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19.07.2011

13:02 Uhr

Angst vor Staatspleiten

Nervöse Banken leihen sich Unmengen Geld

Europas Banken sind vor dem EU-Sondergipfel hochnervös. Das belegt die Tatsache, dass sie die EZB anzapfen wie lange nicht mehr. Eine Staatspleite von Griechenland würde insbesondere deutsche Institute hart treffen.

Da es für viele Banken schwieriger werden dürfte, sich am Markt zu refinanzieren, greifen sie auf die EZB zurück. Quelle: dpa

Da es für viele Banken schwieriger werden dürfte, sich am Markt zu refinanzieren, greifen sie auf die EZB zurück.

Frankfurt Vor dem EU-Sondergipfel zu Griechenland haben sich am Dienstag die Banken am europäischen Geldmarkt wieder reichlich mit Euro eingedeckt. „Das ist die allgemeine Verunsicherung über das, was am Donnerstag beim Gipfel herauskommen könnte“, sagte ein Händler. „Seit letzter Woche steht ja auch Italien am Pranger, und für viele Banken dürfte es immer schwieriger werden, sich am Markt zu refinanzieren“, fügte ein anderer hinzu. „Dann gehen sie lieber gleich zu EZB und decken sich ein.“ Sicherheitsdenken werde wieder ganz groß geschrieben, fügte ein dritter hinzu.

Die Notenbank teilte 291 Banken und Sparkassen 197 Milliarden Euro zu - deutlich mehr als aus dem Vorwochentender mit 153,6 Milliarden Euro fällig wurden. Auch von Reuters am Wochenanfang befragte Händler hatten im Schnitt mit einer Zuteilung von nur 155 Milliarden Euro gerechnet. Die EZB selbst schätzt den Liquiditätsbedarf der Banken aufgrund von autonomer Faktoren wie Steuerabflüssen mit lediglich 95 Milliarden Euro ein. 

Die Tagesgeldsätze rutschten auf rund 1,40 Prozent von bis zu 1,45 Prozent am Vortag ab. Da die Liquidität reichlich sei, dürften die Sätze im Tagesverlauf weiter unter Druck geraten. 

Der hohe Wert belegt, dass die Griechenlandkrise die Institute außerordentlich beschäftigt. Zwar hatten die deutschen Banken beim europäischen Stresstest gut abgeschnitten - kein Institut ist durchgefallen. Doch die Ergebnisse sind nur auf den ersten Blick beruhigend, denn die Aufseher haben in ihrem Krisenszenario keine Staatspleiten durchgespielt. Viel spannender sind daher die Zahlenkolonnen, die die Europäische Bankenaufsicht (Eba) im Rahmen des Tests veröffentlicht hat. Eine Handelsblatt-Analyse der Zahlen zeigt, dass eine Staatspleite in Griechenland die deutschen Banken besonders hart treffen würde.

Maßnahmen gegen die Schuldenkrise

Schäuble Vorschlag

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beharrt auf seinem Vorschlag, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt - also während der Laufzeit - gegen neu Papiere mit längerer Laufzeit zu tauschen. Im Gespräch ist eine Verlängerung der Laufzeit der  Staatsanleihen privater Gläubiger um sieben Jahre. Dabei sollen die Gläubiger die vereinbarten Zinssätze erhalten.  

Damit die Rating-Agenturen dies nicht als Zahlungsausfall Griechenlands werten, sollen sich die privaten Gläubiger auf freiwilliger Basis beteiligen. Unklar ist jedoch, wie Schäuble genug Gläubiger dazu bewegen will, sich an einer solchen freiwilligen Lösung zu beteiligen.

Kauf von Anleihen durch den Euro-Rettungsfonds

Der Euro-Rettungsfonds (EFSF) könnte künftig auch Staatsanleihen von Privatgläubigern zum aktuellen Marktwert kaufen oder Schuldenländern den Rückkaufeigener Anleihen ermöglichen. Derzeit sind die Marktpreise für die Staatsanleihen der Schuldenländer deutlich unter den Ausgabekursen. Deshalb könnte auf diese Weise der Privatsektor indirekt an den Rettungskosten beteiligt werden.

Diskutiert werden zwei Varianten: Entweder der EFSF kauft die Schulden selbst auf oder er gibt Kredite an Griechenland, dessen Regierung dann den Rückkauf betreibt. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wäre der EFSF rechtlich dazu in der Lage. Für Griechenland würde sich die Finanzlage stark verbessern. Doch die Geberländer müssten viel Geld in die Hand nehmen. Und: Die Ratingagenturen würden dies vermutlich als Kreditausfall werten.

Im vergangenen Jahr hat bereits die Europäische Zentralbank (EZB) massiv Anleihen gekauft. Sie will jedoch keine weiteren Risiken eingehen. Außerdem stellt sich die EZB gegen Vorschläge zur Beteiligung des Privatsektors an der Griechenland-Rettung, weil sie ansonsten auf ihre eigenen Anleihen Abschreibungen bilden müsste.

Der Ackermann-Plan

Der Plan des von Josef Ackermann geführten internationalen Bankenverbandes IIF sieht ein freiwilliges, von Griechenland selbst organisiertes Rückkaufangebot für Staatsanleihen vor.

Ein solcher Schritt würde lediglich solche Banken treffen, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten. Sie müssten bei einem Rückkauf Abschreibungen in Kauf nehmen. Nicht betroffen wären hingegen Institute, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben.

Der Schuldenrückkauf  würde nach Überzeugung des IIF keinen begrenzten Zahlungsausfall auslösen. Offen ist wer Griechenland den Schuldenrückkauf finanzieren soll.  Hier käme neben der EZB nur der europäische Rettungsschirm EFSF in Frage.

Bankenabgabe

Die Gläubiger kaufen freiwillig neue Griechenlandanleihen. Das zweite Hilfspaket für Griechenland wird aus einer Bankenabgabe oder aus einer Finanzmarktsteuer finanziert. Vorteil: Der EFSF bekäme zusätzlich Geld, ohne dass die Haushalte der Euro-Länder dadurch belastet werden. Nachteil: Bankenabgabe und die Finanzmarktsteuer sind in der EU stark umstritten. Und die griechische Schuldentragfähigkeit würde kaum verbessert. Die Ratingagenturen sehen dies wohl nicht als Zahlungsausfall.

Französisches Modell

Die französischen Banken haben ein Modell in die Diskussion gebracht, bei dem Griechenland seine auslaufenden Anleihen vollständig tilgt. 30 Prozent der Tilgungssumme sollen die Investoren direkt ausgezahlt bekommen. Die restlichen 70 Prozent des zurückgezahlten Geldes müssen sie in neue Griechen-Bonds mit 30-jähriger Laufzeit anlegen.

Die Banken haben verschiedene Varianten des Modells ins Spiel gebracht. Sie unterscheiden sich darin, inwieweit die anderen Euro-Staaten das Ausfallrisiko der verbliebenen Anleihen übernehmen.  Außerdem geht es um die Frage, wie die verbliebenen Papiere verzinst werden sollen. Im Gespräch ist ein Zinsbonus, der sich nach dem griechischen Wirtschaftswachstum richtet.

Entscheidend dafür, welches Modell sich am Ende durchsetzt, ist vor allem das Urteil der Rating-Agenturen. Für das französische Modell hat die Rating-Agentur Standard & Poors bereits signalisiert, dass sie dies als teilweisen Zahlungsausfall werten könnte. Eine Bewertung als Zahlungsausfall wollen die Euro-Länder unbedingt verhindern. In diesem Fall müssten Banken und Versicherungen Abschreibungen bilden und die Kreditausfallversicherungen (CDS) würden fällig – mit unkalkulierbaren Risiken für das Finanzsystem.

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Eurobonds

Dahinter steht die Idee, dass alle Euro-Länder gemeinsame Anleihen ausgeben - für die sie gemeinsam garantieren. Durch das geringere Ausfallrisiko würde die Zinslast für die Schuldenländer sinken. Unklar ist jedoch, was dies für die Euro-Länder mit hoher Kreditwürdigkeit bedeuten würde, wie zum Beispiel Deutschland. Unter Umständen müssten sie für ihre Anleihen dann höhere Zinsen zahlen. Befürworter argumentieren jedoch, dass durch die höhere Liquidität der Anleihe der durchschnittliche Zinssatz für alle beteiligten Länder sinken würde.  

Das Modell wird in verschiedenen Varianten diskutiert. Neben der vollständigen Umstellung auf Eurobonds gibt es auch den Vorschlag, nur solche Schulden in Eurobonds umzuwandeln,  die im Rahmen der Maastrichter-Kriterien liegen.

Brady-Bonds

Der US-Finanzminister Nicholas Brady entschärfte die Lateinamerika-Krise 1989 dadurch, dass ausstehende Anleihen südamerikanischer Länder in solche mit sehr langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen umgetauscht wurden. Als Sicherheiten dienten US-Staatsanleihen.

Blessing-Vorschlag

Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, hat sich für einen Forderungsverzicht der Banken von 30 Prozent ausgesprochen. Die übrigen 70 Prozent sollen die Institute in Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit tauschen, die von EU-Institutionen garantiert würden. Der Zins soll für diese Bonds nur 3,5 Prozent betragen. Der Vorschlag folgt der Logik der Brady-Bonds.

Fast ein Drittel der gesamten Staatsschulden der Euro-Problemstaaten Griechenland, Irland und Portugal stecken im europäischen Bankensystem. Die deutschen Banken sind dabei vor allem in Griechenland stark exponiert. Sie halten 8,8 Milliarden Euro an Griechenland-Anleihen. Das sind neun Prozent aller griechischen Bonds, die im EU-Bankensystem stecken. Damit sind die deutschen Banken der größte Auslandsgläubiger. Auf Platz zwei folgen die französischen Banken - sie haben acht Prozent aller Griechenland-Papiere (7,9 Milliarden Euro) in ihren Büchern.

Kommentare (4)

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Juma

19.07.2011, 13:20 Uhr

Es ist für den Steuerzahler günstiger nur systemrelevante Banken unter harten und strengen Bedingen direkt zu unterstützen, als weiter riesige "Rettungsschirme" aufzuspannen. Dies beinhaltet auch den Mut, Institute Pleite gehen zu lassen

CharlyW.

19.07.2011, 14:49 Uhr

Wenn ich möglicherweise morgen kein Geld mehr bekomme, dann hole ich heute so viel wie ich bekommen kann. Was der Privatmann macht das machen die Banken halt ebenso. Morgen könntes es zu spät sein. Eine Art Bankenrun der Banken. Der Privatbankenrun könnte folgen sobald die Erkenntnis Allgemeingut geworden ist. Mal abwarten, habe vorgesorgt.

MaWo

19.07.2011, 18:09 Uhr

Hallo,
damit machen Banken genau das was die Bürger nicht machen sollen, weil es sonst zum Kollaps kommen kann.

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