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24.01.2008

17:57 Uhr

Auf den Spuren von Nick Leeson

Kleiner Händler verzockt ganz großes Geld

Ein kleiner Aktienhändler aus Paris hat die Kontrollsysteme der großen Société Générale systematisch ausgetrickst und damit die französische Bank ins Wanken gebracht. Mit den durch den Betrugsfall erlittenen Verlusten von 4,9 Milliarden Euro kommt das Institut dabei offenbar noch gut weg. Denn es hätte alles noch viel schlimmer kommen können, wie erste Details über das Vorgehen des Mannes zeigen. Bankexperten reagierten mit Kopfschütteln auf die Enthüllungen.

Firmenschild vor der Zentrale der Societe Generale in Paris: Für die französische Großbank hätte alles offenbar noch viel schlimmer kommen können.

Firmenschild vor der Zentrale der Societe Generale in Paris: Für die französische Großbank hätte alles offenbar noch viel schlimmer kommen können.

ali/mr/HB PARIS. Die Société Générale erklärte am Donnerstag, einen "außergewöhnlichen Betrug" in einer Handelssparte aufgedeckt zu haben. Ein in Paris ansässiger Händler habe unverhältnismäßig riskante Wetten auf Aktienindizes verschleiert. Beim Abbau dieser Positionen hat die Bank einen Milliardenverlust eingefahren.

Eine genaue Summe nannte die Bank nicht. Allerdings ist davon auszugehen, dass der Betrag in den zweistelligen Milliardenbereich ging. Denn nach der Entdeckung am Wochenende entschloss sich die Bank, sofort reinen Tisch zu machen und die Positionen abzubauen. Das ging aber erst ab Montag, und da stürzten die Aktien auf breiter Front ab. "Pech gehabt", sagte Bankchef Daniel Bouton in Paris. "Das ist Murphys Gesetz": Wenn etwas schief läuft, läuft alles schief. Weil die Kurse fielen, summierten sich die Verluste bis Mittwoch auf 4,9 Milliarden Euro. Die Pariser Staatsanwaltschaft hat jetzt Ermittlungen aufgenommen.

Weil die Bank befürchten musste, dass der Markt gegen ihre Positionen wetten würde und damit der Bestand des Instituts in Gefahr geraten könnte, machte sie den Skandal erst nach Abschluss dieser Transaktionen bekannt. "Hätten wir am Montagmorgen gesagt, wie die Lage ist, wären die Verluste zehn Mal so hoch gewesen", sagt Bouton. "Es war unsere Pflicht, die Risikopositionen so schnell wie möglich glattzustellen." Es ist einer der schwersten Fälle in der Finanzgeschichte und erinnert an den britischen Händler Nick Leeson, der 1995 mit massiven Fehlspekulationen die Handelsbank Barings zu Fall gebracht hatte.

Nach Angaben von Société Générale handelte der mit sogenannten Plain-Vanilla-Futures auf europäische Aktienindizies. Plain-Vanilla-Papiere sind Standard-Optionsscheine, die als eigenständiges Wertpapier gehandelt werden können. Der Händler habe es geschafft, die Positionen durch ein System "komplizierter fiktiver Transaktionen zu verbergen", teilte die Bank mit. Die Verschleierung der Geschäfte sei "extrem ausgefeilt und durchdacht" gewesen, erklärte Bouton.

Dafür hatte der Mann, der seit Mitte 2005 als Aktienhändler für die Bank arbeitet, innerhalb des Instituts eine fiktive Firma installiert. Seine Aktivitäten fielen nicht auf, weil er für dieses Unternehmen ein fiktives Orderbuch führte, in dem er Verkäufe und damit entsprechende Gegenpositionen verzeichnete. Den Saldo der Positionen hielt er stets so gering, dass die Kontrollsysteme keinen Alarm schlugen. Zudem passte er seine Positionen ständig an und veränderte sie. Der Schwindel schlug unmittelbar vor dem vergangenen Wochenende auf, weil er einen Fehler machte: Der Händler, ein Mann in den 30ern, schloss eine Position nicht richtig, so dass er sein Limit überschritt und damit eine Meldung auslöste.

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