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27.07.2012

09:39 Uhr

Barclays-Entschuldigung

„Wir haben unsere Kunden und Aktionäre enttäuscht“

Die britische Großbank gibt sich im Libor-Skandal reumütig. Für die Aktionäre hat der noch amtierende Verwaltungsratschef Agius aber positive Nachrichten: Der Quartalsgewinn steigt auf knapp 1,8 Milliarden Pfund.

Bauarbeiten bei Barclays: Die Großbank legt solide Zahlen in der Libor-Krise vor. Reuters

Bauarbeiten bei Barclays: Die Großbank legt solide Zahlen in der Libor-Krise vor.

LondonDie vom Skandal um den manipulierten Referenzzins Libor gebeutelte britische Großbank Barclays ist zumindest im laufenden Geschäft weiter auf Kurs. Im zweiten Quartal stieg der um Sondereffekte bereinigte Gewinn dank deutlich reduzierter Kosten im Vergleich zum Vorjahr leicht auf knapp 1,8 Milliarden Pfund (rund 2,3 Milliarden Euro).

Das ist mehr als von Experten erwartet. Zudem lief das Geschäft im Juli besser als im Vorjahr, wie die Bank am Freitag in London mitteilte. Im ersten Halbjahr steigerte die Bank ihren Vorsteuergewinn auf vergleichbarer Basis um 13 Prozent auf 4,2 Milliarden Pfund. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt lediglich 3,8 Milliarden Pfund erwartet.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Wegen der weiter hohen Unsicherheit an den Finanzmärkten und der sich abschwächenden Konjunktur sei aber Vorsicht geboten. „Es bleiben weiter herausfordernde Zeiten für Barclays und die gesamte Industrie“, sagte der derzeit noch amtierende Verwaltungsratschef Marcus Agius, der kommissarisch die Geschäfte bei der Großbank führt.

Die Zahlen werden aber vom Libor-Skandal überschattet. Agius entschuldigte sich für die Vorfälle der vergangenen Wochen. „Wir entschuldigen uns für die Probleme, die in den vergangenen Wochen aufgetreten sind“, erklärte Verwaltungsratschef Marcus Agius. „Wir sind uns bewusst, dass wir unsere Kunden und Aktionäre enttäuscht haben.“

Banken an die Leine!

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Die Affäre um den möglicherweise manipulierten Libor-Satz war Ende Juni ins Rollen gekommen. Barclays hatte als erstes Geldhaus Manipulationen des Zinssatzes Libor eingeräumt und bekam eine Geldstrafe von fast einer halben Milliarde Dollar von der britischen und der US-amerikanischen Finanzaufsicht sowie vom US-Justizministerium aufgebrummt.

Mitarbeiter hatten versucht, den Liborsatz zu beeinflussen - den Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Anfang Juli musste dann der Vorstandschef Bob Diamond wegen des Libor-Skandals seinen Hut nehmen. Verwaltungsratschef Marcus Agius hat ebenfalls seinen Rückzug angekündigt, bleibt aber vorerst noch an Bord, bis ein Nachfolger gefunden ist.

Kommentare (6)

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holyowly

27.07.2012, 10:20 Uhr

Ich bin zwar weder Kunde noch Aktionär, aber ich würde sagen 'Steckt euch eure Entschuldigung sonstwo hin!'.

So einfach kann man es sich ja auch nicht machen. "Ohhh - ich hab was Böses getan. *zwinker* Entschuuuuuuldigung!"

Warum kann Fehlverhalten nicht einfach bestraft werden? Wer immer mit einen faden Entschuldigung davonkommt, der lernt nie, dass er es besser machen muss.

maui

27.07.2012, 10:25 Uhr

GIER frisst HIRN! - Wenn es nicht (jetzt) an das Tageslicht gekommen wäre, hätte man munter weitergespielt!! Ganz egal, wie dreckig es dem Rest der Welt auch gehen mag. Überzogene Dekadenz! Reif für die Peitschenhiebe des Volkes!

Cardinalvwidder

27.07.2012, 10:33 Uhr

Frag sich nur, wieviel von den 1,8 Mrd. des Quartalsgewinns auf den Zinsskandal und somit auf die Manipulation zurückzuführen sind.

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