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23.09.2011

10:14 Uhr

Banken in Bedrängnis

Der Fluch des festen Gehalts

Niedrigere Boni und höhere Festgehälter: Die neuen Vergütungsregeln für Banker sollten die Spekulation eindämmen, doch nun werden sie zum Problem für die Branche. Es drohen massive Entlassungen.

Bankentürme in der Londoner City: Schauplatz unangenehmer Gespräche. AFP

Bankentürme in der Londoner City: Schauplatz unangenehmer Gespräche.

London/DüsseldorfIn den Londoner Bankenbüros werden derzeit viele unangenehme Gespräche geführt. Es geht ums Geld, genauer gesagt ums Gehalt, und die Banken setzen ihren Mitarbeitern verbal die Pistole auf die Brust. „Die Gespräche laufen so: Wenn du mit weniger zufrieden bist, darfst du bleiben“, sagt Graham Paul, Arbeitsrechtler in der Kanzlei Dundas & Wilson. Wer einer Kürzung seines Gehalts nicht zustimmt, wird gefeuert. 

Die Banken müssen sparen, weil ihre Erlöse sinken. Doch die Personalkosten zu senken ist schwierig. Ausgerechnet eine Regelung, die die Spekulation eindämmen sollte, bringt die Banken nun in Bedrängnis – und sorgt möglicherweise für zusätzliche Entlassungen. 

In der Finanzkrise führten viele Länder neue Regeln zur Bezahlung von Bankern ein, auch Großbritannien. Die Boni wurden gedeckelt. Um ihre Leute halten zu können, erhöhten besonders Investment-Banken die Festgehälter. Und kommen jetzt nur schwer davon runter. Früher reduzierten sie in schlechten Jahren die erfolgsabhängige Vergütung drastisch. Das war damals der mit Abstand größte Block bei den Lohnkosten, die Personalausgaben sanken entsprechend. Doch bei den Festgehältern geht das nicht. 

Spannungen unter Europas Banken und die Folgen

Warum ist das Vertrauen unter den Banken beschädigt?

Dies hat mehrere Gründe und geht letztlich auf die Finanzkrise zurück. Wegen massiver Verluste infolge der 2008 geplatzten Immobilienblase in den USA sind die Banken ohnehin angeschlagen, einige große Institute wären ohne staatliche Hilfe sogar pleite gegangen. Dies erklärt, warum die aktuelle Staatsschuldenkrise eine abermalige Bedrohung für die Banken darstellt: Da Kreditinstitute neben dem Steuerzahler die Hauptfinanzierer von Staaten darstellen, sind auch sie von möglichen Zahlungsausfällen etwa in Griechenland betroffen. Dies lastet auf dem Vertrauen der Institute untereinander.

Woran wird der Vertrauensverlust deutlich?

Ein wichtiges Maß für das Misstrauen der Banken untereinander ist das Geschäft mit der Europäischen Zentralbank (EZB), über das sich die Institute refinanzieren. Eine Möglichkeit besteht darin, sich bei der EZB sehr kurzfristig frisches Geld zu besorgen oder überschüssige Mittel dort anzulegen. Diese eintägigen „Über-Nacht-Geschäfte“ nehmen die Banken normalerweise kaum in Anspruch, da die Konditionen ungünstig sind. So verlangt die EZB für eintägige Ausleihungen derzeit einen Zins von 2,25 Prozent. Für eintägige Einlagen zahlt sie hingegen nur 0,75 Prozent. Im direkten Handel zwischen den Banken - auf dem sogenannten Interbanken- oder Geldmarkt - sind die Konditionen für gewöhnlich deutlich günstiger.

Wie hoch genau ist das Misstrauen der Banken untereinander?

Derzeit misstrauen sich die Banken ungewöhnlich stark, jedoch bei weitem nicht so sehr wie zu Zeiten der Lehmann-Pleite 2008 oder der ersten Zuspitzung der Griechenland-Krise 2010. Seinerzeit war der direkte Kredithandel zwischen den Banken faktisch nicht mehr vorhanden - die EZB musste einspringen und die Institute mit Liquidität versorgen. Damals lag beispielsweise das Niveau der eintägigen Bankeinlagen bei der EZB bei zeitweise 385 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Vor der Finanzkrise im Jahr 2007 betrugen die Einlagen im Durchschnitt gerade einmal 500 Millionen Euro, also rund 0,1 Prozent des Spitzenwerts in der Krise. Aktuell liegt das Niveau der Bankeinlagen bei rund 120 Milliarden Euro, Mitte September lagen sie aber schon einmal bei knapp 200 Milliarden Euro.

Ist das Misstrauen auf Europa begrenzt?

Nein, auch Banken außerhalb des Euroraums misstrauen europäischen Instituten immer mehr. Deutlich wird dies daran, dass etwa US-Banken und Geldmarktfonds immer weniger bereit sind, europäischen Instituten Geld zu leihen. Auch hier muss die EZB einspringen: So bietet sie seit längerem wöchentliche Refinanzierungsgeschäfte in Dollar an, damit die europäischen Banken ihre Geschäfte in den USA weiterführen können. Unlängst hat die EZB sogar zusätzliche Geschäfte mit einer längeren Laufzeit von drei Monaten aufgelegt. Damit will sie die Planungssicherheit der Institute erhöhen.

Welche Probleme ergeben sich aus dieser Situation?

Die größte Gefahr ist ähnlich wie in der Finanzkrise, dass nämlich letztlich das gesamte Bankensystem ins Wanken geraten könnte. Sollte etwa Griechenland pleite gehen, müssten die betroffenen Institute einen erheblichen Teil ihrer griechischen Staatsanleihen abschreiben. Experten gehen zwar davon aus, dass dies für die meisten großen Banken noch verkraftbar wäre. Viel schlimmer aber wären ähnliche Konstellationen in anderen Euro-Ländern. Würden nach Griechenland auch andere Staaten ihre Schulden nicht mehr bedienen können, würde das europäische Bankensystem vermutlich an den Rand des Abgrunds gedrängt werden. Der IWF veranschlagt die gesamten Bankrisiken, die aus der europäischen Schuldenkrise resultieren, auf 300 Milliarden Euro.

Da die Banken nicht mehr flexibel und schnell auf wegbrechende Erträge reagieren können, bleiben ihnen in vielen Fällen nur Kündigungen übrig. Jonathan Nicholson, Managing Director bei der Personalberatung Astbury Marsden in London, hält einen Stellenabbau bei den Investment-Banken für unmittelbar bevorstehend. „Der Bonus-Topf ist kleiner als je zuvor", sagt er der Nachrichtenagentur Bloomberg, „die Festgehälter haben nun einen Anteil von 70 bis 80 Prozent an den gesamten Lohnkosten, also lässt sich weniger denn je mit dem Bonus-Topf machen". Der einzige Weg, die Lohnkosten wesentlich zu senken, sei der Stellenabbau.

Europäische Banken, darunter UBS, Barclays, HSBC, Royal Bank of Scotland und Credit Suisse haben seit Jahresmitte bereits mehr als 70.000 Stellenstreichungen angekündigt - mehr als in den USA, wo die Banken 42.000 Arbeitsplätze abbauen wollen, wie aus Daten von Bloomberg hervorgeht. Doch das dürfte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. "Die reale Kostensenkung wird sich bei den Bonuspools und der Zahl der Mitarbeiter abspielen", sagt Tom Gosling von Pricewaterhouse Coopers in London.

Kommentare (14)

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Oelblase

23.09.2011, 10:28 Uhr

"Die Geister, die ich rief"

Zuerst einmal sind Festgehälter eine eigene Idee der Banken! Keiner hat die Banken dazu gezwungen Festgehälter einzuführen - es war ihre eigene Gier und die geht so

"der Staat droht eine höhere Steuer auf Boni einzuführen, falls trotz Rettungsmaßnahmen (an unsere Bank) unsere Bank hohe Boni zahlt. Ausserdem müssen wir bei hohen Festgehältern weniger Steuern abführen und müssen obendrein die Hilfen nicht zurück zahlen - noch ein grosser Vorteil!
Besonders Steuern sparen macht uns Spaß. Am liebsten würden wir gar keine Steuern zahlen, damit wir die Prostituierten im Bundestag noch kräftiger schmieren können, so dass es noch absurdere Gesetze gibt, die uns in Ruhe weiter zocken lassen."


Und ausserdem verdinen viele Bankangestellten so viel Geld, als ob sie wirklich was großes leisten würden. Dabei ist es so, dass unsere Volkswirtschaft diese Parasiten sich gerade noch leisten kann.

Petra

23.09.2011, 10:41 Uhr

Bei Gehaltsverhandlungen verwiesen unsere Deutschen Banker gerne auf das US-Gehaltsniveau und begründeten damit ihre exorbitanten Gehälter. Nun will keiner mehr etwas davon wissen! Fair wäre es nun, auch die viel zu hohen Gehälter entsprechend zu senken!

herbert1949

23.09.2011, 11:00 Uhr

Ja und ja und ja
Ganoven in Nadelstreifen

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