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11.01.2017

19:06 Uhr

Börsenhochzeit

Eine Charmeoffensive aus Eschborn

VonMichael Brächer

Die Deutsche Börse wirbt mit einem Gutachten für ihre Fusion mit London. Doch die Kritiker des Milliardendeals überzeugt das nicht. Auch die Europäische Zentralbank prüft die Folgen der Fusion genau.

Der Vorstandschef der Deutschen Börse hat ein Gutachten in Auftrag geben, das sich für den Zusammenschluss mit der Londoner Börse ausspricht. Reuters

Börsenchef Carsten Kengeter

Der Vorstandschef der Deutschen Börse hat ein Gutachten in Auftrag geben, das sich für den Zusammenschluss mit der Londoner Börse ausspricht.

FrankfurtEs geht um Geld, viel Geld: Rund 25 Milliarden Euro wären Deutsche Börse und London Stock Exchange zusammen wert. Zum dritten Mal proben beide Marktplatzbetreiber den Zusammenschluss. Seit der Deal vor knapp einem Jahr publik wurde, haben beide Börsen viele Millionen Euro an Berater, Anwälte und Lobbyisten bezahlt, um die Börsenhochzeit vorzubereiten. Doch dass sie glückt, ist längst nicht ausgemacht – denn auch die Aufseher haben ein Wort mitzureden.

Schon früh entbrannte in Frankfurt eine Debatte über das Für und Wider der Fusion. Jetzt erhöht der Konzern aus Eschborn den Druck mit einem Gutachten. Wirtschaftsprofessor Dirk Schiereck von der Universität Darmstadt erklärt darin, „warum der Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange den Finanzplatz Frankfurt stärkt“. Doch Kritiker des Megadeals überzeugt das nicht. Denn auf die vielleicht wichtigste Frage für das Schicksal der Fusion geht die Untersuchung gar nicht ein. Unterdessen hat Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, angekündigt, dass sein Haus den Deal genau überprüfen wird.

Diese Fusionspläne der Deutschen Börse sind gescheitert

17. Juli 2000

Die Deutsche Börse präsentiert einen Plan für die Gründung de iX international exchange zusammen mit der Londoner LSE. Die beiden Partner hoffen, mit der paneuropäischen Handelsplattform weitere Börsenbetreiber mit ins Boot zu holen. Das Projekt scheitert allerdings an mangelnder Unterstützung.

Sommer 2003

Der damalige Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, trifft sich mit Euronext-Chef Francois Theodore. Die Gespräche über eine Fusion werden allerdings beendet, nachdem sich beide Seiten nicht über die Bewertung ihrer Häuser einig werden.

Frühling 2004

Seifert und Theodore nehmen ein weiteres Mal Kontakt auf. Ein Zwist über die Besetzung der Führungspositionen lässt sie abermals ergebnislos auseinandergehen.

August 2004

Die Schweizer Börse SWX lehnt Pläne der Deutschen Börse für eine Fusion, faktisch eine Übernahme, ab.

13. Dezember 2004

Die Deutsche Börse veröffentlicht ein Übernahmeangebot für die LSE über knapp zwei Milliarden Euro, das 2005 am Widerstand des Hedgefonds und Deutsche-Börse-Aktionärs TCI scheitert.

21. Februar 2006

Der neue Börsenchef Reto Francioni legt ein vorläufiges Fusionsangebot für die Pariser Euronext vor und facht damit ein Konsolidierungsfieber in der Branche an.

19. Mai 2006

Die Deutsche Börse dient Euronext-Chef Theodore die Führung eines vereinten Unternehmens an, besteht allerdings auf Frankfurt als Hauptsitz. Auch der Großteil des Managements sollte am Main angesiedelt sein.

Juni 2006

Die Deutsche Börse unterbreitet der Euronext einen überarbeiteten Fusionsvorschlag. Die Frankfurter geben in der Hauptquartiersfrage nach, doch der Vorstoß kommt zu spät: Die Euronext schließt sich mit der NYSE zusammen.

Dezember 2008

Deutsche Börse und NYSE Euronext loten eine Fusion aus. Die Pläne werden vorzeitig bekannt und scheitern.

April 2011

Die Börse wagt einen weiteren Versuch, mit der Nyse Euronext als Partner eine neue Größenordnung zu erreichen. Die US-Börsen Nasdaq OMX und ICE wollen die Fusion mit einer Gegenofferte für die Nyse torpedieren.

Februar 2012

Der Traum Francionis platzt erneut. Die EU-Kommission untersagt die Milliardenfusion mit der Nyse Euronext aus schwerwiegenden wettbewerbsrechtlichen Bedenken. Die EU fürchtet vor allem ein weltweites Monopol im Handel mit europäischen Finanzderivaten.

Februar 2016

Die Deutsche Börse und die Londoner Börse machen nach Marktgerüchten Pläne für einen Zusammenschluss öffentlich.

März 2016

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) sind handelseinig und streben eine Fusion auf Augenhöhe an.

März 2017

Die EU-Kommission untersagt den milliardenschweren Deal, weil er auf dem Markt zur Abwicklung festverzinslicher Finanzinstrumente „ein De-Facto-Monopol“ geschaffen hätte.

Der Ökonom Dirk Schiereck argumentiert, dass nicht nur der Finanzplatz Frankfurt, sondern auch die Kunden der Börse von dem Zusammenschluss profitieren. Der Finanzplatz habe in den vergangenen Jahren bereits an Stellenwert verloren. „Dem dadurch drohenden Bedeutungsverlust kann mittels eines Zusammenschlusses mit einem starken Partner entgegengewirkt werden.“ Zudem benötige die deutsche Wirtschaft eine starke Börse, um sich das notwendige Kapital zu verschaffen, etwa, um den Umbau zur „Industrie 4.0“ zu finanzieren. Auch sollen Startups durch die Fusion leichter an die „ungleich reifere und sehr viel kapitalstärkere Frühphasenfinanzierungsszene in London“ kommen.

Für den Fall, dass der Zusammenschluss platzt, malt Schiereck ein Schreckensszenario aus: Ohne die Fusion, so der Ökonom, werde die Börse „und damit der Finanzplatz Frankfurt mittelfristig erheblich an Bedeutung verlieren“. Ähnliche Argumente führt auch Börsenchef Carsten Kengeter ins Feld, um für den Milliardendeal zu werben. Wider und wider warnte er vor einem Bedeutungsverlust für Frankfurt, sollte der Deal platzen.

Doch die Kritiker der Fusion überzeugt das nicht. Dass der Zusammenschluss mit London sich grundsätzlich lohnt, bezweifelt in Frankfurt kaum jemand. Doch die Konditionen des Deals brachten der Börse harsche Kritik von Aufsehern, Aktionären und Politikern ein. Kristallisationspunkt für den Streit sind die Standortpläne: Der Rechtssitz des Konzerns soll in London angesiedelt werden. Nach einem Brexit läge der Sitz der wichtigsten Börse in Europa damit außerhalb der EU. Bafin-Chef Felix Hufeld nannte das „schwer vorstellbar“. Doch formell hat Deutschlands höchster Finanzaufseher für den Deal nur eine beratende Funktion.

Die Fusion ruft auch EZB-Chef Mario Draghi auf den Plan. Die Europäische Zentralbank müsse den Zusammenschluss „sorgsam“ analysieren, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg aus einem Schreiben des EZB-Präsidenten an die französische Europaparlamentarierin Pervenche Beres. Wenn eine Fusion zur Änderung der Besitzverhältnisse einer Bank in der Eurozone führe, „muss die EZB das aus aufsichtsrechtlicher Perspektive sorgsam überprüfen.“ Beide Börsenbetreiber brauchen für ihre Geschäfte Banklizenzen und fallen damit unter die Bankaufsicht.

Die Unsicherheit über das zukünftige Verhältnis von Großbritannien zur Eurozone könne zu einem Verlust an Aufsichtsmöglichkeiten führen, fürchtet Draghi mit Blick auf das Clearing-Geschäft in London. Über die Clearinghäuser in der City wickeln viele Investoren ihre auf Euro lautendenden Derivategeschäfte ab. Es sei wichtig, für das britische Euro-Clearing eine Lösung zu finden, die den derzeitigen Standard der Aufsicht bewahrt oder möglichst sogar verbessert.

Derzeit klopft die EU-Kommission die wettbewerbsrechtlichen Folgen der Fusion ab. Wenn Brüssel den Deal genehmigt, ist die hessische Börsenaufsicht gefragt. Sie kann die Fusion untersagen, wenn sie die Fortentwicklung der Börse gefährdet sieht. Noch hat sich der zuständige Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) nicht festgelegt.

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