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14.11.2011

09:19 Uhr

Banken in der Klemme

Griechen räumen ihre Konten leer

VonGerd Höhler

In Griechenland hat der Bank-Run längst begonnen: Aus schierer Geldnot und Angst vor einer Rückkehr der Drachme ziehen die Bürger ihr Geld ab. Nun droht den Instituten das Geld auszugehen - mit dramatischen Folgen.

Passanten vor der Bank of Greece. AFP

Passanten vor der Bank of Greece.

Athen"Ich möchte mein Geld abheben", sagt Theodoros R. Die Kundenberaterin der Marfin Egnatia Bank im Athener Vorort Glyfada wirft einen kurzen Blick zur Decke, als wollte sie sagen: schon wieder einer! Eine Termineinlage von 30000 Euro hat Theodoros R. bei der Bank. Fällig wird das Geld erst in vier Monaten, aber er möchte es jetzt. "Sind Sie unzufrieden mit uns?" fragt die Beraterin. "Nein", sagt der 38-jährige Grieche, "ich möchte nur nicht eines Morgens aufwachen und Drachmen auf dem Konto haben." Die Bankangestellte versucht, den besorgten Kunden zu beruhigen: Ein Ausscheiden aus der Euro-Zone stehe doch gar nicht zur Debatte; außerdem würden bei vorzeitiger Kündigung des Geldes Strafzinsen fällig, warnt sie. Doch der Kunde besteht auf seinem Geld, "und zwar in bar". Die Beraterin muss passen: So viel Geld habe man nicht im Tresor, frühestens "in ein paar Tagen" könne der Kunde sein Geld bekommen. Unverrichteter Dinge verlässt Theodoros R. die Filiale.

So ergeht es jetzt vielen Griechen: Sie blitzen bei den Banken ab, wenn sie größere Beträge abheben wollen. Die Institute kämpfen um jeden Euro. Für Termineinlagen zahlen manche Athener Banken fünf Prozent Zinsen und mehr. So versuchen sie, einen Aderlass zu stoppen, der ihre Existenz bedroht. Der von vielen schon lange befürchtete plötzliche Ansturm auf die griechischen Banken ist zwar bisher ausgeblieben. Aber im Zeitalter des E-Banking muss man nicht mehr vor den Schaltern anstehen.

Planspiel: Euro-Zone ohne Griechenland

Welche Folgen hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?

Die konkreten ökonomischen Folgen eines Euro-Austritts Griechenlands sind kaum vorhersehbar, da es eine vergleichbare Situation bisher noch nicht gegeben hat. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen sowohl für Griechenland als auch für die anderen Länder des Währungsraums verheerend wären. Experten befürchten schwere Konsequenzen für den europäischen Bankensektor - dem Hauptkreditgeber Griechenlands. Und da keine entwickelte Volkswirtschaft ohne gesunde Banken auskommen kann, würden auch Verbraucher und Unternehmen stark getroffen werden.

Welche Folgen würden sich für Griechenland ergeben?

Für Griechenland würde ein Euro-Austritt vermutlich den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Ohne Euro müssten die Hellenen wieder ihre alte Währung Drachme einführen, die vermutlich drastisch abwerten würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugute kommen.

Was würde sich am Schuldenstand Athens ändern?

Die in Euro aufgenommenen Altschulden würden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen. „Selbst ein starker Schuldenschnitt würde Griechenlands Probleme dann nicht lösen, da das Land über Jahre hinweg vom Kapitalmarkt abgeschnitten wäre“, unterstreicht ein HSBC-Experte. Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher schon.

Ist ein Austritt Griechenlands im Interesse anderer Euro-Länder?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht. An den Finanzmärkten würden nach einem Euro-Austritt Griechenlands wohl schnell andere finanzschwache Länder unter starken Druck geraten, möglicherweise auch wirtschaftsstarke Länder. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder - möglicherweise in Verbindung mit einem Schuldenschnitt - aus dem Euroraum ausscheren. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden vermutlich drastisch steigen, und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraums ins Wanken geraten.

Der Bank-Run ist längst im Gange - unsichtbar, aber abzulesen in den Statistiken der griechischen Zentralbank. Danach sind Einlagen der Geschäftsbanken seit Ende 2009 von 237,5 Milliarden Euro auf 183,2 Milliarden Ende September 2011 zusammengeschmolzen - ein Rückgang von 54,3 Milliarden oder 23 Prozent. Die Hälfte davon floss seit Januar 2011 ab. Allein im September gingen die Einlagen um 5,46 Milliarden zurück. Noch nie seit Beginn der Schuldenkrise ist in einem einzigen Monat so viel Geld abgeflossen. Neuere Zahlen hat die Zentralbank noch nicht veröffentlicht. Aber nach Angaben aus Bankenkreisen hat sich der Schwund im Oktober und Anfang November sogar noch beschleunigt, nachdem der inzwischen abgelöste Premier Giorgos Papandreou mit unbedachtem Gerede über eine Volksabstimmung die Angst vor einer Rückkehr Griechenlands zur Drachme schürte.

Aktuell dürften die Einlagen der griechischen Geschäftsbanken deutlich unter 180 Milliarden Euro liegen. Dem stehen ausgereichte Kredite von 253 Milliarden Euro gegenüber. Schon das zeigt: Die griechischen Banken sind mit massiven Liquiditätsproblemen konfrontiert. Das Thema stand auch im Mittelpunkt einer Krisensitzung, zu der Griechenlands Zentralbankchef Giorgos Provopoulos am vergangenen Freitag mit den Vorstandschefs der großen Geschäftsbanken zusammentraf.

Wie viel von dem abgezogenen Geld ins Ausland fließt, ist unklar. Vermutlich weniger als die Hälfte, sagen Branchenkenner. Wegen der Rezession müssen jetzt viele Unternehmen Rücklagen auflösen, zumal die Banken bei der Kreditvergabe sehr zugeknöpft sind. Auch immer mehr griechische Familien leben inzwischen von ihren Ersparnissen, weil sie mit Jobverlust und sinkenden Einkommen konfrontiert sind. Im August stieg die Arbeitslosigkeit auf 18,4 Prozent. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor, aber die Quote dürfte seither weiter gestiegen sein. Nicht wenige Griechen bunkern ihre Spargelder aus Angst vor einem Zusammenbruch des Bankensystems auch daheim.

Griechische Schuldenkrise: wichtige Termine bis zum Jahresende

23./24. Oktober 2011

EU-Gipfel in Brüssel.

1. November 2011

Mario Draghi ersetzt Jean-Claude Trichet als Präsident der EZB.

3. November 2011

EZB Zinsentscheid in Frankfurt, G-20-Gipfel in Cannes.

4. November 2011

G-20-Gipfel in Cannes.

7./8. November 2011

Finanzminister der Eurozone tagen in Brüssel, anschließend Tagung der Finanzminister aller 27 EU-Mitgliedsstaaten.

11. November 2011

Zwei Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

18. November 2011

1,6 Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

29./30. November 2011

Finanzminister der Eurozone tagen in Brüssel, anschließend Tagung der Finanzminister aller 27 EU-Mitgliedsstaaten.

8. Dezember 2011

EZB-Zinsentscheid in Frankfurt.

9. Dezember 2011

EU-Gipfel in Brüssel.

16. Dezember 2011

Zwei Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

19. Dezember 2011

1,17 Mrd. Euro-Staatsanleihen werden fällig.

22. Dezember 2011

0,98 Milliarden Euro-Staatsanleihen werden fällig.

23. Dezember 2011

Zwei Milliarden Euro-Schatzwechsel werden fällig.

29. Dezember 2011

5,23 Milliarden Euro-Staatsanleihen werden fällig.

30. Dezember 2011

0,71 Milliarden Euro-Staatsanleihen werden fällig.

Ende Dezember 2011

Siebte Tranche des Rettungspakets von 2010 steht zur Auszahlung an.

Kommentare (44)

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karstenberwanger

14.11.2011, 09:35 Uhr

Na und? Das selbe wird bei uns ähnlich kommen nur will man es dem kleinen Man nicht so gerne sagen weil der ganze spuk dann viel schneller losbrechen würde als es manchen lieb ist.

derostenistrot

14.11.2011, 09:48 Uhr

mit der Ankündigung von Fr. Dr. Merkel, daß die Sparer auf der sicheren Seite sein sollen, hat sie sich wiederum an Walter Ulbricht orientiert: "..niemand will ....."

Account gelöscht!

14.11.2011, 09:54 Uhr

Was würde das bei uns nützen? Wenn die DM wiederkommt, ist das natürlich mit einer Währungsreform verbunden, in die alle Einlagen bei deutschen Banken ebenso einbezogen werden wie Bargeld im heimischen Keller-Safe. Also tauscht man dann die ungeliebten Euros ein und bekommt je Euro sagen wir 0,75 DM - optimistisch gerechnet! Schönen Tag!

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