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09.03.2012

10:18 Uhr

Bankenverband

Commerzbank-Chef Blessing erzürnt seine Kollegen

VonNicole Bastian, Yasmin Osman

Der Commerzbank-Chef verlässt das Führungsgremium des Bankenverbands BdB, um sich stärker international zu engagieren. Seine Kollegen reagieren pikiert. Für eine Großbank ist der Schritt äußerst ungewöhnlich.

Martin Blessing sagt „Tschüss“. An der BdB-Spitze soll ihn künftig Commerzbankvorstand Markus Beumer vertreten. Reuters

Martin Blessing sagt „Tschüss“. An der BdB-Spitze soll ihn künftig Commerzbankvorstand Markus Beumer vertreten.

FrankfurtDer Vorstand des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) möchte ein mächtiges Gremium sein. Und deshalb entsenden alle Banken, die Mitglied dieses Führungszirkels sind, auch immer ihre Vorstandssprecher dorthin. Alle Banken? Nicht ganz. Ausgerechnet Martin Blessing, der Chef der Commerzbank, der zweitgrößten deutschen Geschäftsbank, bricht mit dieser Regel und schickt künftig seinen Mittelstandsvorstand Markus Beumer in die BdB-Spitze.

Die Nachricht, die der Verband am Mittwoch versandte, traf die meisten Mitglieder ziemlich unvorbereitet. „Nichts hat darauf hingedeutet“, sagt einer. Und auch am Tag danach ist das Rätselraten über die Motive der Bank, die am Frankfurter Kaiserplatz residiert, groß. Der Schritt ist ungewöhnlich. Es kommt fast nie vor, dass eine Bank einen einfachen Vorstand in das Spitzengremium des BdB entsendet, erst recht keine Großbank. Detlef Bierbaum, persönlich haftender Gesellschafter von Sal. Oppenheim, gehörte zu den raren Ausnahmen.

Offiziell reagiert der Verband staatstragend. „Martin Blessing hat uns in den vergangenen Jahren aktiv unterstützt, wir haben sehr gern mit ihm im Vorstand gearbeitet“, sagt Andreas Schmitz, der Präsident des BdB und Chef von HSBC Trinkaus & Burkhardt. „Ich freue mich, dass Markus Beumer, den wir als Vorsitzenden des Ausschusses für Unternehmensfinanzierung schon gut kennen, künftig im Vorstand mitarbeiten wird.“

Doch unter dem Deckel brodelt es. Namentlich zitieren lassen, will sich keiner. Doch bei einigen BdB-Kollegen kam die Nachricht ähnlich schlecht an wie die Kapitalerhöhung der Commerzbank bei ihren Aktionären. Im Vorstand des BdB hieß es, der Schritt habe durchaus für „Irritationen“ gesorgt.

Die Probleme der Commerzbank

Das bisherige Ziel: Staatshilfe zurückzahlen

Commerzbank-Chef Martin Blessing bemüht sich seit drei Jahren, die Staatshilfen zurückzuzahlen, mit denen die zweitgrößte deutsche Bank in der Kreditklemme 2008 gestützt wurde. Nun droht die Schuldenkrise in Europa die Bank  wieder auf das Startfeld zurückzuwerfen.

Die Kapitelerhöhung

Im vergangenen Jahr hat Blessing das Kapital der Bank um 11 Mrd. Euro erhöht. Eine Aktienplatzierung sowie eine Wandlung der stillen Beteiligung des Bankenrettungsfonds Soffin in Aktien und Überschusskapital ermöglichten es der Bank, im Juni 14,3 Mrd. Euro an Staatshilfen zurückzuzahlen.

„Weit aus dem Fenster gelehnt“

Blessing "hat sich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt mit seinen Äußerungen seit Oktober, die Commerzbank werde keine Staatshilfe beantragen", sagt Analyst Olaf Kayser von der Landesbank Baden-Württemberg der Nachrichtenagentur Bloomberg. "Sie könnten erklären, dass die Regeln mitten  im Spiel geändert wurden, aber sie werden alles versuchen, bevor sie nochmals staatliche Hilfe annehmen müssen."

Die große Gefahr

Blessing hat sich dazu verpflichtet, keine staatlichen Hilfen mehr anzunehmen, obwohl die Commerzbank unter Druck steht, ihr Kapital auszuweiten, um striktere Vorschriften zu erfüllen. Doch sollte die EBA ihre Kapitalanforderungen deutlich anheben, dürfte die Commerzbank beim Rettungsfonds Soffin um Hilfen ersuchen müssen.

Das neue Ziel: Notwendiges Kapitalniveau erreichen

Die Commerzbank muss dringend Maßnahmen ergreifen, um das Kapitalniveau auf den von der EBA geforderten Wert zu bringen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, unter anderem den Rückkauf hybrider Anleihen und die Auslagerung von Staatsanleihen in eine sogenannte "Bad Bank".

Soffin reaktivieren

Der Bund hatte nach Ausbruch der Finanzkrise den Rettungsfonds Soffin aufgelegt. Der hat Milliardensummen in die Finanzbranche, die Tore für neue Hilfen aber Ende 2010 geschlossen. Doch unter Umständen wird das zurückgenommen; der Soffin könnte der Eurohypo also vielleicht zur Verfügung stehen.

Erneute Staatshilfe vermeiden

Natürlich will die Commerzbank wenn es irgendwie geht verhindern, erneut die Hilfe des Staates in Anspruch nehmen zu müssen. Bereits angekündigt hat die Bank Pläne, die risikogewichteten Aktiva um bis zu 30 Milliarden Euro zu verringern.

Sorgenkind Eurohypo

Zudem hat das Institut die Kreditvergabe bei der Hypothekentochter Eurohypo vorübergehend einzustellen. Für die Tochter sucht die Commerzbank zudem nach Kaufinteressenten, auch eine Übernahme durch den Staat ist im Gespräch, wie aus unterrichteten Kreisen verlautete.

Hohen Verlust in Kauf nehmen

Entscheidend dürfte am Ende die Bewertung der kritischen Eurohypo-Teile im Falle einer Auslagerung an den Bund sein. Die Bank erwägt eine Trennung mit hohem Verlust, um ein Beihilfeverfahren der EU zu vermeiden. In Brüssel schaut man mit Argusaugen darauf, wie Staaten ihren Banken helfen - bei Wettbewerbsverzerrungen müssen sie einschreiten. Eine der Auflagen zur Gewährung der vorherigen Staatshilfe war der Verkauf der Eurohypo bis Ende 2014.

Verkauf strategischer Beteiligungen

Nun prüft die Commerzbank auch den Verkauf nicht strategischer Beteiligungen. Nur die Anteile an der Comdirect Bank und der polnischen BRE Bank stehen nicht zur Disposition. Damit will die Commerzbank bis Mitte 2012 die Kapitalanforderungen der EBA bis Mitte 2012 erfüllen.

Aktienkurs im Sinkflug

Der Aktienkurs der Commerzbank ist in der zweiten Jahreshälfte 2011 um 56 Prozent eingebrochen. Damit zeigte die Aktie im deutschen Benchmarkindex Dax die schlechteste Performance. 2012 ging es aber wieder aufwärts.

Das gilt auch für die Begründung, Blessing wolle sich stärker auf seine Arbeit im Vorstand des internationalen Weltbankenverbandes IIF konzentrieren. Blessing schreibe sich auf die Fahne, eine große deutsche Bank mit klarem Fokus in Deutschland aufbauen zu wollen, und reduziere die internationale Präsenz seiner Bank, sagt einer. „Und gleichzeitig zieht er sich von seinem nationalen Verbandsmandat zurück, um sich auf ein internationales Mandat zu konzentrieren. Das ist wenig glaubwürdig“, so ein Mitglied.

Kommentare (8)

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Thomas-Melber-Stuttgart

09.03.2012, 10:38 Uhr

Na ja, Herr Blessing schaut sich schon 'mal nach einer anderen Arbeitsstelle um.

Account gelöscht!

09.03.2012, 11:09 Uhr

“Mors tuam, vita meam”. Das gilt auch für Banken. Was will denn dieser BdB? Das sich alle Banken die Hände reichen und alle miteinander glücklich werden? So funktioniert das nicht. Auch Banken sind Konkurrenten. Und jeder Kunde, der zur einen Bank geht ist gleichzeitig ein Kunde weniger für die andere Bank. Ich glaube Herr Blessing hat das verstanden und hat damit auch den Unsinn des BdB erkannt.

Huntelaar

09.03.2012, 11:23 Uhr

Kann die Aufregung nicht ganz verstehen.
Der Bundesverband der deutschen Banken vertritt schließlich nur die privaten Banken und nicht die gesamte Branche, weil die Sparkassen und Genossenschaftsbanken eigene Interessenvertretungen haben.
In der Versicherungsbranche ist das anders, dort vertritt der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft tatsächlich die gesamte Versicherungswirtschaft.

Außerdem spielt die staatshilfenfreie Deutsche Bank ohnehin in einer eigenen Liga und nimmt ihre Interessen über eigene Vertreter direkt wahr.

Ackermann war schließlich bei der Griechenland Rettung direkt beteiligt und kein BdB Vertreter.
Angesichts der zahlreichen Herausforderungen bei der Commerzbank kann ich es gut verstehen, wenn Herr Blessing sich weniger einem solchen - salopp und überspitzt ausgedrückt "Verbandsdünkel" widmet. Außerdem hat Blessing aufgrund der üppigen Staatshilfen und deren Rückführungsverhandlungen auch ein nicht - in Wettbewerbshinsicht- nicht vollkommen konfliktfreies Verhältnis zu den anderen privaten Banken. Weil die Commerzbank insofern den staatlichen Banken fast schon näher ist, verstehe ich dass sie das Engagement beim Interessensverband der privaten Banken nicht mehr in vollem Umfang ausführt. Für den Steuerzahler wünsche ich mir allerdings, dass die Commerzbank ihre Staatshilfen alsbald in voller Höhe mit Zinseszins zurückzahlt und demnächst nicht dem Bundesverband öffentlicher Banken beitreten muss.

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