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17.07.2015

07:41 Uhr

Bafin zum Libor-Skandal

Der große Deutsche-Bank-Mängelreport

VonFrank Wiebe

Von wegen Kulturwandel. Ein Brief der Aufsicht Bafin listet minutiös die Verfehlungen einzelner Top-Manager der Deutschen Bank auf. Der Vorwurf: Gewinnen zuliebe habe man Zinsmanipulationen billigend in Kauf genommen.

Die Aufsicht Bafin wirft einzelnen Top-Manager Fehlverhalten im Zusammenhang mit Zinsmanipulationen vor. dpa

Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt

Die Aufsicht Bafin wirft einzelnen Top-Manager Fehlverhalten im Zusammenhang mit Zinsmanipulationen vor.

New YorkAlles sollte besser werden nach der großen Finanzkrise. „Kulturwandel“ war das Schlagwort der Banken. Nicht mehr der Gewinn allein sollte zählen, sondern auch das Risiko – und die Art und Weise, wie der Gewinn erwirtschaftet wurde. Aber ein 37-seitiger Brief der Deutschen Finanzaufsicht (Bafin) an die Deutsche Bank, der jetzt ist in allen Details veröffentlicht wurde, stellt dem Geldhaus ein vernichtendes Urteil aus.

In den Jahren vor der Krise 2008, so heißt es darin, hat die Bank durch eine Umorganisation die Weichen für die Manipulation der Interbanken-Zinssätze gestellt. Nachdem bereits öffentlich darüber berichtet wurde, hat sie nicht reagiert. Und als die Aufsichtsbehörden sich einschalteten, hat sie unvollständig oder falsch informiert, heißt es in dem Schreiben vom 11. Mai 2015, das das „Wall Street Journal“ online veröffentlicht hat.

Die Bank hat inzwischen auf den Bericht geantwortet und einige der Vorwürfe zurückgewiesen. „Wir haben einen hohen Preis gezahlt und bedauern zutiefst das Fehlverhalten“, heißt es in einer Stellungnahme. Allerdings drohen weitere aufsichtsrechtliche Konsequenzen.

In dem Schreiben greift die zuständige Abteilungsleiterin der Bafin, Frauke Menke, neben dem damaligen Bankchef Anshu Jain auch weitere Führungskräfte an, etwa den damaligen Finanzvorstand Stefan Krause, den damaligen Rechtsvorstand Stephan Leithner, den amtierenden Risikovorstand Stuart Lewis und den Chefjustitiar Richard Walker. Krause und Leithner sitzen auch heute noch im Vorstand des Geldhauses, allerdings mit anderen Zuständigkeiten.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Auch der frühere Bankchef Josef Ackermann wird dafür kritisiert, Hinweise auf Fehlverhalten nicht beachtet zu haben, ebenso der ehemalige Risikovorstand Hugo Bänziger. Ackermann und Bänziger wurden oft dafür gepriesen, die Bank sicher durch die Finanzkrise gebracht zu haben.

Das Schreiben der Bafin zeichnet minutiös nach, wann welche Verdachtsmomente aufgetaucht sind und welche Reaktionen es gab – oder auch nicht gab. Zwei Punkte tauchen dabei immer wieder auf. Erstens: Anshu Jain, der vor kurzem als Bankchef gehen musste, war organisatorisch und auch von seinen persönlichen Beziehungen sehr nah dran an den Vorgängen. Und zweitens: So lange die Kasse stimmte, hatte niemand ein Interesse genauer zu klären, wie die Erträge zustande kamen. „Der Fokus lag klar auf den Gewinnen und nicht darauf, dass die Angestellten sich an geltende Regeln hielten“, heißt es.

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Jain war demnach für eine neue Organisation der Handelsabteilung zuständig, bei der ganz offensichtlich das Geschäft am Interbanken-Markt und die Bereitstellung der Informationen für den offiziellen Zinssatz, den Libor, miteinander vermengt wurden.

Kommentare (9)

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Herr Manfred Zimmer

17.07.2015, 09:16 Uhr

"Der Vorwurf: Gewinnen zuliebe habe man Zinsmanipulationen billigend in Kauf genommen. "

Zwei Anmerkungen dazu:
Seit wann gab es diese Manipulationen und weshalb hat die BAFin diese Manipulationen nicht zeitnah festgestellt?

In was unterscheiden sich diese Manipulationen von den Marktmanipulationen der EZB? Der Zins ist doch auch von ihr und nicht vom Markt bestimmt.

Wer im Glaushaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!

Herr Helmut Weinberg

17.07.2015, 09:19 Uhr

Draghi will (unrechtmässig) Staatsanleihen aufkaufen und ausbezahlen - bis die Inflation 2 % ist. Das ist indirekte Staats-Finanzierung und VERBOTEN !!

Ausserdem geht das von der EZB ausbezahlte (Steuerzahler-)Geld zumeisst direkt in die Aktienmärkte und BLÄHT sie weiter auf. Mit Inflations-Steigerung hat das also garnichts zu tun ! Draghi trixt die Bürger wiedermal aus und verschuldet uns immer weiter.

SCHWEINEREI !

Herr Lui Kators

17.07.2015, 09:42 Uhr

Ein großes Ziel in der Strategie der angelsächsischen Hochfinanz besteht darin, den deutschen Bankenmarkt zu knacken, der vor allem von den gemeinnützigen Sparkassen und von den Volksbanken dominiert wird. Denn bislang sorgen diese für zu niedrige Preise, was der Hochfinanz ein Dorn im Auge ist.

Weil das auf dem Weg des Wettbewerbs nicht gelungen ist, bekämpfen Goldman Sachs, Deutsche Bank & Co. die Regionalbanken nun über die Aufsichtsschiene. Federführend ist hier der Goldman-Büttel Draghi, der den widerborstigen, der breiten Bevölkerung dienenden Wettbewerbern als Boss der europäischen Bankenaufsicht mehr und mehr schikanöse Knüppel zwischen die Beine wirft.

Merkel und Schäuble haben Draghi inthronisiert und lassen ihn gewähren. Damit tragen sie große Verantwortung an der Zerstörung des auf Geimeinnützigkeit ausgerichteten deutschen Bankensystems.

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