Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.10.2011

09:47 Uhr

Bankenaufspaltung

Trennung ist keine Lösung

VonMichael Brackmann, Jens Münchrath, Christian Panster, Peter Köhler, Yasmin Osman, Thorsten Giersch, Robert Landgraf

Der Vorstoß des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, Banken aufzuspalten, trifft zwar den Nerv der Bevölkerung. Er ist aber nicht geeignet, das Finanzsystem auf eine solidere Basis zu stellen.

Sorgen in Frankfurt: Das Trennbankensystem hat viele Nachteile. dpa

Sorgen in Frankfurt: Das Trennbankensystem hat viele Nachteile.

Frankfurt/DüsseldorfDie Empörung bei den Straßenprotesten gegen den "Kasino-Kapitalismus" ist im Zentrum des politischen Establishments angekommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt ausrichten, die Demonstrationen gegen die "Gier der Banker" artikulierten "ein berechtigtes Gerechtigkeitsverlangen der Menschen".

FDP-Generalsekretär Christian Lindner versichert, die Liberalen nähmen die Proteste sehr ernst. An die Spitze der Anti-Banken-Bewegung allerdings setzte sich SPD-Chef Sigmar Gabriel. Gegen den geballten Widerstand der europäischen Finanzlobby, so der deutsche Oppositionsführer, müssten die Institute aufgespalten werden - in Geschäftsbanken und Investmentbanken. Nur so könne durchgesetzt werden, dass die Banken, statt zu zocken, wieder zu "Dienern der Realwirtschaft" würden.

Mit diesem Vorstoß versucht Gabriel, frühzeitig ein wahlkampftaugliches Thema für die Sozialdemokraten zu besetzen. Und er trifft damit einen Nerv der Bürger. Wohl kaum ein Berufsstand ist im Jahr vier der Finanz- und im Jahr zwei der Euro-Krise derart umstritten wie der des Bankers. Waren nicht die Banken mit ihren Zockerpapieren namens Subprime Auslöser der großen Finanzkrise? Und sind es jetzt nicht wieder die Banken, die erneut die Stabilität des Finanzsystems gefährden, weil sie eine Abwertung der Anleihen hochverschuldeter Staaten nicht verkraften?

Die Nachteile des Trennbankensystems

Das jetzige System ist sinnvoll

SPD-Chef Gabriel will Banken dazu zwingen, ihr Investment- und Privatkundengeschäft aufzuspalten. Es gibt aber viele Gründe, die dagegensprechen.

Einzelne Institute würden nicht überleben

Eine Universalbank in ihre Einzelteile zu zerlegen ist so, als würde man siamesische Zwillinge trennen: Zu sehr sind die einzelnen Geschäftsbereiche der Kreditinstitute in den vergangenen Jahren zusammengewachsen. Zu schwer würde es die Sparten treffen, risse man sie jetzt auseinander. Eine Operation ohne Garantie für den Chirurgen, dass die Patienten allein auch überlebensfähig wären.

Perfekte Verbindung

Das Investment-Banking, das Politiker wie SPD-Chef Sigmar Gabriel in diesen Tagen am liebsten verbieten würden, ist mehr als nur der Eigenhandel und mehr als nur das riskante Geschäft mit Anleihen, Aktien oder Derivaten, das viele Kritiker meinen, wenn sie fordern, die Banken zu zerschlagen. Investment-Banking ist vor allem Beratung und Kapitalmarktexpertise. Dieses Geschäft lässt sich perfekt mit dem klassischen Kundengeschäft verbinden. Und das haben viele Universalbanken in den vergangenen Jahren auch sehr erfolgreich getan, gerade beim sogenannten M&A-Geschäft, dem Geschäft mit Fusionen und Übernahmen.

Universalbank auch für Kunden von Vorteil

In der Regel ist es ein großer Vorteil für die Bank, aber auch den Kunden, wenn das beratende Institut kein reines Investmenthaus, sondern eine Universalbank ist. Eine Bank, die nicht nur berät, sondern auch über ein eigenes Kreditbuch verfügt, also im Zweifel bei der Finanzierung einer milliardenschweren Übernahme einspringen beziehungsweise Kredite verlängern oder erhöhen kann. Kunden schätzen diesen Rundum-Service, zumal das M&A-Geschäft in den vergangenen Jahren immer internationaler und deshalb für alle Beteiligten komplexer geworden ist.

Verluste ausgleichen

Universalbanken können zudem Verluste zwischen einzelnen Sparten ausgleichen und ihre Risiken stärker streuen, also besser kontrollieren. Zumindest theoretisch. „Das Universalbankensystem hat sich bei uns als sehr stabil erwiesen“, sagt Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Erst als die Geldhäuser hochkomplexe und undurchsichtige Finanzprodukte sowie Bonussysteme wie in den USA eingeführt hätten, sei es zur Krise gekommen.

Historisch gewachsen

Bankenfachmann Burghof hält „herzlich wenig“ von Gabriels Vorschlägen: „Wir haben in Europa ganz andere Erfahrungen und einen ganz anderen historischen Hintergrund mit unserem Bankensystem als die Amerikaner“, sagt der Wissenschaftler.

Trennbankensystem hätte die Lehman-Pleite nicht verhindert

Die US-Investmentbank Lehman Brothers, deren Zusammenbruch im September 2008 die Finanzkrise dramatisch verschärfte, war ja nichts anderes als eine Trennbank: eine reine Investmentbank ohne Spareinlagen und Firmenkredite. Und wahrscheinlich führte gerade diese Tatsache zu der Entscheidung der US-Regierung unter Präsident George W. Bush, die Bank nicht zu retten, sondern pleitegehen zu lassen.

Andere Situation bei US-Banken

Für die US-Banken wäre die Einführung eines Trennbankensystems immerhin die Rückkehr zu einer von 1933 bis 1999 geübten Praxis. Für europäische Universalbanken hingegen liefe die Zerschlagung in Geschäftsbanken und Investmentbanken auf ein mehr als riskantes Abenteuer hinaus. Denn viele europäische Banken haben gar kein eigenständig lebensfähiges Investment- oder Privatkundengeschäft.

Welle von Übernahmen

Die Folge einer Aufspaltung, so Finanzexperten, wäre eine Welle von Fusionen und Übernahmen. Die Banken, die von der Finanzkrise am stärksten betroffen waren, waren übrigens gerade keine Universalbanken: HRE, IKB, WestLB oder BayernLB. Und schließlich: Ein Trennbankensystem hätte auch nicht die Immobilienblasen in Spanien, Portugal und Irland verhindert. Diese waren vielmehr, wie in den USA, die Folge billigen Zentralbankgeldes.

Universalbanken sind weniger krisenanfällig

Wenn die Krisenjahre etwas bewiesen haben, dann ist es die Überlegenheit des sogenannten Universalbanken-Modells. Wenn man die Bereiche stärker als bisher voneinander abgrenzen will, braucht man eine Bank nicht gleich zu zerschlagen.

Idealbeispiel Deutsche Bank

Bestes Beispiel dafür ist die Deutsche Bank. Sie kam bisher ohne Staatshilfe durch die Krise, weil sie trotz eines dominanten Investment-Bankings schon vor der Übernahme der Postbank in Europa auf zehn Millionen Privatkunden als Gegengewicht bauen konnte. Mit dem Zukauf der Bonner Filialbank und dem Erwerb des privaten Bankhauses Sal. Oppenheim wird zukünftig ein noch stärker ausbalanciertes Geschäftsmodell entstehen.

Modell für „interne Trennung“

Der Wirtschaftswissenschaftler John Vickers hat für die britische Regierung ein Modell entworfen, bei dem die Geldhäuser intern das Privatkundengeschäft und Investment-Banking strikt voneinander abschotten können. Dieses „Ringfencing“ soll dafür sorgen, dass für das Finanzsystem wichtige Funktionen wie der Zahlungsverkehr oder die Sicherheit von Sparkonten nicht leiden, wenn Risikogeschäfte schiefgehen. Deutsche-Bank-Risikovorstand Hugo Bänziger kann sich so ein Modell grundsätzlich vorstellen. Es komme aber auf die konkrete Ausgestaltung an, sagt er.

Banken sind nur so gut oder schlecht wie das Management

Die Gleichung „Investment-Banking ist böse, Kreditbanken sind gut“ hat mit der Realität nichts zu tun. Die Jahre seit der Lehman-Pleite haben nämlich gezeigt, dass es vor allem auf die Risikomanager in den einzelnen Instituten ankommt, damit eine Bank nicht in Schieflage gerät oder vom Staat gerettet werden muss.

Klumpenrisiken sind das Problem

Häuser wie die Düsseldorfer WestLB oder der Mittelstandsfinanzierer IKB wurden vor allem deshalb zu Sanierungsfällen, weil das Management zu stark in den toxischen Subprime-Papieren am US-Immobilienmarkt engagiert war. So handelte man sich in einem eng begrenzten Feld am Kapitalmarkt nicht beherrschbare Klumpenrisiken ein. Diese Konzentration von Risiken ist auch heute wieder aktuell.

Risiken streuen

Banken mit gutem Risikomanagement haben ihre Anlagen über viele Staaten und Asset-Klassen gestreut, sie können Abschreibungen – etwa auf griechische Bonds – besser verdauen als andere Institute. Ein schlechtes Risikomanagement kann alle Geschäftsmodelle treffen. Die lokale Sparkasse Köln-Bonn etwa patzte bei der Vergabe großer Kredite für Renommierprojekte, bei der weltweit agierenden UBS verhagelten Spekulationen eines einzelnen Händlers die Bilanz.

Im Notfall entscheidet sowieso der Soffin

„Keine Bank darf so groß sein, dass sie die Regierung erpressen kann“, sagte Kanzlerin Angela Merkel vor zwei Jahren. Milliardenverluste wie bei der Immobilienbank HRE, die nur mit Hilfe des Staates gerettet werden konnte, sollen nie mehr vorkommen.

Auf die Größe kommt es nicht an

Inzwischen allerdings kommt es bei Rettungsaktionen weder auf die Größe des Instituts noch darauf an, ob es sich um eine Investmentbank oder eine Universalbank handelt. Das zeigt ein Blick in das seit Anfang 2011 geltende Bankenrestrukturierungsgesetz.

Es gibt eine Gesetzes-Regelung

Danach sollen Kapitalhilfen zwar angeschlagenen Instituten wieder auf die Beine helfen. Dabei trennt der Rettungsfonds Soffin in Kooperation mit der Finanzaufsicht Bafin aber zwischen erhaltenswerten, systemrelevanten Bereichen wie dem Kreditgeschäft und nicht systemrelevanten Bereichen wie dem Investment-Banking. Diese können nach dem Gesetz abgespalten und abgewickelt werden.

Geringes Risiko für den Staat

Für den Staat bleibt das Risiko damit schon jetzt möglichst klein. Der Soffin selbst ist auf Nothilfe vorbereitet. Es wurden drei Brückenbanken gegründet, eine ist mit dem nötigen Kapital ausgestattet, um sofort starten zu können. Insgesamt könnten 100 Milliarden Euro Liquiditätsgarantien und 20 Milliarden Euro mobilisiert werden, um Banken zu rekapitalisieren.

Banken wären dem Kapitalmarkt ausgeliefert

Der Kapitalmarkt ist ein wankelmütiger Patron, wie die Finanzkrise gezeigt hat. Banken, die sich allein dort finanzieren, finden nur wenige Kreditgeber und geraten schnell in Liquiditätsnöte – wie jüngst die belgisch-französische Dexia, die ihre langfristigen Darlehen vor allem über kurzfristige Kapitalmarktkredite finanziert hatte.

Schwierige Kreditversorgung

Die Risiken sind auch Profiinvestoren wie Versicherungen, Fonds oder Banken bewusst. Banken, deren einzige Finanzquelle der Kapitalmarkt ist, bekommen deshalb zu eher ungünstigen Konditionen Kredite. Die Kapitalmärkte folgen der Logik: Wer hat (Privatkundeneinlagen), dem wird gegeben (Kapitalmarktkredite). Solche Refinanzierungsthemen sind ein Grund dafür, dass es für Finanzinvestoren derzeit so schwer ist, Banken zu kaufen, die vom Kapitalmarkt abhängig sind.

Trennung macht Produkte teurer

Denn die Märkte halten sowohl die Investoren als auch die Banken für riskant und leihen ihnen ungern Geld. So scheiterte gerade der geplante Kauf der BHF-Bank durch einen Finanzinvestor. Eine Trennung zwischen einlagenfinanzierten Banken und reinen Kapitalmarktbanken würde wohl dazu führen, dass Letztere ihre Produkte teurer anbieten müssten, weil sie sich selbst nur teuer refinanzieren können.

Gabriel, so viel steht fest, hat ein wichtiges Thema angesprochen. Das Problem: Sein Lösungsvorschlag trägt nicht. Nicht nur ökonomische Argumente sprechen gegen die strikte Trennung des Kreditgeschäfts vom Investment-Banking. Auch ein Blick in die Historie zeigt, dass eine simple Aufspaltung von Großbanken kaum Probleme löst, aber viele neue schafft.

In den USA beispielsweise kam es in den 80er-Jahren trotz des geltenden Trennbankensystems zu aufsehenerregenden Massenpleiten von Spar- und Darlehenskassen. US-Präsident Bill Clinton hob die strikte Trennung des Kreditgeschäfts und des Investment-Bankings deshalb 1999 wieder auf. Im Zuge der 2007 ausgebrochenen Finanzkrise führte die US-Regierung sie in abgemilderter Form wieder ein.

Kommentare (27)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Sonderschueler

18.10.2011, 09:59 Uhr

7 Autoren für einen derart dilletantischen Artikel? Alle Achtung, Handelsblatt!

Rudolf

18.10.2011, 10:20 Uhr

Ich frage mich immer, was denn so schwer sein soll? Wieso geht denn keiner zurück an die Wurzeln? Diese Probleme sind ja nicht von jetzt auf gleich entstanden. Momentan wird nur, wie in der Medizin auch so oft, an den Symptomen "herumgebastelt".

Doch was soll das bringen? Ursachenforschung ist angesaft. Wieso weitet sich die Verschuldung für uns alle immer weiter aus trotz "angeblicher" Sparmaßnahmen? Die Antwort ist ebenso offensichtlich wie prägnant. Das liegt am Zins. Der Zins sorgt für Schuldenausweitung, das merken Sie schon, wenn Sie ein Auto finanzieren müssen, denn die rückzahlbare Geldmenge ist viel höher als der ursprüngliche Kreditbetrag...
Zu diesen Themen gibt es mittlerweile manigfaltig Literatur z. B. von Prof. Bernd Senf oder dem Buchautoren Stefan Groß. Groß geht sogar noch weiter und stellt ein komplett neues Wirtschaftssytem vor, welches durch Transparenz für Ehrlichkteit und fairen Wettbewerb sort. Wir profitieren alle davon.

Account gelöscht!

18.10.2011, 10:28 Uhr

Was schon helfen könnte

1. Auch die "ausfallsicheren" Staatsanleihen müssen künftig mit Eigenkapital unterlegt werden. Aber das wird vermutlich auch Herr Gabriel nicht wollen, die Politik schneidet sich damit ja ins eigene Fleisch.

2. EZB-Mindestreservesatz wird langsam aber stetig von 2% auf 100% angehoben. Damit liegt die Kontrolle der Geldschöpfung allein bei der EZB.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×