Währungshüter auf neue Instrumente. Der Börse ist es recht.

Börse Frankfurt

Japanische Notenbank lässt Anleger jubeln

Börse Frankfurt: Japanische Notenbank lässt Anleger jubeln

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

TokioJapans Notenbank beugt sich der Realität und kündigt nach einer Überprüfung ihrer Politik einen neuen geldpolitischen Rahmen an. So will die Notenbank nicht mehr vorrangig auf die Ausdehnung der Geldmenge durch den Kauf von japanischen Staatsanleihen (JGBs) setzen. Stattdessen macht sie das Management der Zinsen von JGBs unterschiedlicher Laufzeiten, die so genannten Zinskurve, zu einem zentralen Instrument ihrer Politik.

So gab sie als ein Ziel aus, die Zinsen für JGBs mit zehnjähriger Laufzeit bei null Prozent zu halten. Gleichzeitig verspricht sie, ihre aggressive geldpolitische Lockerung fortzusetzen, bis die Preise über ihr Inflationsziel von zwei Prozent hinausschießen und stabil über der Marke bleiben.

Dies hört sich sehr technisch an, wird in Japan allerdings mit großer Erleichterung aufgenommen. Denn nicht nur verstärkte die Bank von Japan damit ihr Versprechen, langfristig aggressive Geldpolitik zu betreiben. Dies alleine war schon ein Grund, warum nach dem Entscheid der Yen leicht absackte und der Nikkei-Index um 1,9 Prozent auf 16.807 Punkte stieg. Die Notenbanker reagierten auch auf größten Kritikpunkt an ihrer Geldpolitik: die negativen Folgen einer flachen Zinskurve für Japans Banken und Versicherer.

Zentralbanken und Negativzinsen

Japan

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,1 Prozent

Schweiz

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,75 Prozent (15.01.2016)

Einlagenzinssatz für Banken: gestaffelt -0,75 Prozent

Dänemark

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,05 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,65 Prozent

Schweden

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,5 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,5 Prozent

Euro-Zone

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,4 Prozent

Das Problem: Ende Januar hatte die Bank von Japan Minuszinsen auf einen Teil der Einlagen der Banken bei der Notenbank eingeführt. Daraufhin sackten auch die Zinsen für JGBs mit sehr langer Laufzeit fast auf das niedrige Niveau von kurzfristigen und zehnjährigen Anleihen. Zeitweise lag selbst der Zins von 30-jährigen JGBs im Minus. Überspitzt gesagt hörte damit in Japan Geld endgültig auf, zu arbeiten.

Doch eine derart flache Zinskurve ist nicht nur sehr ungewöhnlich, sondern auch problematisch. Normalerweise verläuft die Zinskurve „steiler“. Das heißt, je länger die Laufzeiten von Anleihen sind, desto stärker steigen die Zinsen.

Flacht sich die Kurve extrem ab, ist das zwar kurzfristig gut für den immerhin mit 240 Prozent der jährlichen Wirtschaftskraft verschuldeten Staat, da sein Schuldendienst sinkt. Aber es schuf in Japan Probleme an anderen Stellen – vor allem bei den Finanzinstituten und der Notenbank selbst.

Bank of Japan-Kritikerin Shirai: „Europa ist in weit besserer Position als Japan”

Bank of Japan-Kritikerin Shirai

Premium „Europa ist in weit besserer Position als Japan”

Die ehemalige Vorzeigefrau im geldpolitischen Ausschuss von Japans Notenbank (BoJ), Sayuri Shirai, geht mit den Ex-Kollegen hart ins Gericht. Im Interview sagt sie, was die Bank falsch macht – und was Europa lernen kann.

Erstens leiden die ohnehin niedrigen Gewinne von Japans Banken und Versicherern noch stärker als unter der Nullzinspolitik, erklärte Sayuri Shirai, das ehemalige Mitglied im geldpolitischen Ausschuss der Bank von Japan, jüngst im Handelsblatt-Interview. Nicht nur drückt der Minuszins beispielsweise bei Banken die Kreditzinsen, die sie von Unternehmenskunden verlangen können. Auch der Handel mit langfristigen Anleihen lohnt sich weniger, die aber ein extrem wichtiges Anlageinstrument für Banken und besonders Lebensversicherer sind.

Dies wiederum führt zweitens dazu, dass die Notenbank immer größere Probleme bekommt, am Markt JGBs zu kaufen, warnt Shirai. Die Liquidität sei ohnehin niedrig, weil die Notenbank bereits jährlich für 80 Billionen Yen JGBs kaufe und fast 40 Prozent der ausstehenden Staatsanleihen besitze. Nun sinke sie weiter, weil die Institute noch weniger Anreize hätten, am Handel teilzunehmen.

Ein Beispiel: Im August sank der Handel von Japans Großbanken mit JGBs und Unternehmensanleihen auf 1,7 Billionen Yen und damals erstmals unter die Grenze von zwei Billionen Yen. Dies geht aus einer jüngst veröffentlichten Statistik der Vereinigung japanischer Wertpapierhändler hervor. Das Dilemma der Notenbank wurde noch dadurch verschlimmert, dass ihre beispiellose Geldschwemme nicht mehr zu wirken schien.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Holger Narrog

21.09.2016, 09:50 Uhr

Früher hatte ich gemeint die Japaner sind klug und weise. Im Kontakt stellt man fest dass die Japaner genauso durch Emotionen gesteuert werden. Sie lässt sich mindestens ebenso gut wie die Deutsche Bevölkerung zu Lasten der eigenen Interessen manipulieren.

Angesichts der Alterung der japanischen Bevölkerung und der wichtigen Bedeutung der Geldersparnisse zur Altersversorgung ist es für mich vom Verstand nicht nachvollziehbar dass die Bevölkerung derartige Experimente an der eigenen Währung duldet. Eine extreme Geldschöpfung führt zu einem Geldüberhang der Inflation, Inflationsschübe, völligen Vertrauensverlust auslösen kann. Bei einem Kollaps der Währung steht ein erheblicher Teil der Bevölkerung vor dem Nichts.

In Fukushima hat es im Zuge eines Erdbebens mit Tsunami auch Reaktorunfälle mit sachlich gesehen sehr geringen Folgen gegeben. Diese Reaktorunfälle haben zusammen mit einer sehr unglücklichen Kommunikation eine Atompanik ausgelöst die > 100 Mrd. € Schaden für eine sinnlose Evakuierung etc. gekostet hat. Das Nicht - Wiederanfahren von knapp 50 umweltfreundlichen Kernkraftwerken kostet die Gesellschaft jährlich einen 2-stelligen Milliardenbetrag.

Lediglich in der Einwanderungspolitik scheint man in Japan etwas weiser zu sein als in D. Soweit mir bekannt hat man letztes Jahr 14 Asylbewerber aufgenommen.

Baron v. Fink

21.09.2016, 09:57 Uhr

Das sind Leute mit Überblick in Japan. Inflation rauf, Aktien halten und Dividen kassieren.
So kann man sich entschulden und der Pöbel zahlt das Ganze über höhere Steuern.
Das nennt sich Gerechtigkeit, denn wir Investoren tragen das Risiko und der Prol erhält
seinen Arbeitsplatz. Das ist ein glänzendes Vorbild für die EZB die viel zu wenig für
uns Aktionäre tut. Die Regel lautet, mehr Geld, mehr Arbeit, höhere Gewinne, vorwärts
Herr Draghi wir Finken wollen Dividenden sehen.

Herr Christoph Weise

21.09.2016, 10:04 Uhr

Die Manipulationen der japanischen Zentralbank (ebenso wie der EZB und der FED) ersetzen die Selbstregulierungsmechanismen der Marktwirtschaft durch Planwirtschaft, zerstören wirtschaftliches Wachstum und führen zu einer globalen Altersarmut. Die Ursachen dieser Fehlentwicklung liegen in einer mangelnden Ausbildung der Zentralbanker und in dem Fehlen jeder Kontrolle über diese Institutionen, welche demokratisch nicht legitimiert sind. Irgendwann wird man sich besinnen müssen und diese Institutionen schließen. Sonst wird es immer weiter bergab gehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×