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30.07.2012

15:54 Uhr

Affären der Geldhäuser

„Banken akzeptieren, dass Skandale auftreten“

VonRobert Landgraf

Aus Gier trieb Nick Leeson die Barings Bank in den Ruin. Nun prangert ausgerechnet der Skandalhändler die lasche Aufsicht an - und rügt die Deregulierung der Finanzbranche. Das habe eine fatale Risiko-Kultur entfacht.

Nick Leeson: Seine Machenschaften brachten die Barings Bank zu Fall.

Nick Leeson: Seine Machenschaften brachten die Barings Bank zu Fall.

Handelsblatt: Herr Leeson, Sie haben mit Milliardenverlusten die Privatbank Barings vor gut eineinhalb Jahrzehnten in die Pleite getrieben. Was sagen Sie vor diesem Hintergrund zu Betrügereien beim Libor?
Nick Leeson: Ich war geschockt. Sehen Sie, ich wurde in Singapur 1999 aus der Haft entlassen, wo ich die Strafe für meine Fehlspekulationen verbüßte. Zu den ersten Fragen danach gehörte immer: Kann so etwas wieder passieren? Da ich weiß, wie die Kontrolleure im Jahr 1995 alle Zweifel, jeden Verdacht ausgeblendet hatten, als ich mit Derivaten ein Riesenrad drehte und Verluste machte, dachte ich eigentlich: So viel Inkompetenz kann es nicht mehr geben. Aber ich werde immer wieder eines Besseren belehrt. Seit meinen Milliardenverlusten durch Derivate gab es massenweise Skandale. Ich erinnere nur an den Fall des Wertpapierhändlers Kweku Adoboli von UBS, der Milliarden ebenso verspielte wie der französische Skandalbanker Jérôme Kerviel von Société Générale.

Das kann ausgerechnet Sie schocken?
Ja, immer wieder aufs Neue. Der Libor-Skandal besitzt allerdings eine neue Qualität. Ich bin erschrocken vom Weg und der Methode, wie der Betrug ablief. Hier handelt es sich um einen globalen Skandal, um einen internationalen Händlerring, in dem viele unterschiedliche Banken von Rang und Namen wie Barclays, aber auch die Deutsche Bank verwickelt sind. Es geht nicht mehr nur um einzelne Personen wie etwa in meinem Fall. Als ich den Bankenberuf 1987 erlernte, war der Referenzzinssatz Libor so etwas wie der "Heilige Gral" des Bankenwesens, ein Zinssatz, der sehr wichtig im Geschäft der Geldhäuser ist. Was ich aus dem Fall, aus den vielen Beteiligten herauslese, ist ein erschreckender Kulturwandel in den Banken.

Sind Banken nicht lernfähig?
Bei mir kommt das Gefühl auf, dass die Banken mehr als jede andere Branche akzeptieren, dass Skandale auftreten. Sie glauben offenbar, das passiert nur dem Konkurrenten und nicht mir. In der Psychologie nennt man das einen fundamentalen Zuordnungsfehler. An die Banker muss eine klare Botschaft gesandt werden ?

...welche?
Dass so ein Verhalten nicht toleriert wird und harte Strafen nach sich zieht. Ich war geschockt, als ich las, dass einer der Händler der Deutschen Bank, die offenbar in den Zinsskandal verwickelt sind, inzwischen für einen der großen Hedge-Fonds arbeitet.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Trifft der Libor-Fall den Finanzplatz London hart, der mit New York um die weltweite Führerschaft rangelt?
Absolut. Deswegen würde London den Fall am liebsten totschweigen. Es gibt nicht nur die Finanzplätze London und New York. Auch nach Hongkong oder Frankfurt kann schnell Geschäft abwandern.

Kommentare (8)

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sons_of_liberty

30.07.2012, 16:29 Uhr

Also im Iran wurden gerade 4 Bankiers zur Todesstrafe verurteilt.
Welche Kopplung von Rendite und Risikobereitschaft gibt es für die Angestellten bzw. Vorstände?

Gibt doch genügend Berichte über unsere Staatsanwaltschaften die nicht ermitteln können und teilweise auch sollen.

Es ist doch lächerlich zu behaupten, es wären einige Angestellte die Gesetzesverstöße vorsätzlich begehen, der Fisch stinkt vom Kopf her.

Ein gewisser A.J. wurde für den Direktvertrieb von Schrottpapieren sogar mit nem Platz als CEO belohnt.
Moral und Anstand sieht anders aus, da nützen auch die hochglanz Corporate Governance Broschüren nichts ...

easyway

30.07.2012, 16:53 Uhr

Im Gegensatz zu anderen, hat Nick Leeson etwas dazu gelernt.

Aus Gier hat auch noch niemand eine Bank in den Ruin getrieben. George Soros ist gierig, Warren Buffet, Josef Ackermann, Bill Gates, die EU-Kommission, das Management von Monsanto, McDonalds; BASF, Bayer, Hoechst, die auf ihre Betriebsunfälle und die 10.000den Betroffen quasi koten und einfach desinfomieren; AKW-Betreiber; die Industrie mit ihren Produkten und ihre Kartelle, wegen deren geplanten Obsoleszenzen die Weltmeere zu Müllmeeren aufgeschüttet werden, die in Afrika ihren giftigen Müll entsorgen; Windkraftbetreiber, die aus reiner Gier die unvorteilhafteste und völlig veraltete Technik installieren und damit Deutschland in ein Schlagschatten- und heulendes Terrorgebiet verwandeln, die Ölindustrie, Google, Facebock, der nimmersatte Aktionär.

Marcel Reich-Ranicki war auch unbeliebter Kritiker - und bekam eine Fernsehshow, Dieter Bohlen. Bitte meldet Euch!






elsaesser

30.07.2012, 18:39 Uhr

Solange die Wahlkampagnen ,besonders in den USA und Grossbritanien , so enorme Summen verschlingen die nur von der Finanzwelt zu Verfûgung gestellt werden können ist keine Änderung zu erwarten .Die Bankenregulierung ist eine Fata Morgana .Die Politiker haben ihre Seele für den Preiss ihrer Wiederwahl verkauft. Wenn Goethe heute leben würde müsste er einen neuen Faust schreiben.
Der Skandal ist in der Zwischenzeit der : die Bänkster betrügen ihre Kunden , ihre Aktionnäre und die gesamte Volksgemeinschaft .

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